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LEICHTATHLETIK: Das Grosi bekommt immer eine Postkarte

Die 19-jährige Géraldine Ruckstuhl aus Altbüron verbesserte im Mai dieses Jahres den 32 Jahre alten Schweizer Rekord im Siebenkampf. Am Luzerner Meeting vom Dienstag ist sie im Speerwurf dabei.
Turi Bucher
Die Rekorde purzeln: Siebenkämpferin Géraldine Ruckstuhl aus Altbüron. (Bild: Pius Amrein (Luzern, 6. Juli 2017))

Die Rekorde purzeln: Siebenkämpferin Géraldine Ruckstuhl aus Altbüron. (Bild: Pius Amrein (Luzern, 6. Juli 2017))

Turi Bucher

arthur.bucher@luzernerzeitung.ch

Erst einige Stunden ist es her, am Freitagabend genau war’s, da durfte Géraldine Ruckstuhl bei der KV-Abschlussfeier im Casino Luzern ihr Eidgenössisches Fachzeugnis (EFZ) als diplomierte Kauffrau entgegennehmen. Schlussnote: 5,15. «Hauptsache bestanden!», erklärt Ruckstuhl. Eines ist klar: In ihrem Lehrbetrieb, dem Menznauer Holzveredler Swiss Krono AG, ist man stolz auf die prominente Lehrtochter.

Die 19-Jährige aus Altbüron wird zur- zeit von TV, Radio und Presse um Termin und Termin angefragt. Sie ahnen es: Der Grund ist nicht der KV-Abschluss, obwohl die Note gleichwohl gut ist. Der Grund ist vielmehr: Géraldine Ruckstuhl ist im Moment die Schwei- zer Leicht­athletin schlechthin. Am 28. Mai sammelte sie beim Meeting im österreichischen Götzis in ihren sieben Disziplinen 6291 Punkte (siehe auch Grafik). Damit fiel der 32 Jahre alte Schweizer Rekord von Corinne Schneider, den diese damals in Cham aufgestellt hatte, um 26 Punkte. Noch mehr: Ruckstuhl stellte mit der Speerwurf-­Weite von 58,31 Metern gleich noch einen weiteren Schweizer Rekord auf. «Nach meinem Unfall im vergangenen Jahr habe ich mich im letzten September in Hochdorf erstmals wieder langsam an den Siebenkampf herangetastet», erzählt Ruckstuhl, «aber der Wettkampf in Götzis war eigentlich der erste richtige seither.» Ruckstuhl nennt Götzis die «Diamond League der Mehrkämpfer», stolz zeigte sie sich, in Götzis gegen all ihre Vorbilder antreten zu können. Stolz, aber nicht allzu sehr beeindruckt. Danach: TV, Radio, Presse.

Jede Erschütterung auf dem Krankenbett schmerzte

Der Unfall. Er ereignete sich im März 2016 in Magglingen. Was war passiert? Ruckstuhl hängte im Training beim Überspringen einer Hürde mit dem Fuss an und warf beim Stolpern die nächstfolgende Hürde um. Dabei stellten sich die Füsse dieser Hürde auf, wobei sich einer davon in den Bauch der Athletin rammte. Der Arzt gab zuerst Entwarnung, doch zur Sicherheit wurde Ruckstuhl für eine Nacht im Spital in Biel behalten. Am kommenden Morgen ergab die Kontrolle: Der Hürdenfuss hatte ein Loch in den Darm der jungen Sportlerin gerissen. «Jede Erschütterung auf dem Krankenbett tat mir sofort weh», erinnert sich Ruckstuhl. Der Arzt drängte auf eine sofortige Operation. «Ich bin natürlich zutiefst erschrocken», erzählt die damals 18-Jährige, «und antwortete zuerst: ‹Nein, lieber keine Operation.›» Später erfuhr Ruckstuhl, dass sie im schlimmsten Falle innerlich hätte verbluten können. Später erfuhr sie auch vom Zitat eines Arztes, der zweifelte, ob sie sportlich je wieder auf ihr Leistungsniveau kommen würde. «Dem hab ich’s gezeigt», sagt sie heute mit einem Schmunzeln, fügt aber an: «Ich habe ja damals selber zuerst gedacht, ich könne die Leichtathletik vergessen. Doch ich habe richtig diszipliniert gearbeitet.» Unterdessen: TV, Radio, Presse.

