LEICHTATHLETIK: An der Schallmauer gekratzt

Eliud Kipchoge scheitert beim Versuch, den Marathon als erster Mensch unter zwei Stunden zu laufen – dem Kenianer fehlen 26 Sekunden. Für Sportartikel-Gigant Nike geht die Rechnung dennoch auf.

Christoph Leuchtenberg (sid)
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Perfekte Inszenierung, auch nach dem Lauf: Eliud Kipchoge liegt erschöpft am Boden, die Kameras bleiben am Kenianer dran. (Bild: Pier Marco Tacca/Getty (Monza, 6. Mai 2017))

Perfekte Inszenierung, auch nach dem Lauf: Eliud Kipchoge liegt erschöpft am Boden, die Kameras bleiben am Kenianer dran. (Bild: Pier Marco Tacca/Getty (Monza, 6. Mai 2017))

Christoph Leuchtenberg (SID)

sport@luzernerzeitung.ch

Eliud Kipchoge holte alles aus seinem perfekt auf diesen Tag hin präparierten Körper heraus, die Schrittmacher brüllten den Olympiasieger ins Ziel – doch letztlich fehlten 26 Sekunden zur Mondlandung: Der beste Langstreckenläufer der Welt ist beim ebenso spektakulären wie umstrittenen Vorhaben, als Erster einen Marathon unter zwei Stunden zu laufen, knapp gescheitert. Im Morgengrauen von Monza lag Kipchoge nach 42,195 km bei 2:00:25 Stunden. «Ich war total auf diese zwei Stunden fixiert. Auf den letzten Kilometern bin ich ein wenig abgefallen», sagte der 32 Jahre alte Kipchoge, wollte aber dennoch festgehalten wissen: «Das hier ist historisch. Es war eine gute Reise, es waren sieben Monate voller Hingabe.»

Immerhin: Der Kenianer lag deutlich unter dem Weltrekord seines Landsmannes Dennis Kimetto (2:02:57), als er gestern Morgen um genau 7:45:25 Uhr die Ziellinie überquerte – als neue Bestmarke geht Kipchoges Lauf aber aufgrund der Umstände nicht in die Rekordlisten ein. Sportartikel-Gigant Nike, der das Projekt «Breaking 2» als riesiges PR-Vehikel benutzte, investierte dafür geschätzte 30 Millionen Euro. Die Macher aus ­Beaverton/Oregon hatten nie einen Zweifel daran gelassen, dass es nur um diese magische Zwei-Stunden-Marke ging.

Viel Pathos vom Nike-Boss

Mit riesigem Getöse hatten sie im Vorfeld für ihr Projekt getrommelt, einige Stunden nach Renn­ende teilte sich Konzernboss Mark Parker mit reichlich Pathos mit. «Ich habe die Magie von Goldschuhen und schnellen Anzügen gesehen. Aber ich habe noch nie etwas Vergleichbares wie heute gesehen», schwärmte Parker in einer Nike-Mitteilung: «Es ist ein Moment der globalen Inspiration, die jeden Athleten in jeder Gemeinschaft ermutigt, die Grenzen seines Potenzials zu durchbrechen.» Es folgte der Verweis auf die Kaufversion des für Kipchoge entwickelten Schuhs.

Die prominenten Augenzeugen an der abgeschirmten Formel-1-Strecke in Monza, auf der Kipchoge und Co. im Windschatten eines Führungsfahrzeugs mit wechselnden Pacemakern eine 2,4 km lange Runde 17,5-mal ­absolvierten, gaben sich beeindruckt. «Wahrhaft inspirierend», nannte Marathon-Welt­rekord­lerin Paula Radcliffe den Lauf.

Kipchoge zeigte, was derzeit menschenmöglich ist, trotz des verpassten grossen Ziels bewegte er sich in schwindelerregenden Dimensionen: Knapp 2:51 Minuten benötigte er für einen Kilometer – mehr als 42-mal in Folge. Die 100 Meter rannte er in 17,5 Sekunden – 422-mal nacheinander.

Allerdings geschah all das unter «Laborbedingungen» – ein Wort, das angesichts der langen Doping-Historie der Leichtathletik und der Debatte über die mögliche Tilgung zweifelhafter Weltrekorde durchaus Schmerzen verursacht. Seit Herbst wurden Kipchoge sowie seine beiden Mitstreiter Lelisa Desisa und Zersenay Tadese von einem ganzen Heer von Wissenschaftlern betreut, die nichts dem Zufall überliessen. Unter anderem schluckten die Laufstars Thermometer in Tablettengrösse, um die ideale Körpertemperatur zu ermitteln, jegliche Störfaktoren im Rennen wurden mit allen Mitteln ausgeschaltet. Ist das noch Sport? Oder Zirkus? Zumindest zeigt es, was passiert, wenn PR-Strategen die Regie übernehmen.

Adidas zieht nun nach

Als Fazit bleibt: In einem derartigen «Wettkampf» ist die Zwei-Stunden-Barriere durchaus zu knacken. Denn letztlich waren es Kleinigkeiten, die Kipchoges Lauf in die Ewigkeit verhinderten. Der frühere Boston-Sieger Desisa und Halbmarathon-Weltrekordler Tadese fielen leistungsmässig ab und zu früh zurück – psychologisch nicht gut für Kipchoge. Und dieser selbst legte die letzten fünf Kilometer nur noch in 14:26 Minuten zurück – auf den zweiten fünf waren es noch 14:06 gewesen. Letztlich war es kleinste menschliche Schwäche, die den Ausschlag gab, die nicht plan- und verhinderbar war. Irgendwie dann doch ein wenig beruhigend. Monza war indes nur der Anfang: Nikes grosser Konkurrent Adidas plant Ähnliches, auch hier soll die Zwei-Stunden-Barriere das grosse Ziel sein. Ein Termin steht noch nicht fest.