KARATE: Eine Medaille zum Geburtstag

Jill Walker nimmt am nächsten Samstag an der Karate-EM in Luzern die Rolle einer Mitfavoritin ein. Eine Medaille würde perfekt zu einem grossen Tag im Leben der Horwerin passen.

Roland Bucher
Merken
Drucken
Teilen
Die bald 20-jährige Jill Walker beginnt im Herbst 2016 das Wirtschaftsstudium in St. Gallen. (Bild Manuela Jans-Koch)

Die bald 20-jährige Jill Walker beginnt im Herbst 2016 das Wirtschaftsstudium in St. Gallen. (Bild Manuela Jans-Koch)

Ausgesprochen sportaffin, das war Jill Walker im Teenageralter nicht. Ein bisschen schwimmen, im Handball mehr oder weniger begeistert mittun. Viele andere Gedanken im Kopf – aber Spitzensport? Drei, vier Mal die Woche ins Training? Nein, danke. Die Initiative übernahm Papa Johnny. Der entdeckte einen Flyer der Luzerner Karateschule Kimura Shukokai, weibelte zu Hause um Zuspruch – und stiess alles andere als auf taube Ohren. «Ich war damals 15 Jahre alt», erinnert sich Jill Walker, «und war froh für diesen Denkanstoss und schaute einmal im Training vorbei.» Da habe es ihr den Ärmel aber zünftig schnell reingezogen ...

Jill Walkers Karatekarriere war lanciert. Die junge Kämpferin offenbarte ihrem Trainer Pascal Egger schnell einmal ausserordentliches Talent, ­reüssierte an Europa- und Weltmeisterschaften mit Bronzeauszeichnungen, bewies Beharrlichkeit – ganz getreu ihrem Motto: «Du musst einfach an dich glauben. Im Sport generell und im Karate ganz besonders läuft vieles im Kopf ab. Wenn du Angst oder zu viel Respekt hast, dann blockierst du dich, dann geht es schief.» Sie habe gelernt, positiv zu denken.

Und exakt mit dieser Einstellung tritt sie am Samstag in der Maihofhalle zu ihrem Heimspiel an: «Eine Europameisterschaft quasi vor der Haustüre», lächelt die Horwerin, «das ist ja wohl das Allergrösste. Viele Freunde und Kollegen und gewiss alle Mitglieder unserer Karateschule werden mich anfeuern, das ist grossartig.»

«Ich setze mich nicht unter Druck»

Aufgrund des aktuellen Rankings in der Ladies-Lightweight-Kategorie (unter 60 kg) ist Jill Walker, eine mit Herzblut ihre geliebte Sportart propagierende Kämpferin, durchaus der Favoritengruppe für eine Medaille zuzuordnen. «Wenn ich jetzt behaupten würde, dass ich nicht mit einer Medaille spekuliere, dann wäre das ganz leicht gelogen», lässt sich die athletische junge Frau ins Seelenleben blicken. «Doch, doch, ich möchte auf das Podest.» Ob es ganz nach oben reicht? «Ich will mich nicht unnötig unter Druck setzen», betont sie, «ich bin nicht der Typ, der zu grosse oder gar übertriebene Erwartungen schürt.»

Aber die höchste Auszeichnung nähme sie, die sich auf harte Auseinandersetzungen in der Luzerner Maihofhalle gefasst macht, natürlich gerne entgegen. Gold würde ihr einen weiteren grossen Tag in ihrem Leben tüchtig versüssen: Jill Walker feiert am Sonntag, exakt im Anschluss an die Europameisterschaft, ihren 20. Geburtstag. «Es kommt in den nächsten Tagen einiges auf mich zu», schmunzelt sie, «zuerst der grosse Wettkampf, anschliessend die Abschlussparty, an der ich mein Geburtstagsfest mit meinen tollen ‹Trainingsgspändlis› feiern werde. Den Sonntag lasse ich dann ruhiger angehen, werde im engsten Familienkreis und mit meinem Freund auf meinen 20. anstossen.»

Und, was läuft denn neben dem Kampfsport noch alles? «Eigentlich habe ich weder Zeit noch Bedarf an weiteren Hobbys», beteuert Jill Walker, «Karate erfüllt meine Vorstellungen von Freizeit, Spass, Freude und Leidenschaft voll und ganz. Wir sind eine grosse Karatefamilie, in welcher ich mich sehr wohl fühle. Deshalb ist es auch nie eine Pflicht, Zeit in die vier wöchentlichen Trainingslektionen zu investieren.» So werden selbstverständlich auch Schwester Sheena und die Eltern Jill den Daumen drücken. Sofern Colette und Johnny Walker denn überhaupt dazu kommen: Denn beide machen sich in der Luzerner Maihofhalle am Infostand nützlich. «Ich erwarte aber schon», schmunzelt Jill, «dass sie bei meinen entscheidenden Kämpfen auf der Tribüne Beistand als Fan leisten ...»

Studium und WM-Verzicht

Karate, nahe der Perfektion zelebriert, das ist die eine Facette der Jill Walker. Doch die junge, sympathische Frau strebt auch im Berufsleben nach Aufgaben, welche Sinn machen und Lebensfreude vermitteln. Im nächsten Sommer wird sie, die 2014 die Matura bestand und nun ein Bankpraktikum absolviert, in St. Gallen das Wirtschaftsstudium aufnehmen – mit dem Ziel, den Bachelor und Master in ihren Ausbildungsrucksack zu packen. «Es ist ein grosses Ziel, den Kampfsport und die schulische Weiterbildung unter einen Hut zu bringen», betont Jill Walker, nicht zuletzt mit der Konsequenz, dass 2016 eine leichte Prioritätenverschiebung stattfindet und sie auf die WM verzichten wird.

Doch das ist Zukunftsmusik. Aktuell will sie am Samstag ihren Gegnerinnen den Marsch blasen: «Wenn ich tatsächlich auf das Podest steigen darf, dann wäre das», strahlt Jill Walker Vorfreude aus, «die prächtigste Geburtstagstorte, die ich mir vorstellen kann.»