KUNSTTURNEN: Giulia Steingruber: «Geduld ist nicht meine Stärke»

Als letztjährige Mehrkampf-Europameisterin steht Giulia Steingruber ab morgen an der EM in Bern im Fokus. Die 22-jährige St. Gallerin spricht über ihren neuen Sprung, das richtige Timing und ihre grosse Schwäche.

Interview Raya Badraun, Magglingen
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Giulia Steingruber ist das Aushängeschild der Europameisterschaft in Bern. Hier posiert sie im Berner Rosengarten für eine Werbekampagne. (Bild: Keystone/Peter Klaunzer)

Giulia Steingruber ist das Aushängeschild der Europameisterschaft in Bern. Hier posiert sie im Berner Rosengarten für eine Werbekampagne. (Bild: Keystone/Peter Klaunzer)

Interview Raya Badraun, Magglingen

Giulia Steingruber, dieses Jahr wollen Sie einen neuen Sprung zeigen, den Tschussowitina mit einer halben Schraube mehr. Schaffen Sie es, wird er Ihren Namen tragen. Wie tönt das?

Giulia Steingruber: Momentan noch speziell. Ich habe schon ein Element beim Balken, das nach mir benannt ist. Aber am Sprung, meinem Paradegerät, wäre das ziemlich cool. Ich würde mich freuen, wenn ich meinen Namen im Kunstturnen nochmals verewigen könnte.

Ist das der Traum von jeder Kunstturnerin?

Steingruber: Das weiss ich nicht. Der grösste Traum ist wahrscheinlich eine Olympia-Medaille. Es macht einen aber natürlich stolz, wenn ein Sprung den eigenen Namen trägt.

Wann nahmen Sie den neuen Sprung in Angriff?

Steingruber: Wir haben schon vor der WM im vergangenen Herbst darüber gesprochen. Mit dem Training haben wir jedoch erst begonnen, als mein Knie nach den Titelkämpfen wieder verheilt war. Anfang dieses Jahres haben wir in Kopenhagen den Sprung in die Schnitzelgrube geübt. Ich merke relativ schnell, ob mir eine Übung liegt oder nicht. Ich war deshalb froh, dass er sich so gut entwickelt hat.

Fällt es Ihnen leicht, die neue Übung zu lernen?

Steingruber: Ja, eher. Ich springe jedoch auch lieber vorwärts als rückwärts.

Liegt das auch daran, dass Sie den Tschussowitina bereits seit fünf Jahren beherrschen?

Steingruber: Nicht unbedingt. Obwohl es nur eine halbe Schraube mehr ist, ist der neue Sprung ganz anders. Bei der Landung sehe ich den Boden nicht, das macht es schwierig. Um das zu schaffen, braucht es ein gutes Körpergefühl.

Wie meinen Sie das?

Steingruber: Ich weiss während des Sprungs genau, wo ich bin. Ich spüre, ob ich auf den Füssen lande oder nicht. So kann ich genug früh reagieren, damit die Landung einigermassen angenehm ist, auch wenn ich nicht auf den Füssen lande.

Für den Sprung müssen Sie auch Geduld haben, sagte Ihr Trainer Zoltan Jordanov.

Steingruber: Geduld ist überhaupt nicht meine Stärke.

Wie schaffen Sie es trotzdem?

Steingruber: Durch das Automatisieren. Für das richtige Timing muss man den Sprung hundertmal zeigen.

Wie oft haben Sie ihn schon geturnt?

Steingruber: Etwa hundertmal. Ich muss den Sprung aber schon noch öfter machen.

Wann werden Sie ihn zeigen?

Steingruber: Für die Europameisterschaft wird es knapp. Wegen des Test-Events in Rio konnte ich den Sprung drei Wochen lang nicht trainieren. Für die Olympischen Spiele hätte ich hingegen noch zwei Monate Zeit. Wenn es so weiter geht, bin ich sehr zuversichtlich, dass ich ihn spätestens in Rio zeigen kann.

Waren die Olympischen Spiele auch der Grund, weshalb Sie den Sprung einstudiert haben?

Steingruber: Natürlich will man an den Olympischen Spielen sein ganzes Potenzial zeigen. Die einen setzen eher auf Sicherheit und gute Qualität, die anderen auf Risiko. Ich bin eher dafür, dass man an den Olympischen Spielen zumindest im Final alles zeigt, was man kann.

 

Zwei Medaillen sollen her

Europameisterschaft sda. Die Erwartungen an Giulia Steingruber für die Heim-EM sind hoch. Mindestens um zwei weitere Medaillen soll Steingruber ihr Palmarès von bislang sieben EM-Plaketten erweitern. Am Boden und am Sprung gehört sie zu den Titelanwärterinnen, am Schwebebalken besitzt sie zumindest Chancen auf einen Podestplatz.

«Zuerst stehen die Qualifikation und das Team im Vordergrund», stellt Steingruber klar. Der Einzug in den Final ist das Ziel für die Equipe des Ende Jahr abtretenden Cheftrainers Zoltan Jordanov. Alles andere als eine Top-8-Klassierung wäre nach der Leistung am Test-Event in Rio de Janeiro Mitte April, als die Schweizerinnen mit einem guten Wettkampf den 6. Platz belegt haben, eine Enttäuschung.

Bern. Turn-Europameisterschaften. Frauen. Heute, 10.00 bis 20.10 Uhr: Qualifikation Juniorinnen. – Donnerstag, 10.00 bis 19.20 Uhr: Qualifikation Frauen (mit der Schweiz in der 4. und letzten Subdivision). – Freitag, 19.00 bis 20.35 Uhr: Mehrkampf-Final Juniorinnen. – Samstag, 17.00 bis 18.40 Uhr: Team-Final Frauen. – Sonntag, 11.00 bis 17.20 Uhr: Gerätefinals Frauen und Juniorinnen.

Schweizer Aufgebot. Frauen: Caterina Barloggio (19/Riazzino), Thea Brogli (16/Riazzino), Ilaria Käslin (18/Sagno), Stefanie Siegenthaler (18/Bertschikon), Giulia Steingruber (22/Gossau SG). – Cheftrainer: Zoltan Jordanov.

Erinnerung an Josef Stalder

Übungsnamen T. B. Den Kunstturnfreunden sind Elemente wie Gienger-Salto, Tschussowitina oder Tsukahara ein Begriff. Übungen werden nach jenen Turnerinnen oder Turnern benannt, die diese als erste an einer Weltmeisterschaft oder an Olympischen Spielen vorführen. Unter den Erfindern ist auch der Luzerner Josef Stalder. Er zeigte an den Olympischen Spielen 1948 in London als erster Turner eine Grätsche am Reck, holte sich in dieser Disziplin den Olympiasieg, gewann Silber mit der Mannschaft und die Bronzemedaille am Barren. Weitere Olympiamedaillen folgten 1952. Stalder wurde zudem mehrmals Weltmeister und 1952 zum Schweizer Sportler des Jahres gewählt. Eine Halle in der Turnhalle Bramberg trägt heute seinen Namen, die Sepp-Stalder-Halle. Er verdiente seinen Lebensunterhalt als Hausmeister im kantonalen Regierungsgebäude in Luzern, ging später in die Politik und nahm Einsitz im Grossen Rat (heute Kantonsrat).

Briefmarke in Nordkorea

Nordkorea brachte 1978 Briefmarken mit Olympiasiegern heraus, auf denen auch der Luzerner zu Ehren kam. Josef Stalder verstarb 1991 im Alter von 72 Jahren. Seine Grätsche hält weltweit die Erinnerung an ihn wach.