Kommentar
Patriotisch bis in die Haarspitzen: Selbst die Linken haben die Kultur des Schwingens vereinnahmt und erfreuen sich am urmännlichen Kampf – ist das gut?

Das «Eidgenössische» ist heute ein Sportanlass wie der Spengler-Cup oder die Swiss Indoors. Angefangen hat alles als Sportfest in einer kleinen heilen Welt. Was ist davon übrig geblieben?

Klaus Zaugg
Klaus Zaugg
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Grosse Emotionen, grosses Publikum: Das Esaf war nie nur ein Sportfest.

Grosse Emotionen, grosses Publikum: Das Esaf war nie nur ein Sportfest.

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Gut und gerne 400000 Besucherinnen und Besucher. Mehr als 40 Millionen Budget. Der grösste Einzelsportanlass im Land. Na und? Das «Eidgenössische» ist einfach ein grosses Sportfest, nicht mehr, aber auch nicht weniger. So wird der Hosenlupf zu Pratteln allerdings nicht gesehen. Wortmächtig beschwören Politiker aller Couleur, Kommentatorinnen, ja sogar Dichter die politische und kulturelle Bedeutung des Grossanlasses. Die bäuerlich-vaterländische-konservative Romantik will einfach nicht weichen. Sie scheint immer grösser zu werden.

Schwingen: Patriotisch bis in die Haarspitzen

Seit Anbeginn der Zeiten ist Schwingen politisch aufgeladen. Schwingen wird beim ersten Unspunnenfest 1805 als konservative Gegenbewegung lanciert, als heile Gegenwelt in aufgewühlten Zeiten positioniert – und bleibt es bis ins 21. Jahrhundert hinein. Noch in den 1970er-Jahren lässt Obmann Ernst Marti Schwinger mit langen Haaren vom Hosenlupf ausschliessen, weil die Frisur Ausdruck einer unpatriotischen Gesinnung sei.

Erst mit Doppelkönig Ernst Schläpfer beginnt die Perestroika. Rückblickend ist er der Gorbatschow des Schwingens: Erst mischt er mit dem offenen Bekenntnis zu den weltlichen Trainingsmethoden des Spitzensportes die Szene auf (König 1980 und 1983). Später sorgt er als Obmann für die kapitalistische Öffnung und ermöglicht den Bösen Werbeeinnahmen.

Dass er nebenher für die SP politisiert, steht für den Marsch des Schwingens durch die Institutionen. Heute haben auch die Linken die Kultur des Schwingens vereinnahmt und keine Festrednerin und kein Festredner aus dem linken Lager muss Pfiffe aus dem Publikum befürchten wie noch SP-Bundesrätin Ruth Dreifuss 1995 in Chur.

Es ist diese Öffnung für Werbung, Geld und die moderne Medienwelt, die das Schwingen zum Sport für alle gemacht hat. Solange kein Geld im Spiel war, das Fernsehen das Schwingen nicht entdeckt hatte, blieb die Zwilchhosenszene tatsächlich ein Hort konservativer Politik und konnte es sich leisten, die Langhaarigen zum Coiffeur zu schicken.

Mit der Perestroika haben die Geldströme nach und nach die Kanten und Ecken abgeschliffen, Wohlverhalten und politisch korrektes Reden der Funktionäre und Schwinger herbeigeführt, kurzum das Schwingen entpolitisiert und in die Welt des Sportes integriert. Dort hat das Schwingen einerseits ein enormes Potenzial, andererseits die gleichen Schwierigkeiten wie so viele andere publikumswirksame Sportarten auch. Hier die Faszination des Zweikampfsportes, ein geniales Regelwerk, eine reiche Tradition. Dort die üblichen Begleiterscheinungen des Sportkapitalismus, Doping inklusive.

Von Sennen zu Stars

Zwar ist Werbung nur ausserhalb der Arena erlaubt. Aber spätestens seit Frauenfeld 2010, dem ersten durch und durch modernen «Eidgenössischen», sind die Schwinger nicht mehr die Sennen in der Tradition von Unspunnen 1805. Das böse Dutzend (im Schwingen sind die Bösen die Guten) kassiert sechsstellige Werbeeinnahmen. Sie leisten sich Manager, die mediale Auftritte orchestrieren. König Christian Stucki hat das perfektioniert: Ohne ein einziges Fest zu bestreiten, hat er diese Saison mehr Medienpräsenz erzielt als jeder andere Böse, und seine Werbepartner, die ihm pro Jahr eine gute halbe Million überweisen, freut es sehr.

Die Öffnung hat dazu geführt, dass das «Eidgenössische» heute nicht viel mehr mit konservativer Politik zu tun hat als der Spengler-Cup, die Swiss Indoors zu Basel oder ein Fussball-Länderspiel. Die Schwinger und ihre Macher haben das Sägemehl aus dem Kühermutz geschüttelt und fühlen sich in TV-Studios und zwischen Kaviar und Schämpis so wohl wie bei Berner Platte und Kaffee Träsch. Die Funktionäre haben sich von Sägemehl-Ajatollahs zu geschickten und bisweilen bauernschlauen Machern gemausert und verwalten die vaterländische Romantik gewitzt. So kommt es, dass das Hochamt des Schwingens, die zwei Tage des «Eidgenössischen», alle drei Jahre die wahren Nationalfeiertage geworden sind. Obwohl es eigentlich nur noch ein Sportfest ist. Allerdings ein grandioses.