WM-Medaillengewinnerin Mujinga Kambundji bleibt in diesem Winter zu Hause

Die Sprinterin Mujinga Kambundji verzichtet in der Hallen-Saison auf Rennen, Hürdenläuferin Lea Sprunger wollte gar an die WM nach Nanjing. Zwei Wege im Olympiajahr.

Raya Badraun
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Mujinga Kambundji hat sich entschieden,diesen Winter vorwiegend in Bern zu trainieren.

Mujinga Kambundji hat sich entschieden,diesen Winter vorwiegend in Bern zu trainieren.

Bild: Jean-Christophe Bott , Keystone

Der Herbst 2018 war nicht einfach für Lea Sprunger – auch wenn es nicht so schien. Damals hatte sie eben erst EM-Gold über 400 m Hürden gewonnen. Das war ihr Ziel, das war ihr Traum. Und nun war er erfüllt. Als Sprunger nach der Saisonpause wieder ins Training einstieg, hatte sie einen Winter-Blues. Sie fragte sich, was nun komme, wofür sie arbeite. Dazu kamen ­Rückenschmerzen, die sie dazu zwangen, das Training anzupassen. «Im Kopf war ich damals nicht frei», sagt die Waadtländerin. Heute sind die Schmerzen vergessen. Die 29-Jährige weiss nun, welche Übungen helfen. Auch sonst ist vieles anders als vor einem Jahr, auch wenn es nicht unbedingt einfacher ist. Das hat viel mit der WM im vergangenen Oktober zu tun.

Lea Sprunger startet an der Schweizer Meisterschaft über 60 m.

Lea Sprunger startet an der Schweizer Meisterschaft über 60 m.

Bild: imago

Sprunger wurde in Doha mit einem Schweizer Rekord Vierte. Damit hatte niemand gerechnet. Doch sie sagt auch:

«Das ist der schlimmste Platz überhaupt.»

Das Resultat machte es für sie jedoch einfacher, in die Vorbereitungen zu starten. «Ich habe gesehen, dass noch Potenzial da ist. Die Motivation war viel grösser», so Sprunger. Und obwohl die vergangene Saison lang war, stellte sie sich nie die Frage, ob sie eine Hallensaison machen will. Sie fragte sich vielmehr: Warum nicht?

Gedrängter Zeitplan verhindert einen Start

Mujinga Kambundji hat sich anders entschieden. Seit 2013 absolvierte die Sprinterin jedes Jahr eine Hallensaison. Nun verzichtet sie erstmals darauf. «Ich dachte, ich werde die Rennen vermissen», sagt die 27-jährige Bernerin. Doch es ist anders gekommen. Sie hat kein Bedürfnis zu starten, auch weil sie in einer ganz anderen Phase in der Vorbereitung ist als ihre Kolleginnen. «Ich bin momentan noch nicht in der Form für einen Wettkampf», sagt sie. «Deshalb ist es für mich okay so.»

Kambundjis Entscheid gegen die Hallensaison hat viel mit dem gedrängten Zeitplan in der Leichtathletik zu tun. Die vergangene Saison mit der WM Anfang Oktober dauerte deutlich länger als sonst. Um in der Halle antreten zu können, hätte sie im Herbst mit dem Training früher beginnen müssen. Nach dem Gewinn der WM-Bronzemedaille über 200 Meter brauchte sie jedoch eine längere Pause.

Eine Wohnung mit Ajla Del Ponte

Auch im Frühling wäre es eng ­geworden. Nach der Hallen-WM, die später als üblich geplant war, hätte die Sommersaison für sie viel zu schnell begonnen. Stress hätte das bedeutet. Stattdessen nimmt sich Kambundji nun viel Zeit und dehnt die Vorbereitung für den Sommer und die Olympischen Spiele in Tokio aus. Sprunger hingegen hatte den Titelkampf in Nanjing, China, als Ziel. Sie wäre über 400 m wohl Medaillenkandidatin gewesen. Doch aufgrund des Corona-Virus wurde die Hallen-WM 2020 kurzfristig abgesagt. Erfreut darüber ist Sprunger nicht. Ihre Saison endet dafür drei Wochen früher als geplant, dadurch kann sie mit der Vorbereitung zeitig beginnen. Ein Trainingslager in Florida ist noch geplant. Es ist eine von vielen Reisen in diesem Winter.

Zweimal war Sprunger schon im Trainingslager in Südafrika. Die restliche Zeit trainiert sie in den Niederlanden, wo ihr Trainer Laurent Meuwly stationiert ist. Zusammen mit Ajla Del Ponte hat sie dort nun eine Wohnung gemietet. «So kann ich auch einmal etwas dalassen», sagt sie. Einfach ist das Leben in der Fremde jedoch nicht immer. Die Trainingsgruppe sei super. Doch sie sei fort von Zuhause und es werde nur Englisch gesprochen.

Kambundji hat sich entschieden, diesen Winter vorwiegend zu Hause in Bern zu sein. Sie sagt:

«In den vergangenen Jahren bin ich in den Wintermonaten viel gereist. Ich pendelte nach Mannheim, dann nach London. Das war sehr anstrengend.»

Ist sie länger unterwegs, staut sich viel an. Events mit Sponsoren, Projekte, Termine. Auch sei sie nun älter und könne gut alleine trainieren, weil sie ihren Körper besser kenne. Früher, da brauchte sie noch eine Gruppe um sich. «Heute schätze ich es, öfter Zuhause zu sein und meine Batterien aufladen zu können.» So kann sie sich ihre Trainingszeiten auch flexibel einteilen – je nachdem, was sonst noch ansteht. Ganz alleine trainiert sie im Stadion Wankdorf allerdings nicht. Es seien fast immer andere Athleten da, sagt sie. Und in den Ferien wird sie auch einmal von einer ihrer Schwestern begleitet.

Training auf Teneriffa statt Wettkampf in St.Gallen

Möglich ist dieser Weg auch dank dem Smartphone. Ihre Übungen filmt sie meist. Für sich selbst, um zu sehen, ob sie es richtig macht, und als Vergleich für später. Und sie schickt die Filmchen und Sprachnachrichten auch an ihre Trainer, Steve Fudge und Adrian Ro­thenbühler. Auch das erste Trainingslager in diesem Winter absolviert sie ohne Trainingsgruppe. Wenn an diesem Wochenende in St.Gallen um Titel gekämpft wird, ist Kambundji auf Teneriffa und trainiert für sich. Diese Reise widerspiegelt ihren Weg in diesem besonderen Jahr. Er ist ganz anders als jener von Sprunger, die an den Schweizer Meisterschaften über 60 Meter starten wird. Und doch verfolgen die beiden Leichtathletinnen das gleiche Ziel: die Olympischen Spiele in Tokio.