Kommentar
Der Skisport ist gefangen in den Alpen – na und? Es ist nicht nötig, ihn neu zu erfinden

Parallel-Rennen sollten den Skisport in die Zukunft führen. Vor der neuen Saison, die am Wochenende in Sölden beginnt, zeigt sich: Das Format ist gescheitert. Doch der Internationale Skiverband hält daran fest. Dieser Reformzwang ist falsch. Und schadet dem Heimmarkt.

Martin Probst
Martin Probst
Drucken
Teilen

Jetzt soll es also ein 80-Jähriger richten. Nachdem der Internationale Skiverband FIS seit Jahren vergeblich versucht, den Skisport zu entstauben, um mit neuen Formaten vor allem junge Menschen zu begeistern, schlägt die Stunde von Peter Schröcksnadel. 31 Jahre lang hat er den Österreichischen Skiverband als Präsident geführt und ist zum mächtigsten Skifunktionär aufgestiegen. Im Sommer trat er zurück. Nun ist er Vizepräsident der FIS und leitet die Arbeitsgruppe Zukunft des Verbandes.

Ein 80-Jähriger entwirft die Zukunft. Kein Witz! Der neue FIS-Präsident Johan Eliasch will es so. Darauf angesprochen, sagte Schröcksnadel zu österreichischen Medien: «Es ist sicher nicht von Nachteil, wenn man Erfahrung mitbringt.» Das mag in Teilen stimmen, und trotzdem: Über Spott darf sich die FIS bestimmt nicht beklagen.

Dabei bleibt die grundsätzliche Frage bestehen: Braucht der Skisport überhaupt Reformen? Mit Parallel-Rennen wollte die FIS erst die Städte erobern, dann zumindest den Sport attraktiver machen, als der urbane Vorstoss zunehmend stockte.

Parallel-Rennen galten als grosser Wurf: Doch kaum jemand ist heute noch davon begeistert.

Parallel-Rennen galten als grosser Wurf: Doch kaum jemand ist heute noch davon begeistert.

Jean-Christophe Bott / KEYSTONE

Doch nicht erst seit den Parallel-Rennen an der Ski-Weltmeisterschaft im vergangenen Februar, als die Wettkämpfe aufgrund von unfairen Bedingungen zur Witznummer ver­kamen, ist dieses Vorhaben gescheitert.

Die Kombination stirbt, bleibt aber olympisch

In der neuen Saison, die am Wochenende in Sölden beginnt, gibt es im Weltcup je nur ein Parallel-Rennen bei den Frauen und Männern, dafür an den Olympischen Spielen in Peking im gleichen Format mit dem Team Medaillen zu gewinnen.

Dabei wehren sich immer mehr Athletinnen und Athleten gegen die Parallel-Bewerbe. Oder tun ihren Unmut still kund, indem sie auf den Start verzichten. Nur die FIS hält weiter daran fest, genau wie an der Kombination. Obwohl in diesem Winter kein einziges Rennen in dieser Disziplin im Weltcup stattfindet, ist das Format olympisch. Kein Witz!

Dabei geht es um Geld: Je mehr Wettbewerbe ein Verband im Milliarden-Business der Spiele austragen kann, desto besser sind die Chancen, hohe Zuschüsse zu erhalten. Doch rechtfertig das allein das Festhalten an Traditionen (im Fall der Kombination) oder den verzweifelten Versuch nach Reformen (im Fall der Parallel-Rennen)?

Das Herz vieler Skifans sagt Nein. Aber Romantik hat im Spitzensport keinen Platz. Es geht um neue Märkte und um TV-Präsenz. Und in letzter Konsequenz immer um Einnahmen. Und die Ideen sind zahlreich: Slalom und Riesenslalom nur noch am Abend bei Flutlicht und unter der Woche. Abfahrt und Super-G am Wochenende. Und immer zur Primetime.

So sehr solche Überlegungen Sinn machen, sind manche Visionen grotesk: Eine WM im Sommer? Ski-Rennen in einer Halle in Dubai? Das ist – nicht nur aus ökologischer Sicht – absurd. Skisport interessiert ausserhalb von Europa niemanden. Deshalb ist das Buhlen um mehr TV-Präsenz in neuen Märkten unsinnig.

Das Schwingen zeigt, wie es auch gehen kann

Auch wenn der Abstecher nach Nordamerika oder Rennen in Skandinavien zum Weltcup gehören, bleibt der Skisport ein Kind der Alpen. Oder ein Gefangener. Der Ausbruch ist schwierig. Doch ist das schlimm?

In einer globalen Welt wächst die Sehnsucht nach Tradition. Nehmen wir das Schwingen. Der Sport boomt, gerade weil er sich kaum wandelt – und damit sogar ein junges, städtisches Publikum anlockt. Genau wie es die FIS gerne hätte. Im Januar gibt es zwei Abfahrten in Wengen und zwei in Kitzbühel: Fan-Herz, was willst du mehr! Möglich, dass dies in Asien niemanden interessiert. Aber was solls: Den Heimmarkt sollte die FIS nicht verlieren.

Das Ungleichgewicht ist weg

Da hilft es, wenn das Kernprodukt gestärkt wird. Eine Abfahrt am Matterhorn, wie sie geplant ist, warum nicht? Oder neue Technologien statt neue Formate: Mehr Livedaten der Athleten. Zum Beispiel Pulsangaben vor dem Start in Kitzbühel oder im Ziel-S in Wengen.

Den vielleicht wichtigsten Schritt hat die FIS aber beim Kalender unternommen. In dieser Saison gibt es zusammengerechnet gleich viele Abfahrten und Super-G wie Slaloms und Riesenslaloms. Das Ungleichgewicht zugunsten der technischen Bewerbe ist weg. Der Kampf im Gesamtweltcup wird noch spannender. Und darum geht es doch.

Aktuelle Nachrichten