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LEICHTATHLETIK: Doping Studie belastet 40 Prozent der WM-Athleten

Eine Dopingstudie belegt, dass bei der Leichtathletik-WM 2011 etwa 40 Prozent der Sportler unter Dopingeinfluss standen. Doch nur 0,5 Prozent der Sünder wurden damals enttarnt.
Die russische Siebenkämpferin Tatyana Chernova (links) wurde bei der WM 2011 des Dopings überführt. (Bild: Martin Meissner/Keystone (Daegu, 30. August 2011))

Die russische Siebenkämpferin Tatyana Chernova (links) wurde bei der WM 2011 des Dopings überführt. (Bild: Martin Meissner/Keystone (Daegu, 30. August 2011))

Jörg Mebus und Kristof Stühm (SID)

sport@luzernerzeitung.ch

Die spektakuläre Dopingstudie beschäftigte sechs Jahre lang die Juristen, der Leichtathletik-Weltverband IAAF wollte die Veröffentlichung verhindern – nun sind die erschütternden Zahlen Gewissheit. Etwa 40 Prozent der Leichtathleten bei der WM 2011 in Daegu/Südkorea waren gedopt. Die Zahl ist ebenso erschreckend wie die Tatsache, dass damals nur 0,5 Prozent der getesteten Athleten als Sünder enttarnt wurden.

Experten sehen in der Studie einen weiteren, äusserst belastenden Beleg, dass die Zahl dopender Spitzensportler dramatisch höher liegt als von den internationalen Verbänden und Institutionen anerkannt. «Über Jahrzehnte wurde uns vorgegaukelt, dass man das Dopingproblem marginalisieren und individualisieren dürfe. Die schwarzen Schafe sind einzelne Sportler, oder ‹nur› Russland – und auf ­jeden Fall immer die anderen», sagte der Sportmediziner und Dopingforscher Perikles Simon, der Co-Autor der Studie: «Die Wahrheit ist: Dieses Testsystem können wir komplett in die Tonne treten. Da gibt es gar nichts, keine Struktur, keine Idee, keine funktionierende Methodik.»

Die Studie der Universität Tübingen und der Harvard Medical School, die von der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada in Auftrag gegeben worden war, belegt, dass bei den Weltmeisterschaften vor sechs Jahren mindestens 30 Prozent, im statistischen Mittel aber sogar zwischen 39,4 und 47,9 Prozent (Schnitt: 43,6) der Athleten unter Dopingeinfluss standen. Bei den Pan-Arabischen Spielen in Doha, die im selben Jahr ebenfalls untersucht wurden, waren es im Schnitt sogar 57,1 Prozent der Teilnehmer, die angaben, im Zeitraum von zwölf Monaten vor dem Wettkampf gedopt zu haben.

Leichtathletik-Verband äussert sich nicht

Bei beiden Veranstaltungen resultierten die Ergebnisse aus einer anonymen Befragung unter insgesamt 2167 Athleten. Bei der WM waren es 1202 Sportler. Die Validität der Methode ist wissenschaftlich anerkannt. Die Wissenschaftler haben mittels ihrer Fragestellung und der komplizierten mathematischen Analytik die Fehleranfälligkeit drastisch reduziert. «Wir sind nicht bei 100 Prozent, aber es ist eine saubere Erhebung. Die Wahrscheinlichkeit, dass tatsächlich weniger Athleten im Jahr vor den betreffenden Wettkämpfen gedopt haben, als wir es in der untersten Grenze angegeben haben, liegt bei unter fünf Prozent», sagte Co-Autor ­Simon. Für die WM in Daegu ­bedeutet dies: Mindestens 725 Sportler waren gedopt.

«Ich habe schon lange gefordert, dass diese Studie veröf­fentlicht wird. Im Anti-Doping-Kampf kann es nur eine Leitlinie geben: totale Transparenz», sagte der deutsche Leichtathletik-Präsident Clemens Prokop: «Die Zahlen sind deutlich. Ohne dass ich die Fragestellung der Wissenschafter genau kenne und weiss, wie belastbar die Daten sind, ist es ein erschreckender Wert.»

Die Wissenschafter hatten jahrelang um die Veröffentlichung gekämpft. 2015 zeigte die «New York Times» erstmals Teile der Arbeit. Die Uni Tübingen beklagte immer wieder juristische Ausbremsversuche der IAAF. «Ich will und kann aus rechtlichen Gründen da nicht ins Detail gehen. Nur so viel: Der Nachweis der Zuverlässigkeit der Befragung und des wissenschaftlichen Verfahrens hat zur Veröffentlichung beigetragen», sagte Perikles Simon.

»Studie lesen (in Englisch)

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