Super League

Langweilig und ohne Höhepunkte: Der Schweizer Fussball sucht den Ausweg in eine attraktivere Liga

Wie steigert man die Attraktivität des Schweizer Klubfussballs? Hat die Zehnerliga bald ausgedient? Kehrt der Strich zurück? Der Trend besagt: Es bleibt nichts anderes übrig.

Sebastian Wendel
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Auf-/Abstiegsrunde im Frühling 2003 – Vaduz (links Marco Perez) gegen Aarau (Fredy Chassot) – Spannung pur.

Auf-/Abstiegsrunde im Frühling 2003 – Vaduz (links Marco Perez) gegen Aarau (Fredy Chassot) – Spannung pur.

Keystone

Eine Bar. Zehn Männer. Eine Frau betritt den Raum. Ihre attraktive Erscheinung und der Duft ihres Parfüms regen bei jedem der zehn Männer die Fantasie an, wie der Abend verlaufen soll. Doch die Summe der Erwartungen entspricht nicht im Geringsten der Realität: Höchstens der Wunsch eines Mannes wird erfüllt.

So ist es auch in der Super League. Vor Beginn der Saison malen sich die Fans die verschiedensten Szenarien aus, träumen von Trophäen und rauschenden Meisterfeiern, von Spannung bis zum Schluss – die Realität ist jedoch: Die wichtigste Frage, die nach dem Meister, ist früh beantwortet. Gefühlt schon vor dem Saisonstart. Es geht nur noch darum, ob Basel schon im April oder im Mai Meister wird. Spannung? Nur noch im Tabellenkeller.

Unterhalb der «Big 5» (England, Deutschland, Spanien, Italien, Frankreich) kämpfen etliche Ligen mit den gleichen Problemen: Es gibt zu viele Spiele ohne Wert. Es fehlen Spannung und Attraktivität und dadurch immer mehr Zuschauer im Stadion und vor dem TV. Weniger Fans heisst weniger Sponsoren.

Die kleineren Ligen müssen etwas tun, um in der Entertainment-Industrie kompetitiv zu bleiben. Die Lösung kann nur heissen: Veränderung des Liga-Modus. Es braucht mehr Wettbewerb, mehr Spannung, das Produkt muss attraktiver werden. Es braucht mehr Höhepunkte und mehr Entscheidungen, verteilt über die ganze Saison.

Schon lange erkannt hat dies die Firma Hypercube aus Holland. Das Beratungsunternehmen ist spezialisiert darauf, Fussballformaten einen neuen Schliff zu verpassen, und war auch massgebend an der Champions-League-Reform beteiligt. Die Philosophie von Hypercube basiert darauf, die Bedürfnisse möglichst aller Interessensgruppen mit einzubeziehen: neben den Vereinen auch die Fans, Spieler, Trainer, Journalisten und Sponsoren.

Die Geschichte der Auf-/Abstiegsrunde in Bildern

Young Boys's Leandro, Mitte, im Kampf um den Ball mit St. Gallens Stefan Wolf, im ersten Spiel der Auf- / Abstiegsrunde 2003 zwischen dem FC. St. Gallen und dem FC Young Boys. Mittwoch, 16. Juli 2003, im Stadion Espenmoos in St. Gallen.
6 Bilder
Julio Hernan Rossi, Mitte, FC Lugano, am 15. Mai 1999 in Lugano beim Spiel der Auf-/Abstiegsrunde der Nationallia A und B umringt von mehreren Spielern von Etoile Carouge.
Christian Gimenez, FC Lugano, setzt sich am 5. April 1998 in Baden beim Spiel der Auf-/Abstiegsrunde der Nationallia A und B gegen Verteidiger des FC Baden durch.
Zu Beginn des Spiels der Auf-/Abstiegsrunde der NLA/NLB zwischen dem FC Basel und den Grasshoppers entzünden Fans Feuerwerkskörper und werfen Rauchpetarden auf das Spielfeld, aufgenommen am 24. März 1993 im St. Jakob-Stadion in Basel.
Der Servettien Lucien Favre, Mitte, erzielt in der 26. Minute mit dem Kopf das 0 zu 1 für die Gäste, aufgenommen am 25. März 1990 in Basel beim Spiel der Nationalliga Auf-/Abstiegsrunde FC Basel gegen Servette.
Mit einem torlosen Unentschieden endet am 9. April 1988 im Stadion Lido das Spiel in der Auf- und Abstiegsrunde zwischen dem FC Locarno und dem FC Zürich. Damit hat der FCZ wohl seine Chance für den Klassenerhalt in der Nationalliga A verspielt, der Abstieg ist nicht mehr zu vermeiden. Die Aktion zeigt Locarnos Stürmer Kurz, links, mit einem Kopfball-Versuch in Richtung Zürcher Tor.

