KARATE: Diese Frauen sind Vollkontakt-Pioniere

Virginia Ney ist die jüngste Kyokushinkai-Schwarzgurt-Trägerin der Schweiz. Ihre Trainerin Ruth Näpflin trägt als erste und einzige Frau den 6. Dan – weltweit.

Roger Rüegger
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Virginia Ney (links) und ihre Lehrmeisterin Ruth Näpflin in der Kyokushinkai-Karateschule in Kriens. (Bild Philipp Schmidli)

Virginia Ney (links) und ihre Lehrmeisterin Ruth Näpflin in der Kyokushinkai-Karateschule in Kriens. (Bild Philipp Schmidli)

Die Krienserin Virginia Ney (16) hat vor wenigen Tagen im Sommer-Trainingscamp in Willisau ein grosses sportliches Ziel erreicht. Sie hat die Schwarzgurtprüfung (Dan-Prüfung) im Kyokushinkai des Verbandes IFK, International Federation of Karate, bestanden. Damit ist sie die jüngste Frau der Schweiz, die diese Herausforderung gemeistert hat und sich Sempai (1. und höher) bezeichnen darf. «Es bedeutet mir sehr viel. Ich bin mächtig stolz auf mich, dass ich den Schwarzgurt tragen darf. Umso mehr, weil ich den von IFK-Präsident Hanshi Steve Arneil (10. Dan) aus England persönlich erhalten habe. Das ist für mich eine sehr grosse Ehre», sagt die 16-Jährige. Hanshi Steve Arneil ist einer der weltweit anerkanntesten Experten des Kyokushinkai-Karate.

Allzu überraschend ist der Erfolg für Virginia Ney, die seit ihrem 7. Altersjahr in der Karateschule Kriens trainiert, nicht. Die junge Frau, die gestern ihre KV-Lehre bei der Gemeinde Kriens angetreten hat, kann bereits einige sportliche Höhepunkte national und international aufweisen. So ist sie etwa zweifache Schweizer Meisterin im Kata (Einzel und Team), und Ende März 2015 wurde sie in Griechenland Junioren-Vizeweltmeisterin mit dem Team im Clicker (Kampf ohne Kontakt).

Der Weg ist beschwerlich

Der Weg zum Schwarzgurt ist jedoch beschwerlich. Das Gurtsystem im Kyokushinkai umfasst 10 Schülergrade (farbig) und 10 Meistergrade (schwarz).Geschenkt wird nichts. «Dahinter steckt sehr viel mehr als einfach nur ein Gurt», betont Ney. In unzähligen Trainings mit viel Schweiss und Fleiss, aber auch Spass und Freude, sei sie gereift. Damit ein Karateka überhaupt zur Schwarzgurt-Prüfung zugelassen wird, muss er ein Empfehlungsschreiben vorweisen können. In Neys Fall kam dieses von den Shihans (5. Dan bis 8. Dan) Ruth (65) und Beat Näpflin (72), den Leitern der Karateschule Kriens. Ruth Näpflin: «Gemäss Reglement könnte man bereits mit 14 Jahren zur Schwarzgurtprüfung zugelassen werden. Wir sind aber nicht dafür, dass man Leute zu früh an die Prüfung schickt.»

Ein Dan-Träger müsse in der Lage sein, vor eine Gruppe Leute zu stehen und Trainings zu leiten. Virginia sei von den Grundkenntnissen und charakterlich fähig, erwachsene Karatekas zu trainieren. Sie sei diszipliniert, zeichne sich durch ihr soziales Verhalten aus, und sie sei geduldig. Ausserdem habe sie in acht Jahren regelmässigem Training immer grösstmöglichen Einsatz gezeigt, dazu mit Präzision und auch Härte gearbeitet, was im Kyokushinkai von grosser Wichtigkeit sei.

«Aussergewöhnliche Leistung»

Die Leistung Neys ordnet Eduard Gabathuler (7. Dan), Landesvertreter des IFK-Schweiz, wie folgt ein: «Wenn eine 16-Jährige den Schwarzgurt im IFK-Kyokushinkai-Karate macht, kann man sicher von einer aussergewöhnlichen Leistung sprechen. Das Angebot von anderen Sportarten ist ja enorm. Es gibt einen Spruch, der besagt, dass aus tausend Personen eine Schwarzgurt wird. Dies sagt einiges aus.» Um eine derartige Leistung zu vollbringen, sei eine enorme Fitness erforderlich, so der Leiter des Kyokushin-Karate Chur. Dazu gehöre auch ein unbändiger Wille, dies zu schaffen und stetig auf dieses Ziel hin zu arbeiten. Respekt und Disziplin würden im Karate gross geschrieben. Auch in Gabathulers Dojo hat mit Raphael Cajacob ein 16-Jähriger den Schwarzgurt erreicht. Der Shihan: «Junge Leute profitieren von der Selbstdisziplin. Kyokushinkai-Karate bedeutet lernen, sich unterzuordnen, Wissen weiterzugeben: eben ein Lehrweg für junge Menschen, welche dadurch zielstrebig werden können.»

Zweite Familie

Virginia Neys Investitionen – ihre Prüfung dauerte vier Stunden – sind offensichtlich gut angelegt. Sie bestätigt aus ihrer Sicht die Aussagen von Gabathuler: «Karate verhalf mir zur Zielstrebigkeit, Konzentration, und ich lernte, aufgeschlossen zu sein. Diese Eigenschaften verhalfen mir auch, meine Traumlehrstelle bei der Gemeinde zu erhalten, davon bin ich fest überzeugt. Ich war von Anfang an kämpferisch und überzeugt, die Lehrstelle zu erhalten.»

