LANGLAUF: Der emotionalste Sieg des Dario Cologna

Dario Cologna (27) holt sich den Olympiasieg im Skiathlon! Eine Geschichte, wie sie die Autoren in Hollywood ergreifender nicht hätten schreiben können.

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Während der «Flowers Ceremony» übermannen Dario Cologna die Emotionen. (Bild: Keystone)

Während der «Flowers Ceremony» übermannen Dario Cologna die Emotionen. (Bild: Keystone)

Am Ende konnte Dario Cologna einfach nicht mehr anders. Als im Zielstadion der Langlauf-Wettkämpfe die Blumenübergabe an die besten drei Athleten des Tages lief, rang er lange mit der Fassung. Wie zuvor beim olympischen Skiathlon (15 km klassisch und 15 km Skating) in der Loipe kämpfte er auch nun wieder lange Zeit famos. Doch als dann sein Name aufgerufen wurde, als er sich in der Mitte des Podestes auf den Platz des Olympiasiegers stellen sollte, war es um ihn geschehen. Die Emotionen übermannten ihn.

All die ergreifenden Erlebnisse der letzten Wochen, die oft negativen Erfahrungen, hatten bei ihm Spuren hinterlassen. Sie schlummerten in ihm. Und bis zu jenem Moment konnte sie der 27-Jährige aus dem Münstertal auch immer ganz gut unterdrücken und sich einzig und allein auf dieses erste Olympiarennen fokussieren. Doch nun, in der Stunde des Triumphes, brachen all die aufgestauten Emotionen aus ihm heraus.
In den vergangenen Jahren war Dario Cologna zwar schon so einige Male bei bedeutenden Anlässen am Ende in der Mitte des Podestes gestanden. Und ja, auch da habe er feuchte Augen gehabt, gibt er zu. Bei den Spielen von Vancouver 2010 zum Beispiel, als er über 15 Kilometer Skating die Goldmedaille holte. Der erste Olympiasieg ist eben immer etwas Grandioses. Oder an der WM letztes Jahr in Val di Fiemme (It), als er nach vielen Versuchen endlich in der Verfolgung Weltmeister wurde und sich damit den letzten, ihm noch fehlenden, bedeutenden Titel holte.

Verglichen mit gestern verhielt er sich damals jedoch fast schon rational. Denn als er da oben auf dem Podest stand und so richtig realisierte, dass er zum zweiten Mal Olympiasieger geworden ist, da weinte er hemmungslos. Weil es eben stets ein grandioses Gefühl ist, den bedeutendsten Titel im Sport gewonnen zu haben. Vor allem aber, weil hinter diesem Triumph eine herzzerreissende – nein, eine ergreifende, eine eigentlich unglaubliche Geschichte steht. «Ich habe eine harte Zeit hinter mir. Es war lange nicht klar, ob ich hier überhaupt starten kann – das macht diesen Erfolg so extrem emotional», sagte er später.

Ein verhängnisvoller Tag in Davos

Das Besondere an dieser Geschichte, die die Drehbuchautoren in Hollywood nicht rührender hätten schreiben können, ist nicht allein die Tatsache, dass der in bescheidenen Verhältnissen im ländlichen Münstertal aufgewachsene Cologna sein Ansehen als internationaler Sportstar noch glanzvoller machte und erneut Olympiasieger wurde. Vor drei Monaten hatte es ja schon genau danach ausgesehen. Denn da verkündete der Erfolgsgarant im Schweizer Wintersport zum Ende der Saisonvorbereitung: «Ich bin so gut in Form wie noch nie.» Der Winter konnte kommen.

Und er kam. Und wie! Denn als Cologna wenige Tage vor dem Saisonstart bei sich daheim in Davos joggte, rutschte er auf einer kleinen Eisfläche aus, knickte um – und erlitt einen Aussenband-, Innenband- und Syndesmosebandriss im rechten Sprunggelenk.

Eine Verletzung, die alles veränderte, weil deren Heilungsprozess sechs Monate dauert. Sechs Monate, bis alles wieder beim Alten ist. Und das nicht einmal mehr drei Monate vor dem Olympia-Auftakt. «Als ich das gehört habe, habe ich mir gedacht: Was soll ich denn dann überhaupt in Sotschi?», blickt Cologna zurück, «aber ich habe mir dann gesagt: Bis zu dieser Verletzung war es mein grosses Ziel, noch einmal Olympiasieger zu werden. Die nächsten Olympischen Spiele sind erst wieder in vier Jahren, und wer weiss, ob ich dann überhaupt noch aktiv bin. Also werde ich jetzt alles versuchen, um trotzdem noch mein ursprüngliches Ziel zu erreichen.»

Es war der Auftakt zu jener unglaublichen Geschichte, in der Cologna, die Schweizer Cheftrainerin Guri Hetland, Teamarzt Patrick Noack sowie Colognas Physiotherapeut Simon Trachsel und dessen Team in Magglingen die Hauptrollen spielten. Sie beruhigten ihn, wenn er die Geduld verlor und zu schnell zu viel trainieren wollte. Sie liessen ihre Kontakte spielen, um Cologna ein zwar aussergewöhnliches, aber effizientes Alternativtraining zu ermöglichen. So absolvierte er die ersten Einheiten nach der Operation in einem Schlitten, den ihm die Sportmedizin Nottwil bereitstellte. Und als es dann erstmals auf den Schnee ging, Cologna aber das Fussgelenk noch nicht gross belasten sollte, liess die Norwegerin Hetland ein Sportgerät ankarren, mit dem normal die Behindertensportler in ihrem Heimatland trainieren.

Cologna mit cleverem Fahrplan

Vor allem aber hakten sie den kompletten Weltcup-Winter ab und tüftelten stattdessen einen einzig auf die Olympischen Spiele ausgelegten Plan aus. Das beste Beispiel: Vor drei Wochen trat Cologna lieber bei den für ihn aus sportlicher Sicht bedeutungslosen Schweizer Meisterschaften an statt beim Weltcup in Polen. Obwohl er ursprünglich dort erstmals seinen Leistungsstand mit dem der Besten der Welt vergleichen wollte, sagte er diesen wichtigen Test kurzfristig ab, weil dort Schneeverhältnisse zu erwarten waren, die Gift gewesen wären für seinen Fuss. «Damals hatten wir uns anders entschieden, um den Fuss zu schonen und mir die Reisestrapazen zu ersparen», sagt er und fügt stolz hinzu: «Jetzt stehe ich hier und bin Olympiasieger – wir haben alles richtig gemacht.»

Sechs Monate dauere es, bis eine derartige Verletzung ausgeheilt ist, er könne noch nicht ohne Schmerzen joggen und müsste eigentlich einen Stützschuh tragen, erzählt er und kann sich ein herzhaftes Lachen nicht verkneifen: «Aber nach heute kann ich wohl schlecht sagen, dass mich die Verletzung noch beeinträchtigt.»
Sie hat die Geschichte zu Dario Colognas Olympiasieg 2014 zu einer ergreifenden gemacht, zu einem der bewegendsten Schweizer Olympiasiege sogar. Und sie kann noch unglaublicher werden. Denn bis zum Ende der Spiele tritt Dario Cologna noch fünfmal an, das nächste Mal am Dienstag im Sprint. Und auch dann geht er wieder als Medaillenkandidat ins Rennen. Oder wie es der nun zweifache Olympiasieger formuliert: «Die Form ist da, jetzt will ich weiter um Medaillen kämpfen – und man sieht ja, dass es mir läuft.»