LAUFSPORT: Unterschiedliche Basis, gleiches Ziel

Beim Luzerner Marathon sind die Teilnehmer ein Mix aus Leistungssportlern wie Dominik Lötscher (30/Ebikon) und Hobbyläufern wie Philipp Ammann (38/Luzern). Ein Gespräch über unterschiedliche Vorbereitungen und darüber, wie schwierig es war, den Laufalltag mit dem Berufsalltag zu vereinen.

Interview Stefan Klinger
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Sie haben Respekt vor der Distanz von 42,195 Kilometern – und doch freuen sie sich auf ihr Marathon-Debüt: Hobbyläufer Philipp Ammann (links) und Dominik Lötscher, mehrfacher Sieger bei Volksläufen. (Bild Eveline Beerkircher)

Sie haben Respekt vor der Distanz von 42,195 Kilometern – und doch freuen sie sich auf ihr Marathon-Debüt: Hobbyläufer Philipp Ammann (links) und Dominik Lötscher, mehrfacher Sieger bei Volksläufen. (Bild Eveline Beerkircher)

Philipp Ammann: Dominik, wie viel willst du, damit du am Sonntag mit meinem Zeitmessungs-Chip läufst?

Dominik Lötscher: (lacht) Du kannst ja mal sagen, wie viele Stangen dir das wert wäre. Aber im Ernst: So etwas gibt es leider tatsächlich immer wieder. Vor ein paar Jahren hat mal eine Liechtensteiner Läuferin am Berlin-Marathon einem Mann ihren Chip untergejubelt, der dann für sie Landesrekord gelaufen ist und ihr die WM-Qualifikation beschert hat. Zum Glück ist der Betrug später aufgeflogen.

Da müssen Sie jetzt wohl selbst durch, Herr Ammann. Bereuen Sie es schon, dass Sie sich für Ihren ersten Marathon angemeldet haben, oder spüren Sie die Freude, dass es nach Monaten der Vorbereitung endlich so weit ist?

Ammann: Es geht ein bisschen in beide Richtungen, wobei «bereuen» das falsche Wort ist. Ich habe Respekt davor, weil ich nicht weiss, was auf mich zukommt. Bei einem Halbmarathon – nach sieben Halbmarathons, die ich bislang gelaufen bin – weiss ich, was auf mich zukommt. Diesmal weiss ich das nicht so richtig. Aber ich habe das Gefühl, dass ich gut vorbereitet bin und dass es gut kommt.

Lötscher: Und sonst halt nächstes Jahr.

Ammann: (winkt ab) Eher nicht. Ich habe gesagt, dass ich jetzt mal einen als Projekt mache. Aber es heisst ja immer: Am Sonntag nach dem Lauf sagst du dir «nie mehr», und am Montag meldest du dich dann für den nächsten an.

Lötscher: Bei mir ist es sehr ähnlich, der Respekt ist da. Ich weiss, dass ich es eigentlich kann – aber ich weiss eben nicht, was passiert. Es ist ja auch für mich der erste Marathonstart. Daher habe ich es mir auch als oberstes Ziel gesetzt, dass ich ein positives Erlebnis haben möchte und im Ziel sagen kann: Ja, das ist es. Ich mache es wieder. Bei mir geht es bei diesem Projekt vor allem um die Vorbereitung. Ich komme ja von der Mittelstreckendistanz. Daher lautete für mich die entscheidende Frage: Wie vertrage ich die langen Distanzen und die dreimonatige Vorbereitung? Denn grundsätzlich möchte ich langfristig schon auf Marathon gehen.

Wie sieht Ihr Fazit aus?

Lötscher: Um regelmässig gute Marathons laufen zu können, musst du auch der Typ dafür sein. Wenn du das Gerüst nicht hast, die Gelenke die Belastungen nicht verkraften, dann kannst du noch so ein schneller Läufer sein. Ich habe nun zum Ende der Vorbereitungszeit das Gefühl, dass das notwendige Gerüst da ist. Wenn jetzt der Marathon noch gut verläuft, dann trete ich im Frühling in Barcelona beim nächsten an. Ich habe mich dort sogar schon angemeldet.