Ihr Wille ist das eine. Ohne funktionierendes Umfeld wären solche Leistungen aber nicht möglich. Ney sagt: «Ich möchte mich bei Shihan Ruth und Shihan Beat bedanken. Für die Trainingseinheiten, aber auch für die moralische Unterstützung, die immer da war.» Dafür, dass sie sich seit mehr als 30 Jahren für ihr Lebenswerk voller Energie und Leidenschaft eingesetzt hätten, was sie bewundere und schätze. «Ich kann sagen, dass die Shihans mit dem ganzen Kyokushinkai-Team für mich eine zweite Familie sind.»

Trainerin des Kata-Nationalteams

Ruth und Beat Näpflin (beide 6. Dan) leiten die Karateschule Kriens seit 1982. In ihrer Geschichte hat die Schule viele national und international erfolgreiche Karatekas und bis heute 29 Dan-Träger hervorgebracht. Derzeit trainieren 30 Erwachsene und 40 Kinder in ihrem Dojo in Obernau. Shihan Ruth Näpflin wurde vor zwei Wochen in Willisau zum 6. Dan befördert. Eine Auszeichnung, die man nicht hoch genug würdigen kann. Gemäss Eduard Gabathuler ist sie die höchste Kyokushin-Karateka überhaupt. «Mir ist bis heute nicht bekannt geworden, dass eine andere Frau weltweit im Kyokushinkai- Karate zum 6. Dan befördert worden ist», meint er auf Anfrage.

Ein Rang in dieser Höhe muss man sich verdienen und schwer erarbeiten. Indem man sich innerhalb des Verbandes engagiert. Ruth Näpflin hat unter anderem während 20 Jahren die Kata-Nationalmannschaft und die Junioren des IFK Schweiz trainiert. Ausserdem war ist sie als internationale Schiedsrichterin aktiv. 2010 organisierte sie mit Ehemann Shihan Beat, der die Junioren- nationalmannschaft trainiert hat, zudem die Kata-Weltmeisterschaft in Kriens. Sie war 1983 ebenfalls die erste Frau der Schweiz, die den 1. Dan tragen durfte. «Das war aussergewöhnlich, denn damals waren sich die meisten einig, dass eine Frau im Kyokushin-Karate nichts zu suchen hat», sagt sie.

Heute üben diesen Vollkontakt-Karatestil viele Frauen aus. Aus der Karateschule Kriens haben in Willisau neben Virginia Ney zwei weitere junge Frauen die Schwarzgurt-Prüfung bestanden: Die 17-jährige Chiara Marbacher und Isabelle Waldispühl (18). Ausserdem wurde Sensei (3. und 4. Dan) Michel Estermann zum zum 4. Dan befördert. Shihan Ruth Näpflin ist stolz auf ihre Karatekas. «Sie haben sich den Schwarzgurt und die Beförderung verdient.»

Auch Obwaldner ausgezeichnet

Auch aus dem Karate Do Obwalden gibt es erfreuliche News. Linda Schäli hat ebenfalls die Schwarzgurt-Prüfung bestanden. Und Dojo-Leiter Shihan Klaus Ming wurde mit dem 7. Dan ausgezeichnet. «Der 7. Dan ist für mich eine extrem hohe Graduierung. Sie bedeutet für mich eine hohe Wertschätzung und Anerkennung meiner geleisteten Arbeit im In- und Ausland während der letzten Jahre und Jahrzehnte», sagt Ming. Er sei sich bewusst, dass dies nur dank einer ausserordentlichen Unterstützung seines Umfeldes möglich war, sei dies vom Verein Karate Do Obwalden, dem Verband IFK Switzerland Kyokushinkai oder vom Weltverband – und nicht zuletzt auch von seiner Familie. «Es ist für mich eine besondere Ehre, diese hohe Auszeichnung, welche bisher nur wenigen Karatekas zuteil wurde, aus den Händen von Hanshi Steve Arneil erhalten zu haben.»

Eduard Gabathuler, auch er wurde im Sommer-Trainingscamp zum 7. Dan befördert, über Ming: «Shihan Klaus Ming ist eine grosse Stütze der IFK Switzerland Kyokushinkai. Er ist Vorstandsmitglied sowie der Chef der technischen Kommission.» Innerhalb des Weltverbandes International Federation of Karate Kyokushin IFK gibt es aktuell sechs Karatekas mit dem 7. Dan, zwei davon sind Schweizer. Die IFK hat Mitglieder in rund 50 Ländern.

Schweiz zählt zur Weltspitze

An der Prüfung in Willisau nahmen 34 Personen teil, davon gingen zehn auf 1. Dan, eine auf 2. Dan und eine auf 3. Dan. «Bestanden haben alle, was nicht selbstverständlich ist. Dies zeigt auch ganz klar das Niveau der IFK Schweiz auf. Hanshi rühmte dies mehrmals und stellte einen Vergleich auf, der zeigt, dass wir bei der absoluten Weltspitze mit unserem Niveau sind», sagt Eduard Gabathuler.

Neben Virginia Ney haben einige andere Schweizer Karatekas an der WM im Frühjahr hervorragende Resultate erzielt. Doch nicht allein die sportlichen Resultate zählen für Sempai Virginia: «Kyokushinkaikarate ist für mich eine Lebensschule. Der Schwarzgurt ist nicht das Ende, sondern erst der Anfang.»

Roger Rüegger