KARATE: Der Kampf um Medaillen am Bosporus

Der Trienger Yannik Faes reist heute an die Europameisterschaft nach Istanbul. Der einzige Zentralschweizer des Nationalkaders will eine Medaille trotz nicht ganz optimaler Vorbereitung.

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Bereitet sich minutiös auf seinen EM-Auftritt in der Türkei vor: der 24-jährige Luzerner Yannik Faes. (Bild Philipp Schmidli)

Bereitet sich minutiös auf seinen EM-Auftritt in der Türkei vor: der 24-jährige Luzerner Yannik Faes. (Bild Philipp Schmidli)

Claudio Zanini

Für einen kurzen Moment schweigt der ansonsten höchst kommunikative Yannik Faes. Ganz sicher scheint der 24-Jährige nicht zu sein, was er auf die Frage «Würden Sie unterschreiben, dass Sie zu den besten Kämpfern der Schweiz gehören?» antworten soll. Seine Bescheidenheit scheint ihm im Weg zu stehen, um kräftig auf die Pauke zu hauen. Nach reiflicher Überlegung formuliert der Psychologie-Student folgenden Satz: «Ich wurde für die Europameisterschaft selektioniert», und fügt nach einer Pause hinzu, «insofern ist Ihre Aussage nicht ganz falsch.»

EM-Resultat bestätigen

Yannick Faes ist ein reflektierter junger Mann, der zur nationalen Spitze des Karatesports gehört. In seiner Erscheinung eher schmächtig, in seinem Sport jedoch ein Schwergewicht: Als einziger Zentralschweizer reist der Trienger mit der sechsköpfigen Nationalmannschaft heute an die Europameisterschaft nach Istanbul dem Saisonhöhepunkt schlechthin. Im vergangenen Jahr feierte Faes im finnischen Tampere seine EM-Premiere und holte sich den siebten Platz. Insofern ein Achtungserfolg, da es das beste männliche Schweizer Ergebnis war. Bei seiner jetzigen Teilnahme soll mehr her. «Ich will das Resultat der letzten EM bestätigen. Aber ein Podestplatz wäre genial.» Es sei zwar nicht einfach, gegen Karatekas antreten zu müssen, die man kaum kenne. «Aber das darf kein Nachteil sein. Wenn ich selbst angreife und aktiv bin, dann ist alles möglich», betont Faes.

Schwäche abgestellt

Faes ist zweifacher Schweizer Meister in seiner Gewichtsklasse; Kumite bis 60 Kilogramm. Nach seinem ersten Titel 2012 ging er im nachfolgenden Jahr leer aus. Im vergangenen Herbst schlug er wieder zu. Der Sieg an der Schweizer Meisterschaft 2014 hat einiges ausgelöst beim Athleten der Karateschule Sursee. «Ich bin vor allem mental stärker geworden.» Er lasse sich nicht mehr so einfach aus dem Konzept bringen. «Vielfach verzweifelte ich im Kampf, wurde unachtsam und lief meinen Gegnern in den Konter.» An der letzten Schweizer Meisterschaft lag Faes im Halbfinal zwischenzeitlich mit 0:5 im Hintertreffen, ehe er den Kampf drehte, sich für den Final qualifizierte und schliesslich den Titel holte. Die mentale Schwäche hat er abgelegt.

Das Kompliment des Coachs

Auch für Jutta Wimmer, Headcoach beim Karateclub Sursee, ist es die mentale Stärke, die Yannik Faes auszeichnet. «Er bräuchte während der Kämpfe eigentlich gar keinen Trainer», scherzt Wimmer mit einem Schmunzeln. Sie hält grosse Stücke auf den prominentesten ihrer Schützlinge. «Für Yannik ist einiges möglich an der EM. Aber auf diesem hohen Level sind Nuancen entscheidend. Die Tagesform wird ausschlaggebend sein», sagt Wimmer.

Hauptprobe missglückt

Am vergangenen Wochenende war Faes vor seiner Abreise ein letztes Mal an nationalen Wettkämpfen im Einsatz. In Sursee bestritt er das erste von vier Turnieren der Swiss Karate League. Eine Art Standortbestimmung vor dem EM-Highlight. Für einmal trat Faes aber nicht in seiner Gewichtsklasse, sondern in einer höheren (Kumite bis 67 kg) an. Gegen die grösseren Gegner fehlte ihm die Durchschlagskraft für ein Topresultat. Nach einem knappen Startsieg musste Faes zwei Niederlagen in Folge einstecken. Am Ende hatte er sich mit dem fünften Schlussrang zu begnügen. Die Enttäuschung war zwar bei Faes sichtbar, überwog aber in keinster Weise. «Auch in einer höheren Gewichtsklasse will ich meine Kämpfe gewinnen», sagt er ehrgeizig. Piero Lüthold, Leiter der Karateschule Sursee, relativiert jedoch das Ergebnis. «Ich habe Yannik gesagt, er solle nichts riskieren. Es wäre zu schade, hätte er sich vor der EM verletzt.» Die Zielsetzung bei Faes bleibt für die Swiss Karate League unverändert. Nach dem Startturnier in Sursee will er sich in den folgenden zwei Turnieren für die Schweizer Meisterschaft qualifizieren und im November dieses Jahres den Titel verteidigen.

Der schwierige Spagat

Trotz missglückter EM-Hauptprobe ist Faes zuversichtlich für das Highlight in der Türkei. Für die EM muss auch sein Psychologie-Studium eine Woche aussetzen. Alles unter einen Hut zu bringen, sei nicht immer einfach, aber Faes sieht es positiv. «Es ist eher so, dass mein Studium den Karatesport sehr gut ergänzt, gerade für das mentale Training.» Um noch näher am Dojo der Karateschule zu sein, wohnt er nun teilweise bei seiner Freundin Moira in Sursee. «Das ist perfekt für mich. Mit dem Zug bin ich so auch in 50 Minuten an der Uni in Bern.»

Seine Freundin wird nach Istanbul nachreisen und ihm am Donnerstag die Daumen drücken, wenn der erste Wettkampftag ansteht. Ob er noch Zeit finde, mit Moira in der Metropole am Bosporus zu flanieren, weiss Faes noch nicht. «Ich hoffe, ich werde am Samstag und am Sonntag keine Zeit haben», sagt er verschmitzt. Es sind die beiden Tage, an denen die Halbfinals und Finals stattfinden.