Mit ihm kann man bei Marathons Weltrekorde brechen – ein Wunderschuh mit Placeboeffekt

Wieso der Laufschuh Nike Vaporfly für den Hobbyläufer nicht unbedingt das richtige Weihnachtsgeschenk ist.

Rainer Sommerhalder
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Für die grosse Masse der Hobbyläufer lohnt sich der Carbonschuh nicht. (Bild: Keystone)

Für die grosse Masse der Hobbyläufer lohnt sich der Carbonschuh nicht. (Bild: Keystone)

Noch nie hat ein Schuh die Marathonszene derart dominiert wie die neuste Erfindung von Nike. Der Kenianer ­Eliud Kipchoge lief mit dem Nike Vaporfly Next% Weltrekord und mit dessen Nachfolgemodell Vaporfly Alpha Fly vor wenigen Wochen die 42,195 km als erster Mensch unter zwei Stunden (1:59:40,2).

Im Sog des Ausnahmeathleten hat inzwischen eine grosse Mehrheit der Spitzenläufer diese Modelle an den Füssen. Wer bei einer anderen Marke unter Vertrag steht, streicht den farblich auffälligen Schuh kurzerhand schwarz an – so wie beim WM-Marathon in Katar dutzendfach beobachtet.

Der revolutionäre Mix von dünnen Carbonplatten in der Zwischensohle und einer Schaumpolsterung aus dem stark federnden Material Pebax sorgt für eine einmalig hohe Energierückgewinnung. Studien sagen aus, dass sich dank diesem Schuh die Laufökonomie um rund vier Prozent verbessert.

Der Nike Vaporfly sei ein Katapult, welches die Läufer nach vorne schleudert. Dem ambitionierten Hobbyläufer wurde vorgerechnet, dass er mit diesen Renn­finken an den Füssen seine Marathonlaufzeit von drei Stunden um sechs Minuten steigern kann.

Ein gewöhnlicher Schuh oder doch ein Wunderschuh? Darüber lässt sich streiten.

Ein gewöhnlicher Schuh oder doch ein Wunderschuh? Darüber lässt sich streiten.

Der Effekt für Hobbyläufer wird in Frage gestellt

Das perfekte Weihnachtsgeschenk also für den ehrgeizigen Freizeitsportler? Nike und viele Beiträge in Fachzeitschriften sagen Ja, zumal der Next% bereits heute für rund 350 Franken zu bestellen ist.

Der Alpha Fly soll dann im Frühjahr in den Handel kommen, wobei der Sportartikelgigant die Verfügbarkeit in der Schweiz wohl erneut einschränken wird. Vom aktuellen Modell erhielt beispielsweise Ochsner Sport für seine 80 Filialen gerade mal 50 Stück.

Louis Heyer ist Langstreckennationaltrainer und Wissenschafter an der Eidgenössischen Sportschule Magglingen. Er sagt: «Wer seine Marathonzeit verbessern will, der soll pro Woche einmal mehr trainieren. Der Effekt auf die Leistung ist tausendmal höher als durch den Schuh. Wer will, kann sich den Schuh dann immer noch kaufen – als Placebo.» Viktor Röthlin ist bis heute der einzige Schweizer WM-Medaillengewinner im Marathon und für seinen Detaileifer bekannt.

Er sagt: «Sehr viel passiert im Kopf. Der Hobbyläufer macht in der Regel alles, um schneller zu werden – ausser mehr zu trainieren.» Röthlin und Heyer sind sich einig, dass der Schuh für die Weltbesten eine geniale Innovation ist. Aber für den Freizeitsportler? «Ob du von diesem Schuh profitierst, hängt von deinem Niveau ab», sagt Röthlin.

«Wer beim Marathon über 90 Prozent des maximalen Leistungsvermögens abrufen kann, der profitiert. Der Hobbyläufer hingegen erreicht gar nicht das Tempo, damit der Schuh seine Wirkung erzielt.» Heyer ergänzt, dass die Entwicklung dieser Modelle auf Weltrekordhalter Kipchoge und dessen perfekte Technik ausgerichtet sei.

«Wenn der Hobbyläufer mit viel ­tieferem Körperschwerpunkt den Fuss über die Ferse abrollt, ergibt das eine ganz andere Laufökonomie.» Röthlin denkt sogar, dass der optisch zwar klobige, in der Tat aber minimalistisch aufgebaute Schuh für einen Läufer mit etwas Übergewicht kontraproduktiv sein kann.

Eine positive Folge hat der Technologie-Coup von Nike. Die Konkurrenten Adidas und Asics sind gefordert und reagieren. Adidas hat einen eigenen Carbonschuh entwickelt, und der deutsche Triathlet Jan Frodeno hat beim Ironman auf Hawaii in einem Asics-Prototyp den Streckenrekord pulverisiert. Auch sie werden die Leistungen ihrer Stars für Werbezwecke ausschlachten.

Die Laufschuhe von On und die Statistik

Der Schweizer Sportschuhhersteller «On» ist dank der Beteiligung von Tennislegende Roger Federer derzeit in aller Munde. Die Statistik des Fachhandels für verkaufte Laufschuhe in der Schweiz weist einen überragenden Marktanteil von 45 Prozent auf. Wer hingegen am Ziel einer Laufveranstaltung auf die Füsse der Wettkämpfer schaut, erhält einen anderen Eindruck. Kaum fünf Prozent der Hobbysportler trägt im Rennen Schuhe der Marke On. Nicht besser sind die Werte für Nike. Beinahe die Hälfte aller Wettkampfsportler schwört auf die Marke «Asics», gefolgt von weiteren spezialisierten Herstellern wie Brooks.

On und Nike trägt der sportliche Typ lieber in der Freizeit als beim Wettkampf. Für die Macher von On ist das Verhalten der Schweizer Kundschaft ebenso verblüffend wie einzigartig. In den USA etwa werde der Schuh ganz klar als Laufschuh wahrgenommen, den man im Training und im Rennen trägt.   Die immer grössere Bedeutung von Sportschuhen als Modetrend sorgt auch dafür, dass die Beratung im Fachhandel oft falsch läuft. Der Konsument kommt bereits mit einer klaren Vorstellung ins Geschäft, der Verkäufer erfüllt ihm dann diesen Wunsch.

Dabei wäre der ideale Laufschuh jener, der individuell am besten zum Fuss und zu den körperlichen Voraussetzungen passt. Ein 100 Kilo schwerer Mann benötigt einen ganz anderen Schuh als ein 60 Kilo leichter Läufer. Eine Frage, die man sich auch zu selten stellt: Wer einen langlebigen Begleiter für die tägliche Joggingrunde sucht, liegt mit einem ultraleichten Modell wie etwa dem Vaporfly von Nike sicher falsch. (rs)