Kolumbianer mit britischen Tugenden bei Paris-Nizza

Bei der Fernfahrt Paris–Nizza verblüfft Egan Bernal. Dabei ist der 22-jährige Kletterer aus den Anden nur einer aus einer kolumbianischen Garde, die im wohl letzten Jahr des Bestehens des Rennstalls Sky den Branchenprimus prägt.

Tom Mustroph
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Der Kolumbianer Egan Bernal (Mitte) ist der beste junge Fahrer bei der Fernfahrt Paris-Nizza. (Bild: Sébastien Nogier/EPA (11. März 2019)9

Der Kolumbianer Egan Bernal (Mitte) ist der beste junge Fahrer bei der Fernfahrt Paris-Nizza. (Bild: Sébastien Nogier/EPA (11. März 2019)9

«Ja, das ist ungewöhnlich, bei Paris–Nizza mit so vielen Kletterern aus Südamerika anzutreten. Wir haben mit Jhonatan Narvaez aus Ecuador sogar noch einen weiteren Südamerikaner dabei», staunt selbst der sportliche Leiter Nicolas Portal ein wenig über den Wandel seines Rennstalls. Man könnte glattweg von «British Columbia» reden, wenn es um das aktuelle Sky-Team geht.

«Es ist eine logische Entwicklung. Kolumbien entwickelt sich zu einer starken Radsportnation. Viele Teams sind an den Talenten interessiert», meint Portal zur «Luzerner Zeitung». Und Sky sicherte sich die wohl grössten im Umlauf. Egan Bernal gilt als der natürliche Nachfolger von Chris Froome und Geraint Thomas als Toursieger. «Er ist ein exzellenter Kletterer, er ist stark im Kopf, und er versteht es auch, sich Rennen einzuteilen», lobt Portal seinen Schützling. Eher eine Helferrolle ist für den bereits länger im Team stehenden Sebastian Henao reserviert.

Potenzieller Nachfolger-Nachfolger von Froome & Bernal ist Ivan Sosa. Der 21-Jährige stiess in dieser Saison neu zu Sky. «Wir haben ihn im letzten Jahr bei der Tour of the Alps gesehen, als er das Klassement bis zu seinem Sturz anführte und Männer wie Froomey, Pinot und Aru hinter sich liess. Er ist der geborene Kletterer. Er lächelt immer. Und wenn es in die Berge geht, lächelt er noch mehr. Je mehr es bergauf geht, um so leichter scheint ihm das Pedalieren zu fallen», schwärmt Portal.

Hier bei Paris–Nizza steht Sosa vor einer ganz besonderen Herausforderung: Er muss dem Wind standhalten. Das gelingt dem schmächtigen Burschen nicht immer. Auf der ersten Etappe lag er plötzlich am Boden. «Er muss Lehrgeld zahlen, das gehört dazu. Aber er hat auch zuvor seinen Leadern helfen können», erklärt Portal.

Die Leader sind Kwiatkowski und Bernal

Seine Leader sind Ex-Weltmeister Michal Kwiatkowski und eben Landsmann Bernal. Während der Pole beim Windkantenrennen einen Defekt erlitt und lange um den Anschluss kämpfen musste, präsentierte sich Bernal perfekt auf den ersten beiden stürmischen Etappen. «Es ist stark, wie er dem Wind Paroli bietet», ist Portal entzückt. Bernal setzte sogar zu Sprints um Bonussekunden an – brav hinter dem 1a-Captain Kwiatkowski, aber er holte sich eben auch die Bonifikationen und liegt derzeit auf Rang 5. Bleibt es so, wäre es eine optimale Ausgangsposition für die vorletzte Etappe. Da geht es auf den 15 km langen Anstieg des Col de Turrini. «Das ist ein echter Tour-de-France-Berg», meinte selbst Tour-Chef Christian Prudhomme, der auch Paris–Nizza mitverantwortet.

Die Kolumbianer im Team sind nur ein Aspekt des Wandels von Team Sky. Während der Kolumbienrundfahrt traf sich Rennstallchef David Braislford mit potenziellen kolumbianischen Sponsoren. «Wir freuen uns über Interesse von dieser Seite. Die kolumbianischen Rennfahrer haben wir aber nicht deshalb verpflichtet. Wir waren uns schon vorher mit ihnen einig», stellt Portal klar.

Neben der kolumbianischen Spur gibt es derzeit auch eine israelisch-kanadische und eine britisch-amerikanische. Sylvan Adams, Immobilienmogul aus Kanada und Eigner des Rennstalls Israel Cycling Academy, zeigte sich Berichten zufolge interessiert, seinen Rennstall mit den Strukturen von Team Sky zu fusionieren. Nach der Übernahme des Medienkonzerns Sky durch den US-amerikanischen Kabelnetzbetreiber Comcast wiederum scheint sogar eine Kehrtwendung bei Hauptsponsor Sky – und damit eine Verlängerung des Engagements – möglich.

«Das alles ist Sache von David Brailsford. Wir hier versuchen einfach unsere Arbeit zu machen und uns nicht in eine Negativspirale des Denkens darüber, was alles geschehen kann und was nicht, zu begeben», meint Portal.

Die unmittelbare Zukunft der Sky-Mitarbeiter ist offen

Und Coach Rod Ellingworth tut kund: «Wie unsere unmittelbare berufliche Zukunft aussieht, wissen wir nicht. Wir wissen aber, dass diese Rennfahrer eine Zukunft haben. Und die bauen wir auf.» Langfristiges Denken bei Sky also, auch über das mögliche eigene Ende hinaus.

Das allerdings muss nicht einmal kommen. «Mit Siegen steigen auch die Aufmerksamkeit und das Interesse von Sponsoren», konstatiert Portal gelassen. Gegenwärtig ist die Sky-Doppelspitze jedenfalls auf Erfolgskurs. Kwiatkowski ist Gesamt-Zweiter, Bernal auf Position 5.

Paris–Nizza (World Tour). 2. Etappe, Les Bréviaires – Bellegarde (163,5 km): 1. Groenewegen (NED) 3:14:04. 2. Garcia (ESP). 3. Gilbert (BEL). 4. Trentin (ITA). 5. Kwiatkowski (POL). 6. Sanchez (ESP), alle gleiche Zeit. Ferner: 106. Reto Hollenstein 8:27. 118. Patrick Müller. 135. Mathias Frank, alle gleiche Zeit. – 145 klassiert.

Gesamtklassement: 1. Groenewegen 6:31:19. 2. Kwiatkowski 0:12. 3. Sanchez 0:13. Ferner: 86. Müller 8:47. 119. Hollenstein 11:29. 127. Frank, gleiche Zeit.