König unter all den Ski-Exoten stammt aus Haiti

An der Ski-WM im Schladming sind nicht nur die klassischen Skinationen vertreten. Auch Exoten wagen sich an die steilen Pisten.

Stefan Klinger, Schladming
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Die Verdoppelung des haitianischen Ski-Teams: Zu Jean-Pierre Roy (links) ist Benoit Etoc gestossen. (Bild Fédération Haitienne de Ski)

Die Verdoppelung des haitianischen Ski-Teams: Zu Jean-Pierre Roy (links) ist Benoit Etoc gestossen. (Bild Fédération Haitienne de Ski)

Qualifikation Erinnern Sie sich an Jean-Pierre Roy? An den König der Exoten bei der Ski-WM 2011 in Garmisch-Partenkirchen? Unvergessen, wie Roy damals an den Titelkämpfen in Deutschland aufkreuzte, am ersten Tag die Hände über dem Kopf zusammenschlug und eingeschüchtert sagte: «Die Hänge hier sind ganz schön steil.» Und noch unvergessener, wie er tags darauf ohne Protektoren an den Handschuhen Slalom trainierte und hinterher gequält verkündete, wie sehr ihn nun seine Hände schmerzen. Er war bis dahin eben noch nicht allzu oft an einem Skirennen gewesen.

49 Jahre alt und hoch motiviert

Das hat sich seither zwar kaum verändert. Genau genommen, hat Roy seit der letzten Ski-WM exakt zwei FIS-Rennen bestritten, schied dabei einmal aus und wurde das andere Mal Vorletzter. Doch die Begeisterung für den Skirennsport ist bei dem 49-Jährigen ungebrochen. Und so versucht Roy, der noch immer die Statur eines Schwergewichtsboxers hat, nun sein Glück auf den WM-Pisten von Schladming. Die Planai ist für ihn jedoch zunächst einmal tabu. Roy muss sich heute erst einmal im Qualifikationsrennen auf einem Nebenhang seinen Startplatz im WM-Riesenslalom von morgen erkämpfen. Oder besser gesagt: Er müsste es. Denn das wird ihm nicht gelingen. «Wenn ich am Ende nur 25 bis 30 Sekunden Rückstand habe, wäre es ein Erfolg», sagt Roy. Im Qualifikationsrennen wohlgemerkt.

Roys Ziel: Nur nicht Letzter werden

Und so hat er sich ein anderes Ziel gesetzt: nicht Letzter werden. Zumindest einen anderen Exoten, den Jamaikaner Mike Williams, hinter sich lassen. Denn derjenige von ihnen, der weniger weit hinterherfährt, gewinnt die von Roy ins Leben gerufene Cool Runnings Trophy. «Das wäre auch ein schöner Erfolg», sagt er, «denn es wird eine Siegerehrung und Medaillen geben.»

Dabei hat es noch vor wenigen Tagen danach ausgesehen, als ob Roys WM-Abenteuer im letzten Moment platze. Denn als sich Roy am vergangenen Wochenende mal aus Spass so ein Teamcaptain-Meeting, bei dem am Vorabend der Rennen alle Mannschaftsführer den nächsten Tag besprechen, anschaute und ein paar Kontakte knüpfte, stellte er fest, dass seine Ski gar nicht den Regeln entsprechen. Das Problem: Während es im Weltcup seit dieser Saison neue Vorschriften für die Riesenslalom-Ski gibt, die nun auch an der WM gelten, dürfen die Athleten auf der unterklassigen Stufe der FIS-Rennen in diesem Winter noch die alten Ski benutzen.

Zack, das sass. So kurz vor seinem WM-Start drohte Roy ein Einfädler beim FIS-Regelwerk. Doch Jean-Pierre Roy, der einst mit einem Schiff aus Haiti flüchtete und letztlich in Paris strandete, wäre nicht Jean-Pierre Roy, wenn er sich so leicht von seinem WM-Traum abbringen lassen würde. Und so unternahmen Roy, zugleich der Präsident das haitianischen Skiverbandes, und sein Trainer Thierry Montillet, übrigens auch der Vize-Präsident des kleinen Verbandes, alles, um das drohende Debakel abzuwenden.

Benoit Etoc (l.) und Roy (r.) nehmen Didier Cuche in die Mitte. (Bild: PD)
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Roy (l.) und Benoit Etoc starten für Haiti. (Bild: PD)
Roy mit Abfahrts-Weltmeister Aksel Lund Svindal. (Bild: PD)
Benoit Etoc während einem Trainingslauf. (Bild: PD)
Benoit Etoc posiert mit Ivica Kostelic. (Bild: PD)
Roy mit Schweizer-Fans. (Bild: PD)

Benoit Etoc (l.) und Roy (r.) nehmen Didier Cuche in die Mitte. (Bild: PD)

Start dank Rossignol-Ski

Erst surften sie im Internet, ob sie irgendwo auf die Schnelle noch ein paar regelkonforme Ski kaufen können. Und als das nicht klappte, sprachen sie einfach jeden, der ihnen über den Weg lief, an – und hatten Erfolg. «Rossignol hat mir zwei Paar Ski gegeben. Und das kanadische Team hat mir dann ein paar alte Bindungen von seinen Fahrern darauf montiert», freut sich Roy und fügt lachend hinzu: «Am Anfang haben alle gedacht, dass ich mit den neuen Ski nicht umgehen kann. Aber denen habe ich es gezeigt. Im Training ging das ganz gut.» Sagen wir es so: Er hat sich nicht verletzt.

Und so kann das WM-Abenteuer des Teams Haiti, das im Vergleich zur WM 2011 diesmal doppelt so gross ist, heute tatsächlich beginnen. Und so können heute gleich alle zwei Fahrer, der IT-Spezialist Roy und der im normalen Leben in Frankreich als Ambulanzfahrer arbeitende Benoit Etoc, im Riesenslalom-Qualifikationsrennen antreten. Ein Auftritt, hinter dem sich eine durchaus ernste Botschaft verbirgt. «Haiti hat schwierige Jahre hinter sich», sagt Roy, «wir wollen erreichen, dass man unser Land nicht vergisst, sondern auch künftig darüber spricht.»

Vielleicht ja sogar eines Tages deshalb, weil ein haitianischer Skifahrer ein gutes Resultat erreicht. Denn für Verbandschef Roy besitzt Etoc riesiges Potenzial: «In zehn Jahren ist er so weit.» Etoc ist dann 42.