Ja, 16 Monate später strahlt Géral­dine Ruckstuhl. Die Narbe ist geblieben, die Schmerzen sind weg, und ... die Rekorde purzeln. «Es ist eine grosse Ehre für mich, dass ich als Nachwuchssportlerin im August schon mit den Elitesportlern an der WM in London teilnehmen darf», sagt sie bescheiden. Aber sie weiss: London kann sie unbelastet angehen, die richtig grosse Herausforderung folgt schon am Wochenende des 22./23. Juli. Die U20-EM in der Toskana, in Grosseto. «Wir sind zu dritt», antwortet Ruckstuhl auf die Frage, ob sie die klare Favoritin sei, was vermuten lässt, dass sie mit einer Medaille nach Altbüron zurückreisen wird. Die drei sind dieselben, die vor zwei Jahren in Kolumbien an der U18-Nachwuchs-WM auf dem Podest gestanden waren: Ruckstuhl zuoberst! Daneben: die Österreicherin Sarah Lagger und die Ukrainerin Alina Shukh. Das soll auch in Grosseto wieder so sein. Ruckstuhl sagt immerhin: «Götzis – das war ein guter Wettkampf, aber es war nicht der perfekte Wettkampf. Es liegt noch mehr drin für mich.»

Übrigens, ob Götzis oder zuletzt beim Meeting im estnischen Tallinn oder bald auch in Grosseto – eines vergisst Géraldine Ruckstuhl nie: die Postkarte fürs Grosi. Denn neben Schwester Christina (21) und Bruder Alexander (22) fiebert daheim auch Grossmutter Marie (85) mit. Und hat einige Tage später in Knutwil eine Postkarte mit lieben Grüssen im Briefkasten.

Nafissatou Thiam ist das Vorbild

Siebenkämpferin Ruckstuhl ist momentan in der europäischen Bestenliste die Nummer 12 und weltweit die Nummer 16. Die absolute Nummer 1 ist mit 7013 Punkten die Belgierin Nafissatou Thiam. Ruckstuhl sagt: «Nafi ist ein Vorbild für mich. Ich habe sie in Götzis kennen gelernt, sie ist ganz einfach ein positiver Mensch.» Von ihrer Sprungkraft insbesondere im Hochsprung könne sie der 22-Jährigen mit senegalesischen Wurzeln noch einiges abschauen, glaubt Ruckstuhl.

In diesem Sommer arbeitet Ruckstuhl noch für drei Monate mit einem 60-Prozent-Pensum in ihrem Lehrbetrieb. Im Oktober heisst es dann: Antreten zur Spitzensport-Rekrutenschule! «Als Sportlerin bietet mir diese RS die beste Gelegenheit, um auf hohem Niveau trainieren zu können.» Dann bekommt das Grosi halt ab und zu eine Karte via Feldpost ...

Nun also, an diesem Dienstagabend auf der Luzerner Allmend wird Géral­dine Ruckstuhl beim Spitzenleichtathletik-Meeting als Speerwerferin antreten. «Ich fühle mich gut und werde in Luzern mein Bestes geben», sagt sie. Aber: «Mein Aufbautraining, meine Formkurve ist auf die Europameisterschaft in Grosseto abgestimmt. Erst dort muss ich in Topform sein.» Die Experten sind sich sicher: Diese Hürde wird Géraldine Ruckstuhl nehmen.

Bild: Grafik Oliver Marx

Bild: Grafik Oliver Marx

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