KUNSTRADFAHREN: Akrobatik und Eleganz – alles in Balance

Ein Handstand auf dem Lenker, eine Pirouette auf dem Hinterrad? Kein Problem. Diese Kunststücke gab es am Samstagnachmittag in der Luzerner Turnhalle Hubelmatt zu sehen.

Theres Bühlmann
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Höchste Konzentration bei Flavia Schürmann vom ATB Baar. (Bilder: Philipp Schmidli (Luzern, 21. Januar 2017))

Höchste Konzentration bei Flavia Schürmann vom ATB Baar. (Bilder: Philipp Schmidli (Luzern, 21. Januar 2017))

Theres Bühlmann

theres.buehlmann@luzernerzeitung.ch

Erst einmal einen Blick in den Velopark, dort waren alle Spezialräder in Reih und Glied aufgestellt. Dieser Raum diente den Aktiven bei der Finalrunde des Kunstrad-Cups der Region Mitte am Samstag auch als Aufwärmhalle. Den Körper mit Seilspringen auf Betriebstemperatur bringen, die Formationen auf dem Rad noch einmal üben, die Anweisungen der Trainerin entgegennehmen – «Melanie, pass auf, wo du hinfährst, und achtet auf die Armhaltung». So vorbereitet galt es dann ernst. Korrekte Aufstellung vor den Kommissären, so werden die Kampfrichter beim Kunstradfahren genannt, tief durchatmen, leichtfüssig aufs Rad steigen. Fünf Minuten dauert eine Vorführung beim Einer-Kunstradfahren, je nach Kategorie müssen 25 bis 30 vorgeschriebene Kürelemente gezeigt werden, begleitet mit Musik. Fünf Minuten absolute Konzentration und Koordination.

So bekamen die Zuschauer in der Luzerner Hubelmatt-Halle all das vorgeführt, was Kunstradfahren so aussergewöhnlich macht. Handstände, Stand- und Stützwaagen auf dem Sattel oder Lenker, Pirouetten auf dem Hinterrad, Vor- und Rückwärtsfahren, Stopps und noch vieles mehr, alles gepaart mit Eleganz und Ästhetik. Beim Viererfahren gilt es unter anderem, verschiedene Figuren synchron zu fahren, nie die Balance zu verlieren, zum richtigen Zeitpunkt die Hände der Partnerin loszulassen und wieder zu fassen. Dann der Schlussakkord, vom Rad steigen, ein Knicks oder eine Verbeugung vor dem Wertungsgericht und den Zuschauern. Applaus der Fans, die in Luzern vorwiegend aus Verwandten und Bekannten bestanden. Mama schaute zu, die Geschwister auch, Papa kümmerte sich um den Nachwuchs im Kinderwagen, und auch ältere Generationen stellten sich in den Dienst ihrer Enkel. «Omi, kannst du mal mein Rad halten?»

Die Stoffgiraffe als Glücksbringer

In der U-13-Kategorie startete auch die Emmerin Sina von Rotz (10). Sie zeigte einen erfrischenden Vortrag mit erstaunlicher Eleganz für ihr Alter – und bekam Komplimente von Patricia Binggeli (28), Cheftrainerin der Luzerner Kunstradfahrer. «Gut gemacht, du bist nur drei Punkte unter dem Maximum.» Mit 47,07 holte sich Sina von Rotz eine persönliche Bestleistung, bewies in der ersten Runde des Cups in Uster mit Platz 3 und 45,05 Zählern ihr Talent und steht nun nach der Finalrunde auf Rang 2. Dann drückte sie ihren Glücksbringer, eine Stoffgiraffe, an sich. Fünf Stunden Training wendet sie in der Woche auf, dazu kommt einmal im Monat ein Zusammenzug auf hoher Ebene, Sina von Rotz gehört dem Schweizer Nachwuchskader (Schülerinnen) an.

Vielleicht gehört sie ja zu jenen Fahrerinnen, die wieder an die erfolgreichen Luzerner Zeiten anknüpfen können: Die Innerschweizerinnen waren ja mal wer im internationalen Vergleich. Bereits im Jahre 2000 holte sich ein Frauen-Quartett an der WM eine Silbermedaille. Die Hochblüte erlebte der Verein aber in den Jahren 2008 bis 2013. Drei silberne und drei bronzene Auszeichnungen gewannen die Luzernerinnen im Vierer-Kunstradfahren an Weltmeisterschaften. In der Zwischenzeit zurückgetreten, sorgten Anja Gollmann, Maura Stiefel, Nora Willener oder Carolin Noll, um einige zu nennen, damals für grosse Euphorie. «Wir haben unsere Nachwuchsarbeit verstärkt, der Fokus liegt im Schüler- und Juniorenbereich, und wir sind gut dabei», sagte Patricia Binggeli, die neben ihrer Cheftrainertätigkeit auch noch das Amt der Vizepräsidentin innehat. Die Luzernerinnen sind nach wie vor in verschiedenen Kategorien für Podestplätze an Schweizer Meisterschaften gut und konnten im letzten Jahr in der Schülerkategorie einen Titel feiern. 17 aktive Fahrerinnen im Alter von 7 bis 18 Jahren zählt der Verein ATB Kunstradfahrer Luzern. «Wir sind ein kleiner Verein», sagt Binggeli, «aber mit viel Herzblut dabei.» Knaben sind nicht auszumachen, auch beim Wettkampf am Samstag waren diese an einer Hand abzuzählen.

Und dann machte sich Patricia Binggeli wieder auf, ihre Fahrerinnen zu betreuen. Mit viel Herzblut.

Hinweis

Resultate unter: www.cycling.ch/hallenradsport