Reportage

«Leck mich, Corona»: Warum über 1000 Langläufer trotz Absage des Engadin Marathons am Start standen

Seit 1969 findet der Engadin Skimarathon an jedem zweiten Sonntag im März statt. Dieses Jahr fiel er dem Corona-Virus zum Opfer. Trotzdem waren viele Sportler vor Ort – und auch unsere Reporter.

Renato Schatz und Frederic Härri
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So ruhig haben es die Langläufer selten am Tag des Skimarathon, der in diesem Jahr abgesagt werden musste.
9 Bilder
Mehr als 1000 Langläufer begaben sich trotz Absage auf die Strecke...
...und genossen die Ruhe in den Bündner Bergen.
Ein Foto aus dem Jahr 2019: Tausende nehmen am Engadiner Skimarathon teil.
Herrliches Wetter.
Diese Gruppe hat sich verkleidet.
Auch der Kaktus ist mit dabei.
Das halten die Läufer von Corona
Einfach nur traumhaft.

So ruhig haben es die Langläufer selten am Tag des Skimarathon, der in diesem Jahr abgesagt werden musste.

Bild: Andy Mettler

St. Moritz ist ruhig am Sonntagmorgen. Es schläft den Rausch aus. Oder erholt sich von Piste und Arbeitswoche. Zugedeckt vom Schnee und dem Schatten der Berge. Die Tankstellen sind geschlossen, die Busse leer. Im Bahnhofslädeli trinken zwei Männer Kaffee. Auf dem Lej da Champfèr sind einige Hündeler unterwegs.

Um acht Uhr schafft es die Sonne über die Spitze der Alpen und färbt den Schnee orange. St. Moritz erwacht. Der Parkplatz des «Maloja Palace» füllt sich. Kombi drängt sich an Kombi. Hinter den vereisten Kofferraumfenstern schimmern rot und blau und grün und gelb Langlaufskier. Menschen steigen aus den Autos oder die Treppe der ­Hotellobby herunter. Und begeben sich zum Start eines Rennens, das gar nicht stattfindet.

Zum ersten Mal seit 1991, als es zu warm war und die Seen nicht gefroren, gibt es dieses Jahr keinen Engadiner. Ende Februar sagte die Kantonsregierung von Graubünden den grössten Schweizer Volkslauf ab. Menduri Kasper, Geschäftsführer des Skimarathons, steht trotzdem an der Loipe. Er ist ein gefragter Mann, höflich und geduldig beantwortet er jede Frage. Immer ­wieder halten Läufer zum Schwatz bei ihm an. «Es ist eine emotionale Geschichte», sagt Kasper. Er ist hier, um zu spüren, wie es den Menschen geht.

Ein paar Typen mit Sombreros geht es hervorragend. Mexiko-Flagge, überdimensionierter Papp-Kaktus, alberne angeklebte Schnäuze, Feier­laune. Warum sind Sie hier? «Merr hänt Eierr!», sagt einer der Mexikaner mit dem ­wunderbar rollenden Bündner «R». Vor dem blöden Virus hätten sie keine Angst. «Wir gehen laufen.» Eine Frau und ein Herr haben sich einen Streifen Karton übers Gesäss geklebt. «Corona my ass!», steht drauf. Leck mich, Corona.

Andere haben sich die Langlaufski bereits am Samstag unter die Füsse geschnallt. So wie Gunther Gerecke, den wir am Abend im Hotel Stille in St. Moritz treffen. Der 64-Jährige sitzt mit einer grossen, wild zusammengewürfelten Gruppe am Tisch – Kanadier, Schweizer, Liechtensteiner, US-Amerikaner. Alle haben sie sich an einem ­früheren Engadiner kennen und schätzen gelernt, die Freundschaften sind geblieben. Gerecke selbst ist aus Stuttgart. Am Montagabend geht er sich das Spiel des VfB gegen Arminia Bielefeld anschauen, 60'000 Leute in der Arena, Schulter an Schulter. «Und hier sagt man den Lauf ab, eigentlich ist es ja absurd.»

