Dopingexperten schütteln den Kopf aufgrund neuer Ideen im Radsport

Der Internationale Radsportverband prescht vor und prüft eine Zusammenarbeit mit der neuen Antidoping-Organisation ITA. Dies wirft grundsätzliche Fragen im Kampf gegen Doping auf, denn der Radsport gilt für viele Sportverbände als Vorbild. Fachleute zweifeln einen Handlungsbedarf an.

Rainer Sommerhalder
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Mit einem Sitzstreik protestieren Fahrer an der Tour de France gegen Dopingaktivitäten gewisser Profiteams. (Bild: Eric Gaillard/Reuters; Orthez, 25. Juli 2007).

Mit einem Sitzstreik protestieren Fahrer an der Tour de France gegen Dopingaktivitäten gewisser Profiteams. (Bild: Eric Gaillard/Reuters; Orthez, 25. Juli 2007).  

Es gibt im internationalen Sport zwei Musterschüler im Kampf gegen Doping. Doch ausgerechnet deren Arbeit soll in Zukunft umgekrempelt werden. Verschiedene Dopingexperten von nationalen Agenturen, anerkannten Labors und unabhängigen Organisationen kritisieren diese Pläne hinter vorgehaltener Hand scharf. Offen aussprechen wollen sie ihre Missbilligung nicht – aus Angst vor dem mächtigen Internationalen Olympischen Komitee (IOC).

Sowohl Leichtathletik wie Radsport haben die Antidoping-Strategie an unabhängige Fachgremien ausgelagert. In der Leichtathletik ist die Arbeit der «Athletics Integrity Unit» (AIU) seit 2017 komplett autonom und nicht auf Doping beschränkt. Im Radsport kämpft die 2008 gegründete «Cycling Anti-Doping Foundation» (CADF) seit längerem darum, auch die rechtliche Begleitung von Dopingfällen zu übernehmen. Das Resultat-Management blieb unter dem neuen Präsidenten David Lappartient beim Radsportverband (UIC), obwohl der französische Politiker vor seiner Wahl 2017 die vollständige Unabhängigkeit des Antidoping-Kampfs versprochen hatte.

Radsport sucht neue Partnerschaft gegen Doping

Der norwegische CADF-Vorsitzende Rune Andersen sieht einen Interessenkonflikt und befindet sich deswegen in einem Dauerzwist mit der Verbandsführung. Doch was der hochdekorierte Antidoping-Kämpfer letzte Woche erfahren musste, raubte ihm gar den Schlaf. Lappartient lässt prüfen, ob zukünftig anstelle der eigenen Experten die erst 2018 vom IOC ins Leben gerufene «International Testing Agency» (ITA) die Arbeit gegen Doping im Radsport leiten soll. Am 1. Februar will die Geschäftsleitung des Verbandes entscheiden. «Ein solcher Schritt macht absolut keinen Sinn. Es ist ein klarer Rückschritt und ich befürchte, dass er letztlich zu mehr Doping im Radsport führen wird», sagt Andersen in deutlichen Worten.

Mit der Antidoping-Arbeit im Radsport vertraute Fachleute stützen die Position des CADF-Chefs. Sie sagen, dass der auf 40 Mitarbeiter angewachsenen ITA sowohl das Personal wie auch die Expertise fehle, um nur annähernd gleichwertige Arbeit abzuliefern. Der Radsport war 2009 Trendsetter für den Athleten-Blutpass und weist für 2018 mit 15281 Proben die meisten Dopingtests aller Sportarten aus.

Verschiedene Quellen sprechen gar davon, dass der Radsportverband vom IOC unter Druck gesetzt wurde und Präsident Lappartient seine Ambitionen auf ein hohes Amt im IOC missbrauche. Sowohl Lappartient wie auch ITA-Chef Benjamin Cohen widersprechen resolut. Lappartient: «Wir hatten keinen Druck vom IOC. Ich würde nie unter Druck handeln». Und Cohen: «Das IOC wusste nicht einmal, dass wir mit dem Radsportverband diskutieren.»

Was genau soll die Aufgabe der ITA sein?

Bei der Debatte um die Zukunft der Antidoping-Arbeit im Radsport geht es um eine grundsätzliche Frage: Was ist eigentlich Aufgabe der ITA? Für viele Experten ist klar: Sie soll kleineren Sportverbänden helfen, den Kampf gegen Doping unabhängiger und professioneller zu machen. 41 solche Partnerschaften weist sie bereits aus. Hingegen dort einzugreifen, wo es bereits vorbildlich funktioniert, bringe keinen Mehrwert.

ITA-Chef Cohen sieht dies anders: «Das Ziel muss sein, eines Tages alle Verbände unter das gleiche Dach zu bringen – auch die Leichtathletik.» Wie man sich das vorstellt, skizziert David Lappartient schon mal: «Unsere 15 Experten würden zur ITA wechseln und gemeinsam noch effektiver arbeiten können.» Der Franzose betont jedoch: «Wir klären derzeit erst ab. Es ist noch nichts entschieden.»