Young Boys's Leandro, Mitte, im Kampf um den Ball mit St. Gallens Stefan Wolf, im ersten Spiel der Auf- / Abstiegsrunde 2003 zwischen dem FC. St. Gallen und dem FC Young Boys. Mittwoch, 16. Juli 2003, im Stadion Espenmoos in St. Gallen.

Keystone

Die Schweiz unter Zugzwang

Neuster Kunde von Hypercube ist die Swiss Football League (SFL). Bis im Herbst will diese Antworten auf die Fragen haben: Müssen die Super League und die Challenge League aufgestockt werden? Braucht es einen neuen Spielmodus? Claudius Schäfer, der CEO der SFL, betont, es gebe noch keine Stossrichtung. «Eine der Möglichkeiten ist, dass alles bleibt wie bisher.» Von den 20 Profiklubs gebe es keine grössere Gruppe, die auf eine Veränderung poche. Zudem müssten bei einem neuen Ligamodell vor 2021 auch die TV-Partner einverstanden sein.

Pieter Nieuwenhuis, Gründer der Firma Hypercube «Falls die Schweizer Liga keine Absicht hat, sich zu verändern, sehe ich den Sinn für unsere Zusammenarbeit nicht.»

Pieter Nieuwenhuis, Gründer der Firma Hypercube «Falls die Schweizer Liga keine Absicht hat, sich zu verändern, sehe ich den Sinn für unsere Zusammenarbeit nicht.»

Nordwestschweiz (nch)

Die Analyse mit Einbezug aller Anspruchsgruppen sei nach 14 Jahren nötig und richtig. Und eine Reflexion über den Modus sei auch in Ländern wie Dänemark, Österreich, Belgien oder Holland passiert, die mit der Schweiz vergleichbar sind: Deren Ligen spielen bereits in einem neuen Modus oder werden dies – wie Österreich ab 2018 – bald tun.

Für Pieter Niewenhuis, den Gründer von Hypercube, ist anders als für SFL-CEO Schäfer klar: «Die Schweiz muss etwas machen. Ich gehe fest davon aus, dass die Anzahl Teams in den beiden höchsten Ligen und der Spielmodus verändert werden. Ansonsten würde die Schweiz Gefahr laufen, den Anschluss zu verpassen. Falls die Liga keine Absicht hat, sich zu verändern, sehe ich den Sinn für unsere Zusammenarbeit nicht.» Die Schweiz sei im Vergleich mit ähnlichen Ligen die letzte verbliebene Bastion, in der alle Mannschaften viermal gegeneinander spielen.

Der Blick in die kleineren europäischen Meisterschaften zeigt tatsächlich: Immer mehr Ligen werden nach der Hinrunde in zwei Hälften geteilt: Die obere spielt um den Meistertitel, die untere um den Abstieg. In einigen Ligen werden bei der Aufsplittung auch die Punkte halbiert. Das erinnert an das alte Modell hierzulande mit Final- und Auf-/Abstiegsrunde, das Anfang Jahrtausend als nicht mehr zeitgemäss betrachtet wurde. Mit der Vergangenheit in die Zukunft? Für die Schweiz gilt: gut möglich.

Vier Prozent mehr Umsatz

In Österreich ist die Liga-Reform seit Dezember 2016 beschlossene Sache. Immer mehr bankrotte Klubs und der Absturz im Uefa-Ranking haben zum Entschluss geführt, etwas zu verändern. Aktuell spielen wie in der Schweiz je zehn Teams in den höchsten zwei Spielklassen, ab der Saison 2018/19 12 (höchste Liga) und 16 (zweithöchste Liga).

 Claudius Schäfer, CEO der Swiss Football League: «Eine der Möglichkeiten ist, dass alles bleibt wie bisher.»

Claudius Schäfer, CEO der Swiss Football League: «Eine der Möglichkeiten ist, dass alles bleibt wie bisher.»

Keystone

In der höchsten Liga werden künftig nach der Hälfte die Punkte halbiert und die Mannschaften aufgeteilt in eine Meistergruppe und in eine Qualifikationsgruppe. In Ersterer wird der Meister ermittelt, der Letztplatzierte der Qualifikationsgruppe steigt ab. Das Spezielle: Der Gewinner der Qualifikationsgruppe spielt in Playoff-Spielen gegen den Drittplatzierten der Meistergruppe um einen Europacup-Platz. Dies alles soll zu mehr Brisanz in den einzelnen Partien und zu höheren Zuschauerzahlen führen.

Vier Prozent mehr Umsatz, so die Voraussage von Hypercube, machen die österreichischen Klubs künftig. Und dies, obwohl die Klubs pro Saison vier Spiele weniger als bisher absolvieren (32 statt 36). Christian Ebenbauer, der Geschäftsführer der österreichischen Bundesliga, sagt: «Der Fakt, dass mit Hypercube ein unabhängiger Partner von aussen die Situation analysiert und neue Modelle aufgezeigt hat, war der Schlüssel dafür, dass die Liga-Reform geklappt hat. Alleine hätten wir das nicht geschafft.»

