LEBENSSCHULEN: «Ich habe Nachholbedarf»

Vor zehn Monaten wurde Fabian Cancellara zum zweiten Mal Olympiasieger. Dann trat der heute 36-jährige Berner vom Profiradsport zurück. Er schafft sich neue berufliche Perspektiven. Und treibt weiterhin Sport.

Daniel Good
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Fabian Cancellara auf dem Weg zu seinem Sieg im Zeitfahren in der Berner Altstadt. Dank dem Erfolg gewann er auch die Gesamtwertung der Tour de Suisse 2009. (Bild: Lukas Lehmann/KEY (Bern, 21. Juni 2009))

Fabian Cancellara auf dem Weg zu seinem Sieg im Zeitfahren in der Berner Altstadt. Dank dem Erfolg gewann er auch die Gesamtwertung der Tour de Suisse 2009. (Bild: Lukas Lehmann/KEY (Bern, 21. Juni 2009))

Interview: Daniel Good

Die Agenda ist voll: ein Lehrgang an der Universität St. Gallen, viele Projekte im Sport, Schwimmtraining, ein Triathlon. Die neuen Aufgaben nach 16 Jahren im Profiradsport nehmen Fabian Cancellara in Beschlag. Aber er ist glücklich. Er hat es so gewollt.

Fabian Cancellara, wie geht es Ihnen im Jahr nach dem zweiten Olympiasieg und dem Rücktritt vom Spitzensport?

Sehr gut. Es läuft immer noch so viel bei mir wie während meiner Karriere als ­Veloprofi. Aber es sind nun andere Herausforderungen, die mich beschäftigen. Im Strassenrennsport, auf dem Velo macht mir niemand etwas vor. Die Profikarriere war eine hervorragende Lebensschule. Aber in anderen Bereichen habe ich Nachholbedarf. Ich muss nun herausfinden, welches meine Stärken im Leben danach sind.

Was hat sich bis jetzt herauskristallisiert?

Sportlicher Leiter oder Trainer werde ich sicher nie. Den ganzen Tag im Auto zu sitzen, wäre nichts für mich. Ich sehe mich als Berater. Mit meiner Erfahrung könnte ich viel ausrichten. Was ich will, ist, die Leute zu bewegen. Sie zu motivieren, Sport zu treiben. Ob auf dem Velo, im Wasser oder beim Joggen.

Wahrscheinlich müssten Sie nach einer langen und erfolgreichen Profikarriere ja nichts mehr tun.

Ich will etwas tun! Wer wie ich so viel erlebt hat, kann nicht einfach aufhören, die Beine hochlagern und in die Glotze starren. Ich will mich nach dem Spitzensport weiterentwickeln. Auch deshalb besuche ich den Lehrgang für Sportmanagement an der Universität St. Gallen. Das Studium ist interessant und lehrreich. Ich kann nur profitieren. Aber es ist in der Schule auch anforderungsreich. Wie früher vor einem Rennen muss ich mich jeweils intensiv vorbereiten, um zu reüssieren. Die Schule hat derzeit Priorität. Wenn ich etwas mache, dann richtig.

Gestern begann die 81. Tour de Suisse. Sie sind der letzte Schweizer Gesamtsieger. Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie an den Triumph im Juni 2009 denken?

Es war ein sehr spezieller Sieg. Einzigartig und aussergewöhnlich schön, weil die Tour de Suisse für jeden Schweizer ein besonderes Rennen ist. Zudem fiel die Entscheidung zu meinen Gunsten in der letzten Etappe in meiner Heimat. Es hatte ausserordentlich viele Leute in Bern, als das Zeitfahren stattfand.

Sie haben aber noch wichtigere Rennen gewonnen als die Tour de Suisse vor acht Jahren.

