KARATE: Rücktritt auf dem Höhepunkt

Die Kernserin Anita Bucher (30) gewinnt an der Kyokushinkai-Weltmeisterschaft in England als erste Schweizerin eine Medaille. Es ist der krönende Abschluss einer erfolgreichen Karriere.

Kurt Grüter
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Dieses Bild gehört der Vergangenheit an: Karatekämpferin Anita Bucher ist mit dem Gewinn von WM-Bronze von der Wettkampfbühne abgetreten. (Bilder Kurt Grüter)

Dieses Bild gehört der Vergangenheit an: Karatekämpferin Anita Bucher ist mit dem Gewinn von WM-Bronze von der Wettkampfbühne abgetreten. (Bilder Kurt Grüter)

Auf dem Höhepunkt der Karriere abzutreten, ist die ganz grosse Herausforderung jedes Sportlers. Wenn man es dann sogar schafft, am lange zum Voraus definierten letzten Wettkampf diesen Höhepunkt zu erreichen, ist das ganz grosse Klasse. Der 30-jährigen Kernserin Anita Bucher ist ein solch triumphaler Abschied vom Spitzensport gelungen. Sie gewann als erste Schweizerin eine Medaille im Kyokushinkai-Vollkontakt-Karate der International Federation of Karate (IFK).

Mit der Erfahrung vieler internationaler Turniere, einer Welt- und zwei Europameisterschaften, reiste die Schwergewichtskämpferin (plus 60 Kilo) vor zweieinhalb Wochen ins englische Crawley. «Ich habe immer gesagt, dass ich mit 30 Jahren meine Karriere beenden würde. Deshalb war es mein Ziel, am letzten Wettkampf noch einmal alles zu geben. Ich wollte unbedingt die ersten drei Runden siegreich überstehen.» Am ersten Wettkampftag gewann sie beide Kämpfe und liess sich auch von einem irregulären Faustschlag ins Gesicht nicht aus dem Konzept bringen.

Wahl zum «most spirited fighter»

«Am zweiten Tag stand ich morgens auf und sagte mir: ‹Heute schaffst du es aufs Podest.›» Von einer am Vortag erlittenen Prellung am Arm zwar handicapiert, gewann sie auch den dritten Fight und stand somit unter den besten Vier. Im Halbfinal zeigte sie erneut eine kämpferisch grossartige Leistung und scheiterte nach einem Unentschieden nur durch Gewichtsunterschied – bei einem Unentschieden gewinnt die leichtere Kämpferin, wenn der Unterschied mehr als fünf Kilo beträgt – an der späteren russischen Weltmeisterin Swetlana Tuchkova. Im kleinen Final erkämpfte sich Anita Bucher gegen die Britin Kelly Balmer überlegen die Bronzemedaille. Zudem wurde die nie aufgebende Puncherin mit dem Spezialpreis als «most spirited fighter» ausgezeichnet. «Eine Ehrung, die mich ein bisschen stolz macht.»

Auf der Suche nach Gründen für ihren Exploit im letzten Wettkampf zitiert Anita Bucher den Schweizer Nationaltrainer Heinz Mundwyler: «Seiner Ansicht nach habe ich in den letzten Jahren gelernt, nicht mehr so ungestüm nach vorne zu marschieren, wie noch zu Beginn meiner Karriere. Dazu hätte ich auch gelernt, die Gegnerinnen besser lesen zu können, und mein Karate sei viel variantenreicher geworden. Seine Aussagen sind ziemlich treffend.» Und noch eine Tatsache scheint ihr wichtig. «Ich profitierte dank Sensei Philipp Halter in Sarnen von einem ausgewiesenen Karatefachmann in meiner Nähe. Dazu standen mir mit einheimischen Nationalmannschaftskollegen starke Sparringspartner zu Verfügung. Ich hatte somit ein Topumfeld fast vor der Haustür.»

Gute Form gegen Blessuren

Zum Karate kam Anita Bucher rein zufällig. «Ich sah ein Inserat des Karate Do Obwalden, meldete mich dort, schaute mir das an – und blieb.» Jetzt, 13 Jahre später, ist definitiv Schluss. «Ich bin selber gespannt, wie ich diese Zeit erleben werde», lacht sie. Eines ist sie sich aber bewusst: «Die Adrenalinschübe werden mir fehlen. Wenn man auf dem Tatami einer Kämpferin gegenübersteht und genau weiss, nur eine von beiden wird gewinnen, ist das ein Kick, der unbeschreiblich ist.»

Mit Kyokushinkai-Vollkontakt hat sich Anita Bucher für den härtesten Karatestil entschieden. «Ich bin einfach dort gelandet und habe mich nie damit befasst, welche anderen Stilrichtungen es noch gibt. Für mich hat das so gepasst.» Ist man sogar ein Masochist, wenn man sich dem Vollkontakt-Karate verschreibt? Die Kernserin lacht. «Ich glaube, jeder Spitzensportler ist ein bisschen Masochist. Sonst nimmt man diese Entbehrungen auf dem Weg an die Spitze gar nicht auf sich. Mit den Schmerzen und blauen Flecken lernt man im Karate umzugehen. Ein gewisses Verletzungsrisiko besteht, keine Frage. Ich war allerdings bei jedem Wettkampf in Topform, und ich denke, das ist der beste Schutz vor ernsthaften Blessuren.»

Neben ihrer körperlichen Verfassung stimmte auch das familiäre Umfeld. «Ich hatte das grosse Glück, von den Menschen an meiner Seite immer unterstützt zu werden. Allein hätte ich das nicht geschafft.» Ihre Mutter Rita hat sich immer neutral verhalten und sich nie dafür oder dagegen eingemischt. «Ich glaube jedoch, dass sie jetzt froh ist, dass ich aufhöre.» Ihr Lebenspartner Hans Flück hat sich ihre Kämpfe wenn immer möglich angeschaut. «Seine Kritik war manchmal härter als jene des Nationaltrainers», lacht Bucher.

Vom Tatami aufs Bike

Der Spitzensport ist für Anita Bucher Geschichte. «Was bleibt, sind unendlich viele Erinnerungen an Menschen und Gegenden, die ich ohne den Sport nie kennen gelernt hätte. Ich habe auch über mich selber in diesen intensiven Jahren viel gelernt. Deshalb kann ich sagen: Der Aufwand hat sich auf jeden Fall gelohnt. Ich kann die Erfahrung Spitzensport nur jedem empfehlen.»

Ohne Sport wird Anita Bucher, die sich selbst als zielfokussierte, umgängliche und vielseitig interessierte Zeitgenossin bezeichnet, auch in Zukunft nicht leben. «Im Karate reduziere ich meine Position von der Spitzensportlerin auf ein normales Clubmitglied. Ob ich später Kinder- oder Erwachsenentrainerin werde, ist noch offen.» Ganz klar ist jedoch, dass sie in nächster Zeit vermehrt ihrem zweiten sportlichen Hobby, dem Biken, frönen wird. Zusammen mit ihrem Lebenspartner Hans Flück plant sie sogar die Teilnahme an regionalen Bikerennen. «Langweile und Nichtstun sind halt nicht mein Ding.» Nur blaue Flecken wird es in Zukunft wohl weniger geben.