LAUFSPORT: Sie will Menschen in Not helfen

Alicia Durrer (19) aus Ebikon ist eine talentierte Langstreckenläuferin und startet nächsten Samstag beim Luzerner Stadtlauf in der Nachwuchselite. Doch es gibt wichtigere Dinge in ihrem Leben.

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Alicia Durrer wärmt sich für den Rotseelauf auf, wo sie am Samstag in ihrer Kategorie Vierte wurde. (Bild: Boris Bürgisser)

Alicia Durrer wärmt sich für den Rotseelauf auf, wo sie am Samstag in ihrer Kategorie Vierte wurde. (Bild: Boris Bürgisser)

Roland Bucher

Es ist im Gespräch mit Alicia Durrer gar nicht so einfach, in der sportlichen Fährte zu verharren. Der Sport sei ihr Elixier, das Laufen, renn- und wettkampfmässig und über weite Distanzen, beflügle sie: «Ich habe einen ausgesprochenen Bewegungsdrang. Der Sport wird mich ein ganzes Leben lang begleiten, das weiss ich ganz genau.»

Der Sport, das ist eine Facette im Leben dieser jungen, 19-jährigen Frau. Papa Alejandro brachte Klein Alicia vor vielen, vielen Jahren auf den Geschmack: «Als ich elf Jahre alt war, schnupperte ich erstmals bei der Läuferriege Ebikon. Es hat mir vom ersten Moment an riesig Spass gemacht.» Die feingliedrige Athletin verriet Talent, wurde immer schneller und ausdauernder. Am kommenden Sonntag darf sie zum zweiten Mal dort starten, wo es – behaupten wir Lokalpatrioten – am meisten Spass macht: am Luzerner Stadtlauf. Und zwar nicht in irgendeiner Kategorie, sondern in der Nachwuchselite. In jenem Junioren-Elitefeld, wo sich die nationale Talent-Güteklasse die Hände reicht. «Ich bin stolz, dabei sein zu dürfen», strahlt die Ebikonerin, aber: «Grosse Hoffnungen auf einen der ganz vordersten Ränge mache ich mir nicht.» Das hat durchaus seinen Grund: Alicia Durrer leidet an einer Krankheit, die im Februar zum zweiten Mal ausgebrochen ist: Zu wenig Eisen im Blut mindert die Leistungsfähigkeit. «Der Kopf will», erklärt sie, «doch die Beine sind schwer. Aber ich will mich nicht beklagen: Andere Menschen haben mit ganz anderen, schlimmeren gesundheitlichen Sorgen zu kämpfen.»

Ein spezielles Vorbild

Dass die Wahl für dieses Interview auf sie gefallen ist, dass habe sie – «ganz ehrlich gesagt» – ein bisschen perplex gemacht: «Es gibt viele Läuferinnen, denen ich das Wasser nicht reichen kann.» Flavia Stutz, die Ufhuserin, beispielsweise, die sei von einem ganz anderen Kaliber: «So schnell laufen wie sie», lacht Alicia Durrer, «werde ich das ganze Leben nie können.» Ihre Beweisführung: Über ihre Paradedistanz von 3000 Meter stehe sie bei einer Bestzeit von 10:56 Minuten – «Flavia spult das locker in zehn Minuten hinunter ...» Und so hat Alicia Durrer auch nie den Traum im Hinterkopf deponiert, einmal an grossen Wettkämpfen teilnehmen oder vom Sport leben zu können: «Ich bin Realistin genug, um zu spüren, dass mir Grenzen gesetzt sind. Mein Ziel ist es, national zu den Besseren zu gehören – und vor allem Spass zu haben. Freundschaften, die sich im Training und an den Rennen ergeben, zu pflegen.»

Berufliche Weichen stellen

Im Mai wird Alicia Durrer, die sich in diesen Wochen beim Kundendienst der Post das Sackgeld und das Guthaben für fernere Studienjahre aufbessert («nach so vielen Jahren Schule ist das eine unerhört wertvolle Erfahrung»), ein Praktikum im Schweizer Paraplegiker-Zentrum in Nottwil in Angriff nehmen. Und Anfang Juli werden die Weichen für ihre berufliche Zukunft gestellt: Alicia Durrer unterzieht sich einem Eignungstest für ein Medizinstudium. «Klappts nicht», verrät sie, «dann tendiere ich auf ein Biologiestudium an der ETH in Zürich.»

Womit wir in die Nähe der Legitimation gerückt sind, nicht die allerallerschnellste, aber eine interessante junge Frau für dieses Porträt zu rekrutieren. Alicia Durrer führt in ihrer Lebensausrichtung den Wunsch, Menschen in Not helfen zu dürfen, an prioritärer Stelle. «Ich wusste schon früh, dass ich deshalb auch einen Beruf anstrebe, bei welchem ich mich in dieser Beziehung verwirklichen kann.»

So schwärmt sie denn eher speziell für den kolumbianischen, bei Chelsea tätigen Fussballstar Juan Cuadrado (27): «Er ist aus der Armut gekommen, ein Star geworden und ist jetzt auf der guten Seite des Lebens angelangt. Es imponiert mir, dass er seine schwere Jugendzeit nicht vergessen hat und sich stark bei einem Kinderhilfswerk engagiert.» So, sagt sie, möchte sie auch durchs Leben gehen; mit offenen Augen und dem Antrieb, etwas, von dem viele Menschen im Überfluss besitzen, an nicht bevorteilte Leute zurückzugeben.

Rang 4 am Rotsee-Lauf

Die Hauptprobe für den Luzerner Stadtlauf, der einzigartig sei, weil «die Atmosphäre jedes Mal so richtig unter die Haut geht», ist Alicia Durrer nicht ganz geglückt. Beim Rotsee-Lauf am letzten Samstag, dem «Heimspiel» für die oberhalb von Ebikon beim «Trumpf-Buur» wohnhafte Leseratte, war nicht die Platzierung (Rang 4/U-20-Kategorie) das kleine Übel, sondern die gelaufene Zeit über die rund 10 Kilometer: «In meinen Vorstellungen wäre es jetzt dann fällig, dass ich eine Zeit unter 40 Minuten erziele. Das habe ich nicht geschafft, deshalb bin ich leicht enttäuscht.»

Neue Chance, neues Glück beim Luzerner Stadtlauf? «Ich werde alles geben», verspricht sie. «Und ich spüre auch langsam, dass die Krankheit bald überstanden ist und die Kraft zurückkehrt.» Aber ganz die «Alte» sei sie noch nicht, und deshalb gilt: «Ich will in meinem Feld einfach nicht Letzte werden, das habe ich mir vorge­nommen ...»