Jeder Triumph ist speziell für mich. Wir könnten jetzt eine halbe Stunde über den Wert meiner Siege sprechen und wie sie zu Stande kamen. Über Paris–Roubaix, die Flandern-Rundfahrt oder die Olympischen Spiele. Aber ein Sieg an der Tour de Suisse ist einfach anders. Höchstens vergleichbar mit dem Gewinn der zweiten olympischen Goldmedaille zum Abschluss meiner Karriere 2016 in Rio.

Wann gibt es wieder einmal einen Schweizer Sieger an der Schweizer Landesrundfahrt? Wer kann in Ihre Fussstapfen treten?

Ich hoffe schon in diesem Jahr. Mathias Frank und Sébastien Reichenbach haben sicher das Potenzial, um im Gesamtklassement ganz vorne mitzufahren. Sie sind Leader in ihren Teams und stark in den Steigungen. Gute Chancen haben die Schweizer, Etappen zu gewinnen. Michael Albasini oder Stefan Küng etwa, aber auch andere Schweizer Rennfahrer können in dieser Tour de Suisse auf Teilerfolge hoffen.

Was halten Sie von Stefan Küng? Ihm wird zugetraut, einmal ähnlich erfolgreich wie Sie zu sein.

Es wird nie einen neuen Cancellara geben, aber vielleicht einen anderen Cancellara. Man muss Stefan Küng nun einfach Zeit lassen. Er ist jung. Die Erwartungshaltung war ausserordentlich gross, nachdem er als Nachwuchsfahrer grosse Erfolge gefeiert hatte. Nach den schweren Stürzen am Giro d’Italia und an der Schweizer Zeitfahr-Meisterschaft hatte er es aber sicher nicht leicht. Der Druck war gross. Ich habe ihn beobachtet, als er von der U23-Kategorie zur Elite wechselte. Er hat sehr gute Anlagen und wird seinen Weg machen. Stefan Küng hat es nun in den eigenen Händen.

Sind Sie auch in diesem Jahr an der Tour de Suisse dabei?

Nur für einzelne Tage. So war ich gestern für einen Sponsor in Cham, wo ich an der «Cancellara Challenge» über sechs Kilometer selber mitgefahren bin. Auch in Bern und am Schluss in Schaffhausen werde ich dabei sein. Ich habe aber neben der Tour de Suisse noch einiges zu erledigen.

Demnächst stehen für den ehemaligen Rad-Champion wohl auch Schwimmtrainings im Programm?

Genau. Weil ich in diesem Jahr eine Triathlonserie veranstalte, will ich auch Triathlon-Wettkämpfe bestreiten. Ich will nicht gewinnen. Aber eine gute Figur abgeben schon. Radfahren kann ich, Joggen auch. Für die Aufgabe im Wasser bin ich aber noch nicht bereit. Auch da habe ich Nachholbedarf. Es macht Spass im Wasser, mit Anstrengung ist etwas zu erreichen. Das will ich ja weitergeben. Schwimmen ist ein sehr spezieller Sport. 80 Prozent ist Technik und nur 20 Prozent Kraft. Und in einem See zu schwimmen, ist gewöhnungsbedürftig. Ich werde es Anfang September wieder erfahren, wenn unsere Triathlonserie Tristar in Rorschach Halt macht.

Wie kamen Sie zum Triathlon?

Ich kenne viele der starken Schweizer gut. Ronnie Schildknecht etwa. Oder Nicola Spirig und Daniela Ryf. Unsere Triathlonserie soll die Breite ansprechen, aber die Stars braucht es auch.

Sie fahren auch E-Bike.

Das ist eine super Sache. Früher bin ich ins Auto gestiegen, wenn ich im Dorf etwas holen musste. Weil ich manchmal auch ziemlich faul sein kann. Nun schwinge ich mich aufs E-Bike, wenn es in der Nähe etwas zu erledigen gibt, und lasse den Wagen stehen. Das hilft der Natur, und ich habe ein gratis Training.

Wo sehen Sie sich in zehn Jahren?

Besser aufgestellt und besser strukturiert. Wohl auch geduldiger. Und immer noch gesund und «gfrässig».