Reportage

Karate-Training für Menschen mit Behinderung: «Das Zusammenspiel zwischen Sport und Meditation»

Karate für Menschen mit Behinderung stösst in Luzern auf grosse Begeisterung. Regelmässig treffen sich Menschen mit den unterschiedlichsten Beeinträchtigungen zum Training. Wir haben vor zwei Wochen einen Augenschein genommen.

Simon Wespi
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Es ist kurz vor 19 Uhr an einem Montagabend in der Luzerner Dula-Turnhalle. Bereits vor dem Training ist die Stimmung unter allen Teilnehmern sehr gelöst. Sieben Menschen mit Behinderung treffen sich hier regelmässig zum Karate-Training.

Die Karateschule Taisho bietet seit November 2016 einen Behindertensport-Kurs an. Menschen mit einer körperlichen Behinderung, darunter auch welche im Rollstuhl sowie Menschen mit einer geistigen oder psychischen Behinderung, haben die Möglichkeit, Karate auszuüben. Einzige Voraussetzung dafür ist eine gewisse Selbstständigkeit im Alltag.

Im Bild von links:  Andre, Cindy Lustenberger (eine der beiden Leiterinnen) und Mario
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Im Bild von links:  Andre, Cindy Lustenberger (eine der beiden Leiterinnen) und Mario.
Im Bild von links:  Melk, Andre und Mario.
Im Bild: Leiterin Mirjam Lustenberger und Mario.
Im Bild von links: Viola, Melk, Andre und Mario.
Im Bild: Mario (links) und Andre (rechts)
Vorne im Bild: Leiterin Mirjam Bachmann.
Im Bild: Markus (vorne).
Im Bild: Mario (vorne)
Im Bild: Mario (links) und Andre (rechts) . Vorne ist Leiterin Mirjam Bachmann.
Im Bild von links: Viola und Mario.
Im Bild: Peter (vorne)
Im Bild: Adrian (vorne)
Im Bild von links: Melk und Peter.

Im Bild von links: Andre, Cindy Lustenberger (eine der beiden Leiterinnen) und Mario

Bild: Boris Bürgisser, Luzern, 2. März 2020

Bevor die Teilnehmer in die Gruppe integriert werden, bekommen sie Einzelunterricht, um die Ausgangslage zu bestimmen und anschliessend die Grundpositionen einnehmen zu können. Geleitet wird das Training durch Cindy Lustenberger (31) und Mirjam Bachmann (36). Beide haben bei PluSport die Ausbildung zur Behindertensportleiterin absolviert. Die Leiterinnen werden im Vorfeld genauestens informiert, wer welche Beeinträchtigung hat.

«Es ist toll zu sehen, mit welcher Begeisterung die Teilnehmer das Training antreten», freut sich Cindy Lustenberger. Im Training lernen sie Dinge wie: Bewegungsabläufe, Koordination, Angriffstechniken, die richtige Haltung einnehmen, Konzentration und Respekt. Das Training beginnt mit einer spielerischen Aufwärmphase. Verteilt in zwei Gruppen, versuchen die Teilnehmer zuerst Stangen im Slalom zu umlaufen, um anschliessend ihre «Bändeli» in Ringen zu platzieren. Koordination und Tempo ist gefragt. Kein leichtes Unterfangen, doch mit viel Spass und Ehrgeiz meistern sie diese Hürde.

«Faszinierend finde ich, wie man sich verteidigen kann.»

Bis zu elf Personen mit den unterschiedlichsten Beeinträchtigungen im Alter von 12 bis 52 Jahren trainieren jeweils Karate. Die Jüngste ist Viola Kuster. Sie sitzt im Rollstuhl. Trotzdem strahlt sie eine unglaubliche Freude aus. «Karate macht mir sehr viel Spass», so die 12-Jährige. Ihr Ziel ist es, künftig weniger Fehler zu machen. Seit drei Jahren dabei ist Mario Muff. Dem 23-Jährigen, der Trisomie 21 und einen Herzfehler hat, gefällt die Bewegung beim Karate. «Faszinierend finde ich, wie man sich verteidigen kann.»

