KUNSTTURNEN: «Ein Schritt zurück, zwei nach vorne»

Die zwei­fache Sprung-Europameisterin Giulia Steingruber hat keine leichte Zeit hinter sich. Eine Blockade hinderte sie am Training. Doch diese konnte sie vor der WM in China lösen.

Theres Bühlmann
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Das Selbstvertrauen kommt bei Giulia Steingruber wieder zurück. (Bild: Keystone/Allessandro della Valle)

Das Selbstvertrauen kommt bei Giulia Steingruber wieder zurück. (Bild: Keystone/Allessandro della Valle)

Plötzlich ging im Sommer fast gar nichts mehr. Unvorbereitet traf es die zweifache Sprung-Europameisterin Giulia Steingruber (20). Das Schrauben und Drehen funktionierte nicht mehr. Eine Schraube ging noch, doch das wars denn auch. Der Gossauerin fehlten die Koordination und die Orientierung. Funktionierten die Übungen fast mit geschlossenen Augen, konnte sie nun die Bewegungsabläufe nicht mehr abrufen. Dieser Zustand dauerte mehrere Wochen und führte zu einer Trainingspause. Das Erlernen eines neuen und schwierigeren Sprungs im Hinblick auf die Olympischen Spiele 2016 musste auf Eis gelegt werden. Frustrierend sei es gewesen, sagt Steingruber, «diese Blockade hat mich verunsichert. Doch so etwas muss man wegstecken.» Sie konzentrierte sich auf einfache Elemente und musste wieder Schritt für Schritt an die Sprünge herangeführt werden. «Manchmal muss man einen Schritt zurückmachen, um zwei nach vorne zu gehen», sagt sie.

Blockaden sind keine Seltenheit

Solche Blockaden sind bei einer motorisch hochkomplexen Sportart wie dem Kunstturnen keine Seltenheit. «Bei den Trampolinturnern nennt man dies Lost-Move-Syndrome», sagt Felix Stingelin, Chef Spitzensport beim Schweizerischen Turnverband (STV). Es trifft aber auch Stabhochspringer oder Turmspringer. Ob es sich bei Steingruber um dieses Syndrom handelte, konnte nicht geklärt werden. Die St. Gallerin spricht von einer mentalen Blockade, doch der Frauen-Cheftrainer Zoltan Jordanov weist mentale Probleme zurück und sagt: «Es waren koordinative Probleme.»

Die Blockade ist gelöst, die WM-Ziele anvisiert, das Selbstvertrauen wieder zurück. Als Erstes steht am Sonntag die Qualifikation an, in der es für die Schweizerinnen gilt, im Teamwettkampf unter die Top 16 zu kommen, um sich so die Qualifikation für die WM 2015 in Glasgow zu sichern, wo die Olympiatickets vergeben werden.

In China wird Giulia Steingruber den Tschussowitina und den Jurtschenko zeigen (siehe unten stehende Box). Sie visiert die Finalteilnahme am Sprung, Boden (Top 8) und im Mehrkampf (Top 24) an. Trainer Jordanov ist überzeugt, dass sich Steingruber gegenüber dem Vorjahr weiterentwickelt hat. Rein rechnerisch müsste am Sprung, nach Platz 5 an der WM 2011 und Platz 4 im letzten Jahr, Rang 3 folgen. Daran mag Steingruber noch gar nicht denken, «weil im Final vieles passieren kann».

Keine Kamikaze-Sprünge

Aber die Konkurrenz bleibt nicht untätig. Immer wieder gibt es Akteurinnen, die den Roche (Überschlag mit Doppelsalto gehockt) zeigen, ein Männersprung, den aber noch keine Frau an einem Grossanlass korrekt in den Stand brachte. Dieser Sprung weist einen hohen Schwierigkeitsgrad von 7,0 Punkten auf. Da kann man sich gröbere Fehler leisten und kommt immer noch auf eine hohe Note. Ganz unbestritten ist diese Übung nicht: Bei fehlender Rotation kann die Turnerin auf den Rücken oder auf den Kopf fallen. Schon deshalb kommt für Stingelin dieser Sprung nicht in Frage. «Das ist für mich Kamikaze.»

Am Sprung gehört Steingruber zum erweiterten Kreis der Medaillenanwärterinnen. Beim Podiumstraining in Nanning zeigte sie beim Jurtschenko mit Doppelschraube noch ein paar Unsicherheiten. Aber Trainer Jordanov sagt: «Die Schweizerinnen sind gut vorbereitet und hinterlassen einen guten Eindruck.»

Das WM-Programm von Nanning

Freitag, 3.00–16.00 (Schweizer Zeit): Qualifikation Männer.

Samstag, 3.00–16.15.: Qualifikation Männer. – Einsatz der Schweizer: 5.30–17.45.

Sonntag, 3.00–15.45: Qualifikation Frauen. – Einsatz der Schweizerinnen: 7.30–17.45.

Montag, 3.00–15.45: Fortsetzung Quali Frauen.

Dienstag, 13.00–16.00: Teamfinal Männer.

Mittwoch, 13.00–15.00: Teamfinal Frauen.

Donnerstag, 13.00–15.30: Mehrkampffinal Männer

Freitag, 13.00–15.00: Mehrkampffinal Frauen.

Samstag, 7.00–10.00: Gerätefinals Frauen (Sprung und Stufenbarren). Männer (Boden, Pauschen, Ring).

Sonntag, 7.00–10.00: Gerätefinals Frauen (Balken, Boden). Männer (Sprung, Barren, Reck).

Zeitverschiebung: Nanning +6 Stunden

Aktuelle Resultate und Videos unter: www. fig-gymnastics.com.

TV: SRF 2 überträgt ab Freitag, 10. Oktober, live.

Das Kader der Schweizerinnen

Caterina Barloggio (18/Riazzino, SFG Sementina). Nicole Hitz (17/St. Gallenkappel SG, TV Rüti ZH). Ilaria Käslin (16/Sagno TI, SFG Chiasso). Laura Schulte (17/ Stein AG, Kutu Stein-Fricktal). Nadia Mülhauser (18/ Düdingen, Kutu Wünnewil/Ersatz). Stefanie Siegen­thaler (16/Bertschikon, TV Hinwil). Giulia Steingruber (20/Gossau SG, TZ Fürstenland/TV Gossau).