LEICHTATHLETIK: «Dieser Start in Luzern ist schon ein wenig verrückt»

Susanne Rüegger aus Cham startet am Sonntag zum Swiss City Marathon Lucerne. Sie gilt als Mitfavoritin und begibt sich dennoch auf ungewisses Terrain.

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10. Oktober: Nach einer langwierigen Verletzung triumphiert Susanne Rüegger beim Hallwilerseelauf. (Bild: Alexander Wagner)

10. Oktober: Nach einer langwierigen Verletzung triumphiert Susanne Rüegger beim Hallwilerseelauf. (Bild: Alexander Wagner)

Und plötzlich wird die Stimme der 31-Jährigen etwas leiser, wackliger auch: «Ein bisschen Angst bereitet mir mein eigener Mut schon.» Die Zugerin Susanne Rüegger blickt zurück. Am vorletzten Samstag lief sie «aus einer Laune heraus» den Hallwilerseelauf. Dieser führte über 21,1 km, die halbe Marathon-Distanz also. Und der Sportlehrerin aus Cham glückte eine starke Leistung. Sie gewann das Rennen in 1:20:06 Stunden. Danach erst tauchte die Idee auf, es auch in Luzern zu wagen – über die doppelte Distanz, den Marathon.

Lange Verletzungsgeschichte

Der Begriff «wagen» ist in diesem Fall mehr als berechtigt. Susanne Rüegger hat keine adäquate Vorbereitung hinter sich, sondern eine nervenzehrende Verletzungsgeschichte. Diese beginnt im letzten Jahr. Wegen eines Ermüdungsbruchs verpasste die talentierte Langstreckenläuferin praktisch die ganze Saison. Erst Anfang dieses Jahres begann sie wieder zu laufen. Und sie freute sich über rasche Fortschritte. «Die Schweizer Einkampfmeisterschaften auf der Rundbahn sollen mein Saisonhighlight werden», sagte sie sich damals. Eine besondere Konstellation motivierte sie zusätzlich: «Die Allmend-Anlage in Zug ist mein Heimstadion.»

Aber eine Woche vor dem Höhepunkt machte ihr der Fuss erneut einen Strich durch die Rechnung. Ein Ermüdungsbruch im Ansatz wurde diagnostiziert. «Dieses Verdikt traf mich schwer, zumal ich mich wirklich bereit gefühlt hatte», sagt Susanne Rüegger. Es blieb ihr nichts anderes übrig, als sich dem Schicksal zu fügen. Zuerst gönnte sie sich Ruhe. Sodann begann sie mit Aquajogging und Velofahren. Und Mitte September wurde das Laufen wieder zu einem Thema. Vorsichtig begann sie. Den Hallwilerseelauf betrachtete sie als erstes langes Training. Dass es ihr derart gut laufen sollte – «erst die letzten 2, 3 Kilometer wurden hart» –, überraschte sie. Von «einer verrückten Sache» sprach sie schon damals.

Hoffnung auf einen Podestplatz

Und jetzt strebt sie also eine Fortsetzung an. «Ja», sagt sie, «und ich bin erneut riesig gespannt.» Sie stellt den Marathon in Luzern unter dasselbe Motto wie drei Wochen zuvor: «Ich will mich unterwegs gut fühlen und gesund ankommen.» Druck will sie vermeiden. «Ich versuchs einfach», sagt sie. Doch gerade nach der Leistung am Hallwilerseelauf kann sie die Aussicht auf eine Topklassierung nicht negieren, zumal in den Swiss City Marathon Lucerne erstmals die Schweizer Meisterschaft über die Marathon-Distanz integriert ist. ­Diese Gedanken versucht sie beiseitezuschieben. «Falls es gut laufen sollte, kann ich um die Podestränge mitlaufen», sagt sie. Dieser Gedanke steht aber nicht im Vordergrund. Susanne Rüegger sagt: «Rang und Zeit sind sekundär, ich will mein Bestmögliches abrufen und mein Rennen bestreiten.»

In sich hineinzuhören und auf die Körpersignale zu achten, nimmt sie sich vor. Sehr situativ und aus dem momentanen Gefühl heraus wird sie laufen. «Sicher nicht zu schnell losrennen», nimmt sie sich vor, «während der ersten Runde schauen und ein gutes Laufgefühl entwickeln.» Und sollten sich dann Perspektiven eröffnen, will sie diese nutzen. «Ich bin bereit zu kämpfen, zu fighten», sagt sie und lacht. Aber Susanne Rüegger weiss auch: «Es ist mir schon bewusst, wie gewagt und verrückt dieses Abenteuer ist. Ich kann natürlich auch scheitern.»

Jörg Greb

Innerschweizer Favoriten-Trio

Swiss City Marathon gg. Einen einzigen Marathon ist Susanne Rüegger bis jetzt gelaufen: jenen von Berlin 2013 in 2:46:38 Stunden. Damit ist klar, dass sie am Sonntag in Luzern zu den Titelanwärterinnen zählt. Ebenso zu diesem Kreis gehören zwei weitere Innerschweizerinnen: Luzia Mayer und Conny Berchtold. Die Stanserin Mayer hat in Luzern bereits Siegeserfahrung (2012 in 2:49:02). Sie weist eine Bestmarke von 2:42:47 Stunden vom Zürich-Marathon 2013 auf. Aber auch sie trägt die Ungewissheit in sich: Seither lief sie keinen Marathon mehr, und diesen Frühling bremsten sie ein Ermüdungsbruch und abgrundtiefe Eisenwerte.

Die gebürtige Entlebucherin Berchtold – inzwischen lebt sie in Spiez – kann vor allem als Bergläuferin grosse Erfolge vorweisen. Den Jungfrau-Marathon Mitte September bewältigte sie trotz der 1839 Höhenmetern in 3:33 Stunden – als Dritte und bestklassierte Schweizerin. Für sie war damals ein Traum in Erfüllung gegangen. Ihren schnellsten Flachmarathon lief sie letztes Jahr in Rotterdam in 2:44:51 Stunden.

Hinweise

Starts zum Marathon und Halbmarathon am Sonntag zwischen 9.00 und 9.30 Uhr beim Verkehrshaus Luzern.

Starts 5-Miles-Run in Horw (Zentrum) zwischen 13.25 und 13.40 Uhr.

Achtung: In der Nacht vom Samstag auf den Sonntag werden die Uhren um 1 Stunde zurückgestellt.

Morgen in der «Zentralschweiz am Sonntag»: Der Marathon im Lauf der Zeit.