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KUNSTTURNEN: Schweizer sollen zeigen, dass sie «keine Eintagsfliegen sind»

Für die Schweizer geht es an der WM in Montreal ab heute darum, die EM-Erfolge vom Frühjahr auf Weltniveau zu bestätigen. Die wiedergenesene, aber noch nicht ganz fitte Giulia Steingruber startet für einmal als Aussenseiterin.

Ein Top-12-Platz im Mehrkampf sowie der Einzug in einen Gerätefinal – so lautet die Zielsetzung der Schweizer Männer für die Einzel-WM in Montreal, der Olympiastadt von 1976, die heute beginnt. «Die Ziele sind nicht unrealistisch», sagt Nationaltrainer Bernhard Fluck. «Für die Athleten gilt es, sich auf internationalem Niveau durchzusetzen, sich einen Namen zu schaffen und zu zeigen, dass sie keine Eintagsfliegen sind.»

Gemeint sind Pablo Brägger, Europameister am Reck, Oliver Hegi, EM-Zweiter und WM-Finalist 2015 am Reck, sowie Eddy Yusof, der Olympia-Zwölfte im Mehrkampf von Rio de Janeiro. Es ist die kleinste männliche WM-Delegation seit Melbourne 2005, eine ungewohnte Situation nach den Mannschaftserfolgen in den letzten Jahren. «Die drei haben die Qualifikationskriterien erfüllt und sind derzeit unbestritten die Besten», so Fluck. Für die Verantwortlichen bietet die erste WM im Olympiazyklus im Hinblick auf Tokio 2020 die Möglichkeit, ein Zeichen zu setzen. «Geschenke werden keine verteilt», so Fluck. Mit weiteren Nominationen wäre aus seiner Sicht den Athleten nicht gedient gewesen. «Es handelt sich schliesslich um eine WM und nicht um einen Zürcher Kunstturnertag.»

Viele Probleme im Vorfeld der WM

Die Gründe für die kleine Delegation sind vielfältig. Christian Baumann, dreifacher EM-Medaillengewinner und Olympiateilnehmer, schlug sich in den letzten Monaten mit verschiedenen Blessuren herum, Taha Serhani kämpfte mit den Folgen einer Hirnerschütterung, Marco Rizzo patzte in den beiden Qualifikationen. Auch das nominierte Trio kam nicht ungeschoren durch die Vorbereitung. Hegi zog sich in einem Trainingslager in Tenero einen Faszienriss im Deltamuskel in der Schulter zu, was ihn zur Reduzierung der Trainingsbelastung zwang. Und Brägger, der mit seinem EM-Titel am Reck für eine Sternstunde in der STV-Historie sorgte, plagten über Wochen Knieprobleme.

Gelingt dem Ostschweizer die Übung am Reck ähnlich traumhaft wie im Frühjahr in Cluj-Napoca, dürfte ihm ein Platz im Final kaum zu nehmen sein, auch wenn die Konkurrenz im Vergleich zur EM deutlich stärker ist. Auch Hegi hat bei idealem Wettkampfverlauf Chancen, den Einzug in einen Gerätefinal zu schaffen. Yusof gilt derzeit als stabilster Mehrkämpfer, der zwölfte Platz im Final wird am ehesten ihm zugetraut.

Reduziertes Programm ärgert Steingruber

Im vierköpfigen Team der ­Frauen tritt Giulia Steingruber für einmal mit geringeren Ambitionen als gewohnt zu internationalen Titelkämpfen an. Die 23-jährige St. Gallerin befindet sich nach ihrer Fussgelenkoperation im Januar zwar im Fahrplan, noch hat sie aber ihr Niveau von 2016 nicht wieder erreicht. «Es wurmt mich, dass ich noch nicht das volle Programm zeigen kann», so die Olympia-Dritte am Sprung. Zwar habe sie physisch seit ihrem Comeback an den Schweizer Meisterschaften einen weiteren Schritt nach vorne getan, zu alter Leistungsstärke fehlen ihr aber noch ein paar Prozent.

Am Sprung und am Boden, ihren besten Geräten, hat Steingruber ihr Top-Level noch nicht erreicht. Sie plant zwar dieselben Sprünge wie in Rio; mit dem Jur­tschenko mit Doppelschraube, ihrem von der Schwierigkeit her einfacheren Sprung, bekundete sie im Training aber Mühe. Am Boden wird sie noch nicht alle Höchstschwierigkeiten ihrer ­neuen Übung zeigen können. «Dies muss ich akzeptieren, erzwingen kann ich nichts.» Mit Zielformulierungen hält sich Steingruber zurück: «Den Mehrkampf-Final zu erreichen, wäre schön, die Situation an den einzelnen Geräten ist offen.» (sda)

Weltmeisterschaften

Montreal (CAN). Heute, 15.30 bis 3.00 Uhr (Schweizer Zeit): Qualifikation Männer, Subdivisionen 1 bis 3 (mit den Schweizern in der Subdivision 2 ab 20.00 Uhr).

Dienstag, 15.30 bis 19.00 Uhr: Qualifikation Männer, Subdivision 4. – 22.00 bis 3.00 Uhr: Qualifikation Frauen, Subdivisionen 1 und 2.

Mittwoch, 19.00 bis 3.00 Uhr: Qualifikation Frauen, Subdivisionen 3 bis 5 (mit den Schweizerinnen in der Subdivision 3 ab 19.00 Uhr).

Donnerstag ab 1.00 Uhr (in der Nacht auf Freitag): Mehrkampf-Final Männer.

Freitag ab 1.00 Uhr (in der Nacht auf Samstag): Mehrkampf-Final Frauen.

Samstag ab 19.00 Uhr: Gerätefinals Boden, Pauschenpferd, Ringe (Männer), Sprung, Stufenbarren (Frauen).

Sonntag ab 19.00 Uhr: Gerätefinals Sprung, Barren, Reck (Männer), Schwebebalken, Boden (Frauen).

Schweizer Aufgebot. Männer: Pablo Brägger (24/Oberbüren), Oliver Hegi (24/Schafisheim), Eddy Yusof (23/Bülach).

Frauen: Jessica Diacci (23/Villnachern), Ilaria Käslin (19/Sagno), Giulia Steingruber (23/Gossau), Fabienne Studer (16/Thun).

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