Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

KARATE: Ein Grund zum Schuleschwänzen

Die 15-jährige Michelle Steiner aus Neuheim ist Karate-Weltmeisterin geworden. Dabei hat ihr dieser Sport zuerst gar nicht zugesagt.
Obschon eine Einzelkämpferin, schätzt Michelle Steiner den Zusammenhalt in der Karategemeinschaft. (Bild Stefan Kaiser)

Obschon eine Einzelkämpferin, schätzt Michelle Steiner den Zusammenhalt in der Karategemeinschaft. (Bild Stefan Kaiser)

Martin Mühlebach

Über 1000 Athletinnen und Athleten aus 46 Nationen nahmen Mitte Oktober im slowenischen Koper an der erstmals zur Austragung gelangten Vollkontakt-Karate-Weltmeisterschaft teil. In der Kategorie Mädchen 14/15 errang die 15-jährige Michelle Steiner aus dem kleinen Neuheim den heiss begehrten Titel. Wer glaubt, die Schweizer Delegation habe diesen grossartigen Erfolg ausgiebig gefeiert, der irrt. Die frischgebackene Weltmeisterin, die in ihrem Heimatdorf die 3. Sekundarschulklasse besucht, erzählt: «Zum Feiern blieb keine Zeit. Mein Finalkampf fand am Sonntagnachmittag statt, und weil ich am Montag wieder zur Schule musste, fuhren wir unverzüglich zurück in die Schweiz.»

Überraschung der Mitschüler

Mit einem viel sagenden Lächeln schiebt sie nach: «Weil ich erst nach Mitternacht glücklich, aber todmüde zu Hause war, schwänzte ich am Montagmorgen. Meine Mutter hatte meine Lehrerin informiert, dass ich erst am Nachmittag zum Unterricht käme. Als ich das Schulhaus betrat», erzählt Steiner, «hingen an den Wänden Dutzende von meinen Mitschülern gemachte Plakate, auf denen ich als Weltmeisterin willkommen geheissen wurde. Das fand ich mega schön.»

Steiner verrät: «Im Hinblick auf die WM trainierte ich auch Kickboxen, um meine Kondition zu verbessern. Ich tat alles, um Karateweltmeisterin werden zu können. Aber vor dem Wettkampf habe ich fast am Rad gedreht», gibt sie unumwunden zu. Die beeindruckende Kulisse an der Wettkampfstätte habe sie vor ihren Auftritten unglaublich nervös gemacht. Im Wettkampf selbst habe sie ihre Nervosität sofort abgelegt. «Ich konzentrierte mich nur noch auf die Gegnerinnen und auf meine Trainerin Motomi von Rotz, die mir unentwegt zurief, welche Bein- und Schlagtechnik ich anwenden soll.» Von Vorteil sei gewesen, dass ihre Gegnerinnen kein Wort Deutsch verstanden und deshalb nicht auf die Tipps ihrer Trainerin hätten reagieren können.

Als Steiner im Alter von rund sieben Jahren zusammen mit ihrer Familie auf der Tribüne sass und zusah, wie ihr älterer Cousin David Steiner als Karatekämpfer im Einsatz stand, befand sie: «Diese Sportart sagt mir nicht zu. Weil mein heute zwölfjähriger Bruder ein Karate-Probetraining bestreiten, aber nicht allein hingehen wollte, begleitete ich ihn. Und während des Trainings fand auch ich plötzlich Spass.»

Seit nunmehr sieben Jahren trainiert Steiner zweimal pro Woche in der Karate-Schule Baar/Luzern. Einmal im Monat bestreitet sie in Luzern ein intensives Konditions- und Krafttraining mit dem Schweizer Nationalteam, dem sie seit drei Jahren angehört. Mit einem Augenzwinkern verrät sie: «Während ich trotz anfänglichem Desinteresse seit langem vom Karate begeistert bin, hat mein Bruder diesem tollen Sport den Rücken gedreht und zum Schwingen gewechselt.»

Bisheriger Erfolg und neues Ziel

Den ersten nennenswerten Erfolg erzielte Steiner vor einem Jahr, als sie am international besetzten Karatewettkampf im holländischen Sneek in der Kategorie Mädchen 14/15 auf Anhieb die Silbermedaille errang. Als amtierende Weltmeisterin will sie nun weitere Titel gewinnen. Sie sagt: «Es ist klar, dass ich an den Finals der Schweizer Meisterschaft in Luzern wieder zuoberst auf dem Treppchen stehen will.» Postwendend sinniert sie: «Mein grösster Gegner dürfte wohl ich selbst sein, wenn ich meine Nervosität nicht abzulegen vermag.» Zudem könne während eines Kampfes immer etwas Unvorhergesehenes eintreten. Ein harter Schlag beispielsweise, der übermässig schmerze. Wenn ersichtlich würde, dass man leide, werde dies mit einem Punkteabzug bestraft. Zudem würde die Gegnerin natürlich alles daransetzen, um den angeschlagenen Körperteil mit weiteren harten Schlägen eindecken zu können.

Der Traum von Japan

Nach dem Abschluss der letzten Sekundarklasse in Neuheim lässt sich Steiner bei der Trumpf Maschinen AG in Baar zur Kauffrau ausbilden. Sie hoffe, in drei Jahren die Lehre mit guten Noten abschliessen zu können, um dann als Kauffrau eine gut bezahlte Anstellung zu finden, zumal mit Karate kein Geld zu verdienen sei. Ihr grösster Traum sei aber, dereinst in Japan kämpfen zu können, wo ihr grosses Vorbild, der jung verstorbene legendäre K1-Weltmeister Andy Hug, noch heute vergöttert werde.

Michelle Steiner betont: «Unter den Karatekämpfern besteht ein toller, von gegenseitigem Respekt geprägter Zusammenhalt. Karate ist nicht nur ein Sport, Karate ist eine Lebensphilosophie, die Respekt, Disziplin und Durchhaltevermögen vermittelt.» Allein ist das für die Schülerin nicht zu schaffen. So geht ihr Dank an ihre Trainerin sowie ihren Vater, «dass sie mir den Genuss dieser Lebensphilosophie ermöglichen».

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.