Ähnlich tönt es aus Dänemark: In der Superliga läuft gerade die erste Saison im neuen Modus. Nach dem 26. Spieltag am kommenden Wochenende werden die 14 Mannschaften in drei Gruppen unterteilt. Peter Ebbessen, der dänische Ligaverantwortliche, sagt begeistert: «Nach 23 Jahren im alten System haben wir nun das beste der Welt.

Schon in der Hinrunde hatten viele Spiele entscheidenden Charakter. Die Zuschauerzahlen sind sehr gut. Und das Beste, die Finalrunde, kommt erst.» Sie hätten herausgefunden, dass ein neues Ligamodell neben der Steigerung der sportlichen Qualität vor allem wirtschaftliche Vorteile mitbringe: Je später die Entscheidungen fallen, desto grösser die Wahrscheinlichkeit, dass Sponsoren ihre Verträge verlängern und Fans Dauerkarten für die nächste Saison kaufen.

Die Dominanz des FC Basel schadet der Attraktivität der Liga.

Die Dominanz des FC Basel schadet der Attraktivität der Liga.

KEYSTONE/FC BASEL 1893 POOL/SACHA GROSSENBACHER

Der Trend «Zensur nach der Hinrunde» beinhaltet in einigen Ligen auch die Halbierung der Punkte. Was dazu führen kann, dass die Mannschaft, die über die gesamte Saison die meisten Punkte holt, nicht automatisch auch Meister wird. Das mag Traditionalisten irritieren. Doch Fakt ist, dass etwa die belgischen Mannschaften (Ligareform im Jahr 2009) von der Intensität des nationalen Wettbewerbs profitieren und im Europacup besser abschneiden. «Wenn die besseren Teams öfter gegeneinander spielen, profitieren der Zuschauer und der Verein», so Nieuwenhuis. Und die schwächeren Teams? «Auch für sie geht es um mehr: Bis zur Teilung der Liga haben sie Chancen, in der oberen Hälfte dabei zu sein. Danach ist ein spannender Abstiegskampf garantiert.»

Niewenhuis geht davon aus, dass der Trend zur Teilung der Liga in absehbarer Zeit auch die Topligen erfasst. «Momentan noch verkauft sich die Bundesliga gut. Doch was, wenn Bayern München zehnmal in Folge Meister geworden ist? Dann wird auch in Deutschland die Forderung nach einer Ligareform laut.»

«Der FC Basel ist das Problem»

Zurück zur Super League: Welcher wäre hier das optimale Modell? «Das kann man erst nach der Auswertung aller Daten und den Gesprächen sagen», so Nieuwenhuis. Er sagt, ein neues Modell sei wichtig für die Schweiz, es bräuchte aber wohl weitere einschneidende Massnahmen, um in der Schweiz wieder einen ausgeglichenen Wettbewerb zu haben. Im Klartext: «Der FC Basel ist das Problem. Er ist finanziell zu weit weg von den anderen Vereinen und kann zum Beispiel gute Spieler behalten, während andere Klubs sie verkaufen müssen.»

Schweiz dabei: Gespräche über neuen internationalen Pokalwettbewerb

Vor einiger Zeit prüften die Fussballligen aus der Schweiz und Österreich einen Zusammenschluss. Gemäss Österreichs Ligaboss Christian Ebenbauer blieben jedoch zu viele Fragen ungelöst. Etwa jene, wie verhindert werden kann, dass plötzlich nur noch Teams aus einem der beiden Länder in der «Alpenliga» spielen. Eine transnationale Liga ist weiterhin ausgeschlossen.

Doch als Reaktion auf die Champions-League-Reform, die Klubs aus kleineren Ligen den Zutritt in die Königsklasse erschwert, trafen sich kürzlich Vertreter aus sechs europäischen Ligen. Dänemark, Schottland, Belgien, Holland, Österreich und die Schweiz sprachen über die Möglichkeit, einen Grenzen überschreitenden Pokalwettbewerb ins Leben zu rufen. Der nächste Schritt ist eine Machbarkeits-Analyse. Claudius Schäfer, der CEO der Swiss Football League, sagt: «Wichtig ist, dass wir bei den Umbrüchen in der internationalen Fussballwelt bei solchen «Projekten» den Fuss in der Tür haben.» (wen)

Nieuwenhuis verweist auf eine revolutionäre Idee, die derzeit in Holland ernsthaft diskutiert werde: Die drei grossen Vereine Ajax, PSV Eindhoven und Feyenoord Rotterdam könnten künftig einen Teil der Uefa-Prämien auf die übrigen Klubs der holländischen Liga verteilen. Das soll die Kompetitivität der kleineren Vereine und somit den heimischen Wettbewerb steigern – und die Grossklubs wiederum fitter machen für den Europacup.

Fazit: Der Fussball ist auf allen Ebenen im Wandel. Der Schweiz bleibt wohl nichts anderes übrig, als mitzuziehen, um den Anschluss nicht zu verpassen.