Karateschule Taisho

Die Karateschule Taisho besteht seit 1983. Sie ist eine Schule mit internationaler Anerkennung und ein offizieller Swiss-Olympic-Stützpunkt. Die Karateschule ist Partner des Hochschulsport Campus Luzern, der Kantonsschule Alpenquai Luzern und der Sportschule Kriens. Ihre Kompetenzen liegen im Unterricht von Karate als Leistungssport, Kinderkarate, Erwachsenenkarate, Seniorenkarate, Behindertensport-Karate und Selbstverteidigung. In der Zentralschweiz betreibt die Schule drei Standorte – in Altdorf, Kriens und Luzern. (swe)

Adrian Hauser merkt man seine Behinderung auf den ersten Blick kaum an. Er leidet unter spastischer Tetraparese – eine linksbetonte Lähmung von Arm und Bein. Er sitzt jedoch nicht im Rollstuhl. «Mir bereiten die Gleichgewichtsstörungen Mühe», erklärt der 26-Jährige. Diese haben sich durch das Training enorm verbessert, freut sich Hauser. Sein Ziel ist es, sich ständig zu verbessern und weiterhin Spass am Karate zu haben. Am meisten gefällt ihm: «Das Zusammenspiel zwischen Sport und Meditation.»

Der Älteste im Bunde ist Markus Kadner. Der 52-Jährige hat die Behinderung Diagonale Cerebralparese – linker Arm und rechtes Bein sind gelähmt. Ihm gefällt der Sport und das Krafttraining. Kadner möchte sehen, wo seine Grenzen beim Karate sind. «Ich finde es toll, dass es hier die Möglichkeit gibt, dass Menschen mit individueller Behinderung den gleichen Sport ausüben können.»

Bis an die Grenzen gehen

Die Teilnehmer haben viel Freude und legen unglaublich viel Disziplin an den Tag. Trotzdem gestaltet sich das Training nicht immer einfach, erklärt Leiterin Mirjam Bachmann: «Wir müssen flexibel sein und die Techniken individuell abändern und anpassen können.» Das Trainerinnen-Duo stellt jeweils vorgängig den Trainingsplan zusammen. «Wenn wir merken, die Übungen sind zu schwierig oder einzelne Übungen sind nicht machbar, so müssen wir umplanen. Das heisst, wir müssen jederzeit das Training anpassen können», erklärt Lustenberger. Die Teilnehmer seien sehr direkt. Wenn etwas nicht geht, teilen sie es unverzüglich mit. Dennoch: «Wir motivieren sie, an die Grenzen zu gehen und alles auszuprobieren», sagt Lustenberger. Die Mehrheit der beeinträchtigten Karate-Sportler ist seit drei Jahren dabei. Die Fortschritte sind bemerkenswert.

Gleitet wird das Karate-Training von Mirjam Bachmann und Cindy Lustenberger (Bild).

Gleitet wird das Karate-Training von Mirjam Bachmann und Cindy Lustenberger (Bild).

Bild: Boris Bürgisser (Luzern, 2. März 2020)
«Einige konnten zu Beginn den Arm nicht ausstrecken. Nun knapp vier Jahre später funktioniert dies. Dieser Fortschritt ist unglaublich schön», freut sich Lustenberger.

Auch in punkto Gleichgewicht erzielen manche Teilnehmer Fortschritte. Brauchten sie anfangs noch einen Schwedenkasten oder einen Stab, um die Balance zu halten, können sie heute freistehend die Bewegungen ausführen. Ein weiterer positiver Aspekt: «Der eine oder andere konnte sein Gewicht reduzieren», freut sich Bachmann.

«Sie inspirieren mich sehr»

Das Karate-Training sei eine Win-win-Situation. Auch die Leiterinnen können noch viel lernen, verrät Bachmann: «Wir trainieren ja auch Karate. Durch das Training mit Menschen mit einer Beeinträchtigung merken wir, wo wir uns noch verbessern können. An was für Dingen wir selber noch arbeiten können.» Menschen mit einer Behinderung haben eine ganz andere Wahrnehmung. «Sie inspirieren mich sehr», sagt Lustenberger.

Für Karate-Sportler mit einem Handicap gibt es auch Wettkämpfe. Bis jetzt besteht noch kein Bedarf der Karate-Teilnehmer, an Turnieren teilzunehmen. Regelmässig gebe es jedoch ein Prüfungsprogramm. Aktuell tragen alle noch die weisse Gurtfarbe (kleinste Graduierung). Dass sie dereinst diese mal wechseln können, sei sehr realistisch. «Mit repetieren ist dies möglich. Bis 2021 werden einige den gelben Gurt tragen können», ist Lustenberger überzeugt.

Nach einer guten Stunde neigt sich das Training dem Ende entgegen. Die Stimmung in der Halle: lebhaft. Die Teilnehmer sind sehr offen, witzig und klopfen Sprüche. Dies alles in einem sehr respektvollen Umgang. Sayonara: Wetten, am ersten Montag nach der Corona-Krise ist die Freude im Training wiederum ausgelassen.