LEICHTATHLETIK: Eine Sprinterin, die sich viel zutraut

Géraldine Frey (18) sprintet so schnell wie keine andere Schweizerin ihres Jahrgangs. An den Hallenmeisterschaften in Magglingen holte die Zugerin über 60 Meter Gold – doch das Edelmetall hing an einem dünnen Faden.

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Géraldine Frey (links) siegt über 60 Meter in 7,64 Sekunden 
vor der Luzernerin Alisha Baumann (7,70). (Bild Hanspeter Roos)

Géraldine Frey (links) siegt über 60 Meter in 7,64 Sekunden vor der Luzernerin Alisha Baumann (7,70). (Bild Hanspeter Roos)

Roland Bucher

Die Voraussetzungen für diesen imponierenden Goldlauf, der einen weiteren Meilenstein in der jungen, aber eindrücklichen Karriere von Géraldine Frey setzt, waren längst nicht optimal. Einerseits hatte die grosse Schweizer Sprinterhoffnung im Trainingslager in Teneriffa eine hartnäckige, kräftezehrende Magenverstimmung erlitten, andererseits plagten sie bis wenige Tage vor den Titelkämpfen Adduktorenbeschwerden. «Wenig fehlte», erklärt die Zugerin, «und ich hätte den Start in Magglingen sausen lassen müssen.»

Tat sie nicht, biss auf die Zähne – und eilte dafür umso behänder über die 60 Meter, die sie in der Halle als Disziplin präferiert: «Ich bin mit meiner Zeit von 7,64 sehr zufrieden.» Mit diesem Wert verpasste Géraldine Frey ihre persönliche Bestmarke von 7,63 nur knapp und – aufgeschoben ist nicht aufgehoben – «am nächsten Wochenende stehen in St. Gallen die Titelkämpfe in der Aktivkategorie an, und da traue ich mir zu, unter 7,60 zu sprinten».

Erst seit vier Jahren auf der Bahn

Ja, schnell ist Frey, dieses Aushängeschild des LK Zug. Das Eiltempo prägte ihre noch junge Laufbahn seit jeher. Géraldine Frey, die früher bei Frosch Ägeri Wasserball plauschte und im sportlichen Nebenfach Geräte turnte, schnürte sich erst vor vier Jahren erstmals die Sprinterschuhe, doch die Senkrechtstarterin lief ihrer Konkurrenz schon bald einmal um die Ohren. «Ich habe gespürt, dass es mir beim LK Zug sehr gut gefällt, dass ich Talent und Erfolg habe.» Also was sprach dagegen, die Passion zu einer ernsthaft ausgeübten sportlichen Tätigkeit zu krönen? Nichts. Géraldine Frey kletterte in den nationalen Rankings höher und höher, über 100 Meter ist sie mit 11,99 Sekunden landesweit schon unter die ersten 15 vorgedrungen. Für die U-20-Europameisterschaften in diesem Sommer in Polen ist für die Qualifikation eine Richtzeit von 11,80 angesagt: «Es wird heikel, in diesen Bereich vorzustossen», weiss die junge Frau, «aber wenn nichts dazwischenkommt und ich meine wöchentlichen fünf Trainings plangemäss durchziehen kann, dann ist diese Marke keine utopische».

Spass und Ernst mit den Hürden

Diesen Sommer knüpft Géraldine Frey womöglich nicht nur mit den europabes-ten Leichtathleten und Leichtathletinnen ihrer Altersklasse internationale Kontakte, sondern legt sie, die ebenfalls schulisch Strebsame, an der Kanti Zug auch die Maturaprüfungen ab. Sie, die sich dereinst im Studium in Richtung Sport oder Medizin konzentrieren möchte, hat bereits vorgespult. In der Maturadissertation prüfte sie am Beispiel von leichtathletisch nicht voreingenommenen Mitschülern zwei Hürdentechniken und präsentiert Lösungsansätze, welcher Weg am schnellsten und nachhaltigsten zu einem Erfolgserlebnis führt. Apropos Hürden: Die Maturaarbeit ist in dieser Beziehung die Pflicht, hie und da ein Rennen über die Hindernisse der Spass: «Auch im Leben einer Sprinterin», lacht sie, «brauchts hie und da Abwechslung. Dann gönne ich mir mal ein Hürdenrennen.»

Nach erledigtem Maturastress möchte die Modellathletin ein Zwischenjahr einschalten, ein bisschen Sackgeld verdienen, reisen, zum Beispiel nach Australien, und das Englisch perfektionieren, auch noch mehr Zeit in die Leichtathletik investieren. «Wenn ich etwas anpacke, dann will ich es richtig machen.» Aber man dürfe sie nicht falsch verstehen: «Ich bin ehrgeizig, aber ich bin nicht vergiftet. Ich will immer schneller werden, meine Rekordmarken brechen, aber unter Druck setzen – nein, das lasse ich mich nicht.»

Magischer Moment in Lausanne

Um die Lebensphilosophie von Géraldine Frey auf den Punkt zu bringen: «Ich geniesse einfach die schönen, unvergesslichen Momente, die mir die Leichtathletik ermöglicht.» So werde sie zum Beispiel ein Leben lang in Erinnerung behalten, wie sie im letzten Sommer an der Athletissima in Lausanne als Stafelläuferin des U-20-Teams zusammen mit Mujinga Kambundji im Hauptfeld startete. «Es war ein magischer Moment. Solche Erlebnisse motivieren dich, immer an deine Chance zu glauben.» An die Olympischen Sommerspiele 2020 zum Beispiel? «Das ist ein Traum. Aber noch so weit weg ...»