Ammann: Ich kann mir gut vorstellen, dass ich nach dem Luzerner Marathon wieder zum Halbmarathon zurückgehe, weil einfach der Zeitaufwand fürs Training nicht so gross ist. Ich habe mir vor einigen Jahren vorgenommen, dass ich einen Marathon gelaufen sein will, bis ich 40 Jahre alt bin – jetzt setze ich das zwei Jahre vorher um. Aber wie gesagt: Ich habe in den letzten Monaten deutlich gemerkt, dass es sehr zeitintensiv ist, sich auf einen Marathon vorzubereiten.

Und es das Privatleben massiv einschränkt, wenn man ja auch noch ganz normal arbeitet.

Ammann: Ja, das war für mich die grosse Herausforderung. Jeden Tag Sport zu machen, das wäre nicht das Problem. Aber bis zu drei Stunden laufen, da wird es schon schwierig. Mit Vor- und Nachbereitung bist du da vier Stunden weg und kannst nichts anderes machen. Dominik, ist das bei dir kein Problem?

Lötscher: Doch. Es ist schon so, dass es die Freizeit sehr einschränkt. Ich arbeite zurzeit auch in einem 100-Prozent-Pensum. Ich bin in der IT-Branche, gebe Support und Schulungen. Allerdings habe ich zum Glück die Möglichkeit, dass wir in der Firma eine Dusche haben. Daher kann ich morgens von mir daheim zum Geschäft laufen. Zudem bin ich bei den Arbeitszeiten flexibel. So kann ich auch mal die Mittagspause länger machen und für Sport nutzen.

Wie weit ist denn Ihr Weg zur Arbeit?

Lötscher: Es kommt darauf an, welchen Weg ich wähle. Die kürzeste Strecke ist etwa sieben Kilometer. Die habe ich meistens am Morgen genommen. Abends bin ich dann einen weiteren Weg gelaufen, je nachdem, wie viel ich noch machen musste. Der Vorteil war, dass ich dadurch Zeit gewonnen habe und nicht erst heim musste, um mich umzuziehen.

Ammann: Hast du das wirklich jeden Tag so gemacht?

Lötscher: Ja. Schon so, dass ich auf zehn bis zwölf Einheiten pro Woche kam.

Ammann: Ich bin beeindruckt. Stark.

Lötscher: Das ist es eben: Auf der Halbmarathon-Distanz trennen uns vielleicht 25 Minuten – das hört sich nicht nach allzu viel an. Aber der Unterschied im Trainingsaufwand macht eben genau das dann aus. Ich höre oft von vielen: Wenn ich so viel wie du trainieren würde, wäre ich auch so gut. Dann sage ich nur: Na dann trainiert doch so viel. Es ist ja ein Teil des Erfolges, dass man diesen Aufwand betreibt und sich diszipliniert die Zeit nimmt. Von nichts kommt nichts.

Ammann: Waren die zehn bis zwölf Einheiten pro Woche alles Laufeinheiten?

Lötscher: Nicht nur, ich habe auch einmal pro Woche ein Krafttraining gemacht und noch etwas für die Stabilität. Aber ganz wichtig ist natürlich auch die Erholung. Noch mehr als die 140 Kilometer, die ich pro Woche laufe, kann ich nicht trainieren neben der Arbeit. Einzig die Regenerationsphase kann ich noch optimieren. Gerade die Wichtigkeit der Erholung wird oft unterschätzt. Es heisst oft, du musst Kilometer fressen. Aber du kannst dich auch kaputt machen. Ich habe stattdessen lieber das komplette Erholungsprogramm durchgezogen mit Massage, Kältekammer und so weiter. Zudem massiert mich mein Vater regelmässig. Er macht das schon länger, kennt meine Muskeln bestens und spürt sofort, wenn etwas nicht stimmt.

