Kubanischer MLB-Star schweigt immer noch über seine riskante Flucht

Die Los Angeles Dodgers greifen nach dem ersten Titel seit 30 Jahren. Einer ihrer Schlüsselspieler hatte einst andere Sorgen: Yasiel Puig fiel bei seiner Flucht aus Kuba Menschenhändlern in die Hände.

Nicola Berger
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Yasiel Puig von den Los Angeles Dodgers freut sich über eine gelungene Aktion. (Bild: AP/Jeff Roberson)

Yasiel Puig von den Los Angeles Dodgers freut sich über eine gelungene Aktion. (Bild: AP/Jeff Roberson)

Kuba ist – zumindest für Touristen – ein Paradies, aber für Sportler kann die Insel ein Albtraum sein. Die besten Baseball-Spieler des Landes haben Amateurstatus und verdienen 5000 Pesos pro Monat, knapp 200 Franken. Für lokale Verhältnisse ein guter Lohn, doch immer wieder flüchten Sportler ins Ausland, in die USA vor allem, und nehmen dafür enorme Risiken auf sich. Das prominenteste Beispiel ist Yasiel Puig, Outfielder der Los Angeles Dodgers und beim 5:1-Sieg im entscheidenden siebten Spiel der National League Championship Series gegen die Milwaukee Brewers mit einem Homerun die entscheidende Figur.

Es ist April 2012, als Puig mit 21 Jahren Cienfuegos verlässt, seine Heimat, nach vier gescheiterten Versuchen im Vorjahr. Die Reisegruppe besteht aus Puig, seiner Freundin, einem Priester, und Puigs Jugendfreund Yunior Des­paigne. Eines Nachts wartet das Quartett auf ein Speedboot, welches den Transfer nach Cancun sicherstellen soll. 30 Stunden sind die vier zu einem verlassenen Teil der Insel gewandert, verfolgt von Polizisten an Land und der Küstenwache im Wasser. Mehrmals ist die Gruppe kurz davor, aufzugeben, die Sümpfe von Ciénaga de Zapata verlangen ihr alles ab; Puig und seine Begleiter sind erschöpft und dehydriert.

Wettbieten in Mexiko-Stadt

Als sie kurz vor dem vereinbarten Treffpunkt sind, merkt der Priester, dass er an einem vorherigen Rastplatz Elegua vergessen hat – die Figur jener Gottheit, die die Flüchtlinge sicher nach Mexiko geleiten soll. Alle in der Gruppe sind religiös, sie eilen zurück. Und irgendwann tief in der Nacht treffen die Schlepper tatsächlich ein, die Flucht gelingt.

Die Geschichte könnte hier enden. Doch das Boot wird von Männern des Los-Zetas-Kartells gesteuert, einer kriminellen Organisation mit blutigen Händen, verantwortlich für Drogenhandel und diverse Massaker. Es ist nicht die Art von Menschen, in deren Gewalt man sich befinden möchte. Doch genau das geschieht. Das Kartell hält die vier Flüchtlinge auf der Isla Mujeres fest. Es ist ihre Masche, tausendfach erprobt.

Normalerweise beträgt das Lösegeld für Kubaner 10 000 US-Dollar. Doch im Fall von Puig fordern die Banditen erst 250 000 und dann 400 000. Doch die kubanischen Geschäftsleute in Miami, die den Betrag zahlen sollen, entscheiden sich für einen anderen Plan: Sie stehlen Puig von seinen Kidnappern in Cancun, fliegen ihn nach Mexico-Stadt aus, bestechen die Behörden und sichern ihm für 20 000 Dollar mexikanische Papiere.

Das Martyrium endet: Zu den Show-Trainings in der mexikanischen Hauptstadt kommen Heerscharen an Scouts von MLB-­Teams, bald beginnt ein furioses Wettbieten. Am Ende machen die Los Angeles Dodgers das Rennen, 42 Millionen für sieben Jahre. Ein Schnäppchen für die Dodgers, gewiss, aber ein Vermögen für Puig – und vor allem für die Hintermänner dieses Menschenhandels, denen 25 Prozent der 42 Millionen zustehen.

Ruhe, Happy End? Nicht, wenn man sich mit einem Kartell einlässt. Die Morddrohungen von Las Zetas kommen per Telefon – und manchmal werden sie persönlich überbracht. Als Puig 2013 in Arizona die Saisonvorbereitung der Dodgers bestreitet, klopft ein Mann an seine Türe und sagt, es sei besser, wenn er nun bezahle. «ESPN Magazine» berichtet später, das Mastermind der Aktion, Puig von der Isla Mujeres zu stibitzen, sei von Las Zetas entführt worden. Der Captain, der das Boot mit Puig von Kuba nach Cancun gesteuert hat, wurde ermordet.

Das Schweigen von Puig

Puig selber redet bis heute nicht öffentlich über seine Flucht. Er versucht, die Leistungen für sich sprechen zu lassen. Niemand in der ruhmreichen Geschichte der Dodgers hat mehr Playoff-Homeruns produziert als Puig. Und nun soll er mithelfen, Los Angeles den ersten Titel seit 1988 zu sichern. Nachdem die Dodgers in den World Series im Vorjahr den Houston Astros unterlagen, nehmen sie ab Dienstagnacht (2 Uhr, Sport 1) einen neuen Anlauf, Gegner sind die Boston Red Sox. Es gibt im Baseball keine grössere Bühne. Puigs Auftritte werden genau beäugt werden, in den USA, in Cienfuegos, auf der Isla Mujeres.