LAUFSPORT: Im Durchbeiss-Modus zum Muskelkater

Tausende Hobbyläufer starten am Sonntag am Swiss City Marathon. Doch was erwartet sie auf der rund 21 Kilometer langen Runde? Eine Streckenbesichtigung der anstrengenden Art.

Melk von Flüe
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Nach zweieinhalb Stunden Laufen erschöpft, aber glücklich im Verkehrshaus angekommen: Sportredaktor Melk von Flüe. (Bilder Dominik Wunderli)

Nach zweieinhalb Stunden Laufen erschöpft, aber glücklich im Verkehrshaus angekommen: Sportredaktor Melk von Flüe. (Bilder Dominik Wunderli)

Melk von Flüe

War es eine Schnapsidee? Werde ich es bereuen, an der Wochensitzung der Sportredaktion den Vorschlag gemacht zu haben, in einem Selbstversuch die rund 21 Kilometer lange Strecke des Swiss City Marathons zu besichtigen – laufend? Wo doch meine Laufschuhe seit über einem Monat am Auslüften sind ...

Als ich am Mittwochmorgen das Fenster öffne, denke ich: «Ja.» Es ist kalt draussen, und es regnet – aber es gibt kein Zurück. Doch es ist gar nicht so einfach, die richtige Kleidung für dieses Hudelwetter zu finden. Allzu warm soll man sich ja auch nicht anziehen, nicht dass der Körper während des Laufs überhitzt. Ich entscheide mich für ein Thermo-Shirt, eine winddichte Jacke darüber, lange Hosen und eine Mütze. Immerhin: Als ich loslaufe, hat der Regen nachgelassen.

Ein Plus, das die über 10 000 Läuferinnen und Läufer am Sonntag nicht haben werden, ich allerdings schon: Ich habe einen Begleiter auf dem Velo dabei, der mir Gesellschaft leistet und meinen Rucksack mit Getränken und der Regenjacke trägt. Während er ob meines gemächlichen Tempos friert, habe ich es wohlig warm. Gleichmässig, aber locker will ich laufen, schliesslich möchte ich das Ziel im Verkehrshaus nicht auf allen vieren oder per Bus erreichen.

Erste Zweifel im Gegenwind

Nach dem flachen Beginn nähert sich schon bald die erste nahrhafte Steigung. Der «Stutz» bei Kilometer 5 (siehe Karte) macht seinem Namen alle Ehre, und ich bin froh, dass ich erst wenige Kilometer in den Beinen habe. Kurz vor dem Ziel würde es an einem solchen Anstieg wohl ziemlich sicher den einen oder anderen «verblasen».

Verblasen hat der Sturm «Gonzalo» am Dienstag viel Laub, und wegen des Regens kleben die Blätter am Asphalt fest. Ich gehe darum vorsichtig meines Weges, nicht dass ich noch ausrutsche und meinen Selbstversuch frühzeitig abbrechen muss. Die kurze Zeit später folgende zweite und letzte nahrhafte Bergauf-Passage eingangs Kastanienbaum treibt den Puls in die Höhe. Entschädigt wird man dafür wenig später mit einer tollen Aussicht über den Vierwaldstättersee.

Doch kaum ist der südlichste Punkt der Horwer Halbinsel erreicht, bläst mir ein unangenehmer Wind entgegen. Erstmals steigt ein wenig Reue über mein Projekt in mir auf, weil aber die Beine noch einen guten Eindruck machen, sind die Zweifel rasch vergessen – bis auf die Allmend. Vorbei ist es mit gemütlichem Joggen, ich spüre aufkommende Müdigkeit, die Beine werden schwerer. Noch sind es aber sechs Kilometer bis ins Ziel. Ich wechsle in den Durchbeiss-Modus.

Ewig lange Haldenstrasse

Beim KKL angelangt setzt Regen ein, der Frust steigt. Jetzt täte ein aufmunterndes «Hopp» oder Applaus vom Strassenrand gut. Die Zuschauer sind ein nicht zu unterschätzender Faktor. Sie können die Motivation steigern, nochmals Kräfte freisetzen lassen. Doch niemand nimmt Notiz von mir – ich bin ja auch vier Tage zu früh unterwegs.

Auf der Haldenstrasse, die sich fürchterlich in die Länge zieht, macht der Blitzkasten keine Anstalten, ein Foto von mir zu schiessen. Schnell bin ich wohl nicht unterwegs. Das bestätigt die Uhr: Nach rund zweieinhalb Stunden erreiche ich das Verkehrshaus und bin gottenfroh, dass die Marathonläufer des Swiss City Marathons die Runde zweimal absolvieren müssen. So kann ich nämlich meine Streckenbesichtigung beenden.

Ich bin zwar erschöpft, doch ganz guter Laune. Auch wenn ich mit dieser Zeit meinen Namen auf der Rangliste weit hinten zu suchen beginnen würde. Es ist ein tolles Gefühl, endlich am Ziel zu sein und zu wissen, dass bald eine heisse Dusche auf mich wartet. Pflichtbewusst mache ich noch ein paar Stretching-Übungen, in der Hoffnung, dass es am kommenden Tag kein böses Erwachen geben wird.

Quittung folgt am Tag danach

Donnerstagmorgen: Langsam bewege ich mich durch meine Wohnung – die Oberschenkel schmerzen, hallo Muskelkater. Das ist die Quittung für das nicht existente Training vor meinem Selbstversuch. Doch wenn ich am Morgen schon verkatert bin, dann am liebsten wegen einer sportlichen Aktivität. Und: Es geht mir besser, als ich erwartet hätte. Ich gehe sogar die Treppe hinunter, wenn auch weniger schwungvoll als gewohnt.

Reue über meinen Selbstversuch ist also fehl am Platz. Auch wenn man ihn als Schnapsidee bezeichnen kann. Ohne entsprechende Vorbereitung so weit zu laufen, rate ich niemandem. Klar ist: Bevor ich jemals wieder eine solche Distanz laufe, trainiere ich regelmässig. Vorläufig lasse ich meine Laufschuhe aber wieder eine Weile auslüften.