KUNSTTURNEN: Eine Sportart mit Suchtpotenzial

Der Horwer Fabien Herzog gehört nun dem Juniorenkader an. Er vertrat kürzlich erstmals die Schweiz an einem Länderkampf. Ganz einfach war der bisherige Weg nicht, aber es soll Schritt für Schritt nach oben gehen.

Drucken
Teilen
Der Horwer Fabien Herzog (16), hier beim Training in Littau, gehört zu den Schweizer Hoffnungsträgern. (Bild Manuela Jans-Koch)

Der Horwer Fabien Herzog (16), hier beim Training in Littau, gehört zu den Schweizer Hoffnungsträgern. (Bild Manuela Jans-Koch)

Theres Bühlmann

Ein wenig nervös war er schon, der 16-jährige Fabien Herzog bei seinem ersten internationalen Auftritt mit einem Nationalteam. Im November duellierte sich die Schweizer U-16-Mannschaft in Genf mit den Kollegen aus Grossbritannien, Frankreich und Deutschland. Mit Platz 2 hinter Grossbritannien lieferte der Schweizer Nachwuchs eine veritable Überraschung ab. Es gab nicht nur einen Podestplatz, sondern auch ein grosses Kompliment von Nachwuchstrainer Domenico Rossi: «Ich bin stolz auf diese Mannschaft. Wenn sich die jungen Turner so weiterentwickeln, ist dies für die Zukunft viel versprechend.» Angesprochen ist auch der 16-jährige Horwer Fabien Herzog aus den Reihen des BTV Luzern. Er musste zwar bei der Reckübung vom Gerät, steckte dieses Missgeschick aber wie ein Routinier weg und zog den Wettkampf durch. «Dieser Einsatz für die Schweiz und der Podestplatz erfüllen mich mit Stolz», blickt er zurück.

25 Stunden Training in der Woche

Der immense Trainingsaufwand trägt langsam Früchte, denn Kunstturner sind die Schwerstarbeiter unter den Sportlern. Rund 25 Stunden pro Woche hält sich Fabien Herzog trainingsmässig in der verbandseigenen Trainingshalle in Littau auf. Dazu kommen 21 Wochenlektionen an der Frei’s Talent School in Luzern (KV, 2. Lehrjahr). Ein gerüttelt Mass für den Youngster, viel freie Zeit bleibt nicht mehr, und wenn er diese einmal findet, dann unternimmt er gerne etwas mit seinen Kollegen.

Nur nicht noch grösser werden

Seine kunstturnerische Karriere begann im Alter von fünf Jahren. Damals war er in der Jugi Horw, absolvierte dann ein Probetraining beim BTV Luzern – und blieb beim Kunstturnen hängen. Dass er erst seit Anfang dieses Jahres im Juniorenkader des Schweizerischen Turnverbandes (STV) Unterschlupf fand, hat spezielle Gründe. Fabien Herzog kämpfte nämlich in der Vergangenheit mit Wachstumsproblemen, wuchs innerhalb zweier Jahre um 20 Zentimeter, was Gelenkschmerzen mit sich brachte. Zudem zog er sich einen Wadenbeinbruch zu und konnte somit auch die internen Kadertests nicht bestreiten. Doch nun hat es geklappt: Fabien Herzog gehört nun dem Schweizerischen Juniorenkader an. «Doch» sagt er, «manchmal gab es schon Situationen, da hätte ich am liebsten den Bettel hingeschmissen.»

Doch Aufgeben ist nicht sein Ding. «Wenn ich in einer Halle stehe, da fühle ich mich im Element. Kunstturnen verfügt über viel Suchtpotenzial.» Und dann erklärt der 169 Zentimeter grosse Turner – «ich hoffe, dass ich nicht noch stark wachse» – die Faszination für seinen Sport. «Ich mag die Vielfalt und die unterschiedlichen Elemente, welche den Einsatz des ganzen Körpers verlangen.» Und Fabien Herzog bekommt auch Lob von Martin Weibel, dem Cheftrainer der Luzerner Kunstturner. «Fabien verfügt über ein sehr gutes Bewegungsgefühl, ist ein stabiler Wettkämpfer und kann durchaus einst in die Fussstapfen von Kevin Rossi treten.» Für Nichtkunstturnkenner: Kevin Rossi ist der einzige Luzerner, der zurzeit einen Platz im Nationalkader bei der Elite innehat.

Hoffen auf die Heim-WM

Doch für Herzog gilt die Devise, alles Schritt für Schritt zu nehmen, internationale Wettkämpfe zu bestreiten und sich beim Nachwuchs zu etablieren. Und da ist ja noch Bern, genauer gesagt die Europameisterschaften vom 25. Mai bis 5. Juni in diesem Jahr. In der Hauptstadt ist nicht nur die Elite zu Gast, auch die Juniorinnen und Junioren erküren Europas Beste. Auch Herzog möchte dann nur zu gerne sein Können unter Beweis stellen. «Allerdings wird es nicht ganz einfach sein, mich für diese Europameisterschaften zu qualifizieren», sagt er. Wie auch immer, sein Ziel bleibt der Sprung in die Elite-Nationalmannschaft, und dann möchte er dorthin, wo es Spitzensportler hinzieht, an Weltmeisterschaften und an Olympische Spiele. Sollte es mit dem Elite-Nationalteam klappen, dann würde unweigerlich ein Umzug nach Magglingen bevorstehen. Doch diese Entscheidung hat noch Zeit. Herzog, mit den Lieblingsdisziplinen Boden und Pferdsprung, nennt Kohei Uchimura (26) als sein Vorbild. Der Japaner ist in dieser Sportart das Mass aller Dinge, Mehrkampf-Olympiasieger 2012 und mehrfacher Weltmeister. «Ich mag seinen eleganten Stil, bei ihm sieht alles so leicht aus, scheinbar ohne Anstrengung.»

Nicht unerwähnt lassen möchte er seine Familie, Mutter Christina, die häufig Chauffeurdienste leistet, seinen Vater Hanspeter, seine Zwillingsschwester Alessia und seinen älteren Bruder Cédric. «Ohne ihre Unterstützung könnte ich meinen Sport nicht ausüben, und dafür bin ich sehr dankbar.»