Ammann: Ich bin schwer beeindruckt von deinen 140 Kilometern pro Woche. Wenn ich auf 50 Kilometer die Woche komme, dann ist das schon viel. In den letzten zwei Monaten waren es zwar deutlich mehr, weil ich da ja auch mit den Long Runs angefangen habe, aber davor waren es immer so zwischen 40 und 50 Kilometer pro Woche. Ich bin allerdings auch oft noch Biken gewesen. Aber mehr lag einfach nicht drin.

Derartige Trainingsumfänge, mitunter alleine und das dann auch noch parallel zur Arbeit – das erfordert viel Selbstdisziplin. Haben Sie den Eindruck, dass Sie sich durch die Vorbereitung auf Ihren ersten Marathon als Mensch verändert haben?

Lötscher: Ich habe schon früh mit Leistungssport angefangen. Daher habe ich schon von klein auf gelernt, ein gutes Zeitmanagement zu haben, um zielorientiert zu schaffen.

Ammann: Wir sind uns wahrscheinlich relativ ähnlich. Ich schaffe ja auch in der Informatik, als Business-Analyst. Da muss ich auch immer Pläne aufstellen. Und von daher bist du dann einfach ein eher strukturierterer Mensch. Meine erste Priorität haben die Familie, die Kollegen und der Beruf – und dann kommt erst der Sport. Das ist die meiste Zeit der Vorbereitung auch so geblieben. In den letzten Wochen hat es sich allerdings ein wenig verschoben. Ich musste ja auch die Long Runs irgendwie unterbringen.

Lötscher: Du willst ja schliesslich auch das Ganze am Sonntag mit einem positiven Erlebnis abschliessen.

Ammann: Ob ich die 42 Kilometer wirklich bis zuletzt geniesse – da bin ich mir noch nicht ganz sicher. So bis Kilometer 30, 32 ist es ein Genuss. Wie es danach wird, weiss ich nicht. Ich bin ja noch nie mehr als 34 Kilometer am Stück gelaufen.

Und Sie, Herr Lötscher?

Lötscher: Mein längster Lauf ging über 38 Kilometer.

Trotz der Ungewissheit: Welche Zeit halten Sie für ein realistisches Ziel?

Ammann: Als ich das erste Mal an den Marathonstart gedacht habe, habe ich gesagt, wenn ich ihn unter vier Stunden laufen kann, dann mache ich es. Jetzt denke ich, dass ich um die 3:30 Stunden laufen kann. Das ist allerdings nur die Richtzeit, die realistisch ist, zu laufen. Ich laufe mehr nach Gefühl. Wie sieht es bei dir aus, Dominik?

Lötscher: Ich habe mir einen kleinen Bonus gegeben und rechne mit etwas, das ich gut laufen kann. Ich kontrolliere alle fünf Kilometer, ob ich gut in der Zeit bin. Denn am Anfang wird es für mich locker, da muss ich mich ein bisschen anbinden. Es wird die Knacknuss werden, dass ich nicht zu schnell loslaufe, weil ich es ja eigentlich auf den kürzeren Distanzen gewohnt bin, schneller zu laufen. Bis Kilometer 30 sollte ich das Tempo laufen, das ich mir vorgenommen habe. Wenn ich dann einen Bombentag habe, kann ich am Ende noch richtig Gas geben. Theoretisch wird die zweite Hälfte schneller als die erste. Aber wie gesagt: Wichtiger ist, ein positives Erlebnis zu haben, als dass ich 42 Kilometer leide. Insgesamt rechne ich mir eine Zeit unter 2:40 Stunden aus.

Also ziemlich genau eine Stunde Unterschied zwischen Ihnen beiden.

Ammann: Hoffen wir, dass es weniger sein wird.