«La Montanara» in der Hockeykathedrale: Ambri erobert den Spengler-Cup 

Ambri-Piotta startet bei der ersten Spengler-Cup-Teilnahme mit einem 4:1-Sieg gegen Salawat Ufa ins Turnier.

Klaus Zaugg aus Davos
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Ambris Topskorer Matt D’Agostini beschäftigt Torhüter Andrei Karejew.

Ambris Topskorer Matt D’Agostini beschäftigt Torhüter Andrei Karejew.

Gian Ehrenzeller/Keystone

War diese Arena je so ein Tollhaus? Nein. Nicht in der Meisterschaft. Nicht beim Spengler-Cup. Hier hat der HC Davos zwar schon Meistertitel und Spengler-Cup-Triumphe gefeiert. Und doch sind noch nie solche Hockeyfestspiele zelebriert worden. Nach vollbrachter Tat stellten sich die Spieler sogar zum Mannschaftsfoto vor der Stehplatztribüne auf, die vollständig von den Ambri-Anhängern dominiert worden ist. «Es war für uns wie ein Heimspiel», freute sich Torhüter Daniel Manzato. Er hat fast schon untertrieben. Zeitweise war die Stimmung so gut wie in der legendären Valascia, dem Heimstadion Ambris. Wunderschön tönte die Siegeshymne «La Montanara» durch die Hockeykathedrale. Natürlich ist sie auch schon während der Meisterschaft gesungen worden. Ambri hat ja auch in der Meisterschaft oft in Davos gewonnen. Aber dann ist es jeweils nur ein kleines Häufchen von Aufrechten, das die Hymne anstimmt. Jetzt waren es mehrere tausend, ja gefühlt 6300, die «La Montanara» intonierten, die schon während des Spiels von den Sprechchören der Ambri-Fans mitgerissen worden sind.

Ein richtiges und ein «theoretisches» Tor

Für Daniel Manzato war es sowieso eine ganz spezielle Partie. Er hatte vor einem Jahr mit Kuopio das Turnier durch einen Finalsieg gegen Team Canada gewonnen. Und jetzt feierte er auch beim Auftaktspiel einen Sieg: Ambri bodigte das russische Spitzenteam aus Ufa 4:1 und stellt gleich einen Rekord auf: Noch nie in der Geschichte (seit 1923) ist einer Mannschaft ein «Grand Slam» gelungen: vier Tore und jedes auf unterschiedliche Art und Weise. Eines bei gleich viel Feldspielern, eines in Überzahl, eines in Unterzahl und zum Schluss noch ein sogenanntes technisches Tor zum 4:1. Der Puck war nie im Netz. Aber wenn ein Team den Torhüter in den letzten zwei Minuten durch einen sechsten Feldspieler ersetzt hat, dann wird im Falle einer Strafe dem Gegner automatisch ein Tor zugesprochen. Marco Müller hat also ein richtiges Tor (zum 2:0) und ein «theoretisches» Tor (zum 4:1) erzielt – er war der letzte Ambri-Spieler gewesen, der den Puck berührt hatte. Der Mittelstürmer hatte mit Dominik Zwerger die Partie dominiert. Das Duo war an drei der vier Tore beteiligt. Letzte Saison gehörte noch Liga-Topskorer Dominik Kubalik zu dieser Angriffsreihe (er stürmt jetzt in der NHL) und die bange Frage war ja: Können Marco Müller und Dominik Zwerger auch ohne den tschechischen Weltklasse-Stürmer Tor und Assist. Die Antwort ist klar: Ja, sie können. Vielleicht sollte die Geschichte der letzten Saison ein wenig umgeschrieben werden. Im Sinne, dass der Anteil seiner Linienkameraden Marco Müller und Dominik Zwerger am Skorertitel grösser war als bisher angenommen.

Den Russen fehlt die Leidenschaft

Bei dieser Partie sind zwei Extreme aufeinandergetroffen: ein leidenschaftliches Ambri, das diesen Auftritt beim Spengler-Cup als historische Chance wahrnimmt, seinen Mythos zu mehren. Gegen eine russische Mannschaft, die den Spengler-Cup als Lustreise versteht. Die KHL-Vertreter sind für das Prestige des Spengler-Cups sehr wichtig und ein fester Bestandteil des Turniers. Aber es spielt keine Rolle, wer aus der zweitwichtigsten Liga der Welt (nach der NHL) nach Davos kommt. Die Leidenschaft fehlt.

Trainer Luca Cereda hatte «Vollgas-Hockey» von der ersten Sekunde angeordnet, um die Russen gar nie ins Spiel kommen zu lassen, und er durfte sich hinterher freuen: «Wir haben unserem Gegner Ambri-Hockey gezeigt.» Erst in der Schlussphase kam Ambri unter Druck (zwei Pfostenschüsse) – aber da war es bereits zu spät. Wer einmal von Ambri überrollt worden ist, kommt fast immer zu spät.

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