Natürlich habe er Verständnis für die Vorsicht der Behörden. Den Engadiner, den «Genusslauf» nennt ihn Gerecke, liessen er und seine Freunde dann aber doch nicht sausen. Am Samstag stellten sie das Rennen nach. Der Schnellste vom Vorjahr ging als Letzter, der Langsamste als Erster. Gemeinsam ins Ziel kommen, ein schöner Gedanke. «Wir mussten einfach unseren eigenen Marathon machen.» Gerecke sagt ­müssen, nicht wollen. Der Lauf ist eben nicht nur für Geniesser. Er befriedigt die Lust auf einen Wettkampf, der süchtig macht. Ohne Gewinner geht es bei Gerecke & Co. nicht. Sein Bruder hat als Ersatzpokal eine Kuh aus Holz geschnitzt.

60 Prozent weniger Umsatz als in einem Jahr mit Rennen

«Gunther, du alter Philosoph», sagt ­David Walter im Vorbeigehen. Walter führt die «Stille», ein Zweisternehotel in St. Moritz. Das Interieur erinnert an einen Aufenthaltsraum im Skilager. Irgendwann geht Gerecke ins Zimmer und Walter setzt sich zu uns. Er sagt: «In der Marathonwoche können wir das Hotel dreimal belegen.» Nach Bekanntgabe der Absage haben viele ihre Buchung storniert, weshalb es in der «Stille» etwas leiser ist als sonst in ­diesen Tagen. In anderen Hotels liess sich die Buchung nicht widerrufen. Die meisten kamen dennoch. Nur wenige blieben zu Hause.

Härter trifft es die Restaurants und Bars in St. Moritz. Das «Roberto» scheint gut gefüllt zu sein. Doch Sylvie, die hinter dem Tresen steht, sagt: «Ich habe 60 Prozent weniger Einnahmen.» Sonst sei hier alles voll. Sie streicht den überschüssigen Bierschaum vom Glas und eilt zum nächsten Tisch.

Nebenan bei Boom Sport ist viel los. Verkäuferinnen und Verkäufer eilen vom einen Raum zum anderen und zurück. Erklären und zeigen Skischuhe, Helme, Stöcke. Jürg Roth ist Geschäftsführer. Wegen des Virus verzichtete er darauf, zehn Wachsleute zu engagieren. Und der Umsatz ist kleiner. Aber Roth hadert nicht. Er sagt: «Ich bin gespannt auf die nächsten Wochen.» Neugier statt Resignation.

Ein Engadiner einmal ohne Hektik – auch das hat seinen Reiz

Vielleicht, weil St. Moritz schon ­immer abhängig von anderen war. Von Wind und Wetter. Von der Ferien­planung und dem Portemonnaie der Leute. Jürg Roth sagt: «Wenn die ­Hotels leer sind, sind wir es auch.» 5500 ständige Einwohner hat St. Moritz. 2500 Saisonniers arbeiten hier, wenn Menschen aus allen Herren Ländern an­reisen, um Ski zu fahren oder durch die Boutiquen zu streifen.

Mindestens Tausend sind gekommen, um den Engadiner doch zu laufen. Es ist, als genüge sich der Sport an diesem Tag ein wenig selbst. Weil er weder Sponsorenbanner noch Festwirtschaft braucht. Es ist ein bisschen, als reduziere der Virus den Sport auf sein Wesentlichstes: die Freude an der Bewegung.

Und so schätzen viele Läufer, dass sie den Morgen des Engadiners für einmal ohne Hektik erleben können. Ausgeschlafen, und womöglich noch mit den Nachwehen des einen Biers zu viel vom Abend davor. «Ein so entspanntes Engadiner-Wochenende habe ich noch nie erlebt», sagt einer der Langläufer. Kein Gedränge beim Start, keine Nervosität, keine übermotivierten Konkurrenten. Der gleiche Läufer sagt aber auch: «Genau das ist es, was den Marathon ausmacht. Als Ausnahme war das okay.»

Nächstes Jahr finde der Engadin Skimarathon wie gehabt statt, verspricht Menduri Kasper. Wenn ihn nicht wieder ein Virus ausbremst. In St.Moritz würde man sich bestimmt zu helfen wissen.

Lesen Sie in unserem Liveticker die Ereignisse des Tages nach:

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