Kommentar zu Ausschreitungen
Fans, wollt ihr die Polizei in eurem Sektor?

Es war ein faszinierendes Schauspiel, das uns die Grasshoppers und der FC Zürich geboten haben. Leider überschattet von einigen FCZ-Chaoten, die nach Spielschluss Pyro-Fackeln in den GC-Fansektor geworfen haben

François Schmid-Bechtel
François Schmid-Bechtel
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Gemeingefährlich: Nach Spielschluss stürmen FCZ-Chaoten auf die Tartanbahn und feuern Pyro-Fackeln in den GC-Sektor.

Gemeingefährlich: Nach Spielschluss stürmen FCZ-Chaoten auf die Tartanbahn und feuern Pyro-Fackeln in den GC-Sektor.

Claudio Thoma/Freshfocus

Soll ich, soll ich nicht? Auch wenn Wochenende ist: 20.30 Uhr ist halt schon etwas spät, um mit dem 9-jährigen Jungen das Zürcher Derby anzuschauen. Am Tag darauf ist der Kollege froh, dass er nicht im Letzigrund war. Dabei entpuppt sich diese Partie als ein Ereignis, das Monate, ja vielleicht sogar Jahre in Erinnerung bleibt. Erst recht, wenn man als 9-Jähriger erstmals an einem richtig grossen Fussballspiel dabei ist.

Es ist eines jener Spiele, denen man sich bedient, um jemanden von der Schönheit und Dramatik des Fussballs zu überzeugen. 2:0 führt der FC Zürich bereits nach 10 Minuten. Dann die irre Wende. Zur Pause liegen die Grasshoppers 3:2 vorne. Und müssen schliesslich doch froh sein, das 3:3 ins Ziel zu retten.

Blerim Dzemaili (rechts) lässt sich nach seinem Treffer zum 2:0 feiern (v.l. Rodrigo Pollero, Fidan Aliti und Mirlind Kryeziu).

Blerim Dzemaili (rechts) lässt sich nach seinem Treffer zum 2:0 feiern (v.l. Rodrigo Pollero, Fidan Aliti und Mirlind Kryeziu).

Claudio Thoma/Freshfocus / freshfocus

Es ist auch ein Derby der vielen Geschichten. Beispielsweise jene von Blerim Dzemaili, dem FCZ’ler durch und durch, obwohl er sich 13 Jahre auf Wanderschaft begab. Als müder Kämpfer kehrte er letzten Winter aus China heim. In Tritt kam er aber trotzdem nicht. Und viele dachten, er würde es gar nie mehr bringen. Und nun?

Er schuftet und leidet und hängt sich voll rein. Altmeister Dzemaili will es allen beweisen. Er ist zwar nicht mehr so schnell und giftig und beweglich wie vor 13 Jahren. Aber nun bringt er es wieder. Gegen GC erzielt er das 2:0. Letztmals hat er in der Super League getroffen, als das I-Phone noch nicht mal auf dem Markt war: Am 2. Dezember 2006.

Oder die Geschichte des 25-jährigen Uruguayers Rodrigo Pollero. Als Torschützenkönig der Challenge League wechselte er im Sommer von Schaffhausen zum FC Zürich. Aber weil Assan Ceesay plötzlich weiss, wo das Tor steht, bleibt Pollero der Unsichtbare beim FCZ. Bis zu Ceesays Sperre im Derby. Pollero erzielt das 1:0 und das 3:3.

Wir sehen den famosen GC-Schillerfalter Petar Pusic und erinnern uns an den jungen Hakan Yakin. Wir staunen über die Coolness von GC-Stürmer Leo Bonatini, die spielerische Souplesse von FCZ-Verteidiger Becir Omeragic, das Arbeitsvolumen von GC-Antreiber Christian Herc oder den brillanten Pass von Dominik Schmid vor dem 3:2. Es gäbe so vieles zu bewundern bei diesem Derby. Aber leider werden alle diese aufregenden Geschichten von einem Ereignis überlagert.

Nach dem Spiel stürmen FCZ-Ultras auf die Tartanbahn und feuern Pyro in den GC-Fansektor. Gemeingefährlich. Später kursieren Videos, die zeigen, wie Kinder hektisch über die Schalensitze klettern, um sich in Sicherheit zu bringen. Es sind verstörende Bilder. Auch, weil man darüber sinniert, dass Geisterspiele halt doch nicht nur schlecht waren.

Wüste Szenen nach Zürcher Derby: FCZ-Chaoten werfen Pyros in GC-Sektor.

CH Media Video Unit

Das kann es natürlich nicht sein, wegen ein paar Chaoten alle Zuschauer auszusperren. Aber offenbar können einzelne mit dem Stadionbesuch nicht umgehen, wie andere Menschen Mühe haben, ihre getunten Boliden auf den Strassen zu zähmen. Beides, Randale im Stadion und im Verkehr, gehört bestraft. Und zwar hart.

Mindestens so wie bei Dragan G, der 2011 eine brennende Pyro-Fackel in den GC-Sektor warf und damit für einen Spielabbruch sorgte. Der Chaot aus dem FCZ-Lager wurde wegen Gefährdung des Lebens und versuchter einfacher Körperverletzung zu einer bedingten Gefängnisstrafe von zwei Jahren verurteilt. Doch es wäre sehr überraschend, wenn die Behörden allen Derby-Delinquenten ein Delikt nachweisen können. Die Vergangenheit zeigt, dass dies in der Regel nur passiert, wenn es sich um einen Einzeltäter handelt.

Die Geschichte von der Fankurve, die selbstregulierend wirkt, wo die gemässigten Kräfte den Ton angeben, ist offenbar ein Märchen. Der Dialog zwischen Klubs und Fans wird zwar geführt, aber die Vereinbarungen sind nicht für alle gleich verbindlich.

Was kann man also gegen Gewalt im Stadion weiter unternehmen? Das personifizierte Ticket schützt nicht vor Krawall. Eigentlich bleiben nur zwei Möglichkeiten: Gästefans auszuschliessen. Oder die Polizei ist von Beginn weg in den Fansektoren präsent.

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