LEICHTATHLETIK: «Früher war ich eher zu lieb»

Die 23-jährige Egolzwilerin Stefanie Barmet gewinnt an der Schweizer Meisterschaft über 800 m ihre erste Goldmedaille – und peilt nun höhere Ziele an. Dabei dachte sie im Frühjahr 2014 ans Aufhören.

Theres Bühlmann
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Stefanie Barmet auf der Leichtathletikanlage Schlossfeld in Willisau. (Bild Pius Amrein)

Stefanie Barmet auf der Leichtathletikanlage Schlossfeld in Willisau. (Bild Pius Amrein)

Theres Bühlmann

Bilder von Stefanie Barmet (23) gibt es viele. Mit fliegenden, zusammengebundenen Haaren, im Wettkampfdress, kämpfend auf der Bahn. Es gibt auch die Stefanie Barmet neben der Bahn, ganz lässig, ganz locker, ganz relaxed. Offen und kommunikativ. Mit dem Gewinn der Goldmedaille an der Schweizer Meisterschaft über 800 m ist die Egolzwilerin wieder etwas mehr in den Fokus gerückt. Dass die ganz grosse Favoritin Selina Büchel in Zug nicht am Start war, tut dieser Leistung keinen Abbruch. Sie lief ein taktisches Rennen, nahm in der letzten Kurve das Heft in die Hand und gegen ihren Antritt auf der Zielgerade fanden die Konkurrentinnen kein Rezept. Nach Silber vor einem Jahr holte sich Stefanie Barmet zum ersten Mal die Goldmedaille an einer Schweizer Meisterschaft. «Taktisch laufen», sagt sie, «das kann man eigentlich gar nicht richtig lernen, das ergibt sich während eines Rennens.» So habe sie auch gelernt, einmal die Ellenbogen auszufahren, «denn früher war ich eher zu lieb».

Ein Anfang mit Schrecken

Dass aus Stefanie Barmet einst eine der besten Schweizer Mittelstrecklerinnen wird, das war nicht zwingend vorauszusehen. Sportlich war sie ja schon immer, trat der Leichtathletikriege des TV Santenbergs bei, wobei sie sich auch schon mal den Titel der «schnellsten Santenbergerin» holte, und sie bestritt in der Primarschule zum ersten Mal einen Crosslauf. Nach dem Zieleinlauf war ihr zwar speiübel, «doch es hat mir trotzdem gefallen». Also wechselte sie zur Läuferriege Gettnau und später zum STV Willisau. Dort standen dann Sprint und Mehrkampf auf dem Trainingsprogramm, doch die Mittelstrecken hat sie nie ganz aus den Augen verloren. «Ich spürte damals, dass mir diese Strecken entgegenkommen», blickt sie zurück. Das Sprint- und Mehrkampftraining habe sie aber weitergebracht, «vor allem auch, was die Schnelligkeit, die Sprungkraft, aber auch die körperliche Entwicklung betrifft», sagt sie, «und richtig verletzt war ich noch nie.»

Die Unbeschwertheit mit 16 Jahren

Im Alter von 16 Jahren lief sie 2:06,01, eine Zeit, die bis heute als ihre persönliche Bestleistung gilt. «Damals», sagt sie, «lief ich halt völlig unbeschwert.» Ihre Ergebnisse blieben auch den Verantwortlichen des Schweizer Verbandes nicht verborgen, und sie vertrat die Schweiz mehrmals an Junioren-Welt-und Europameisterschaften.

Da Stefanie Barmet in Bern studiert, sie hat das Studienfach Germanistik gewählt, wechselte sie trainingshalber ebenfalls in die Hauptstadt und absolviert nun wöchentlich Trainings im Umfang von 10 bis 15 Stunden. In diesem Jahr steht die Bestzeit über 800 m von 2:09,79 zu Buche, gelaufen Ende Mai im belgischen Oordegem. Sie habe lange nicht mehr so gut trainiert, sagt sie, «doch ich bin noch nicht da, wo ich eigentlich hin will. Es müssen immer viele Komponenten zusammenpassen, damit es am Schluss aufgeht.» Da stellt sich bei einer 800-m-Läuferin die Frage nach einer ganz bestimmten Zeit, jener unter 2 Minuten. «Das ist für mich nicht realistisch», sagt die Studentin, «aber eine Zeit um 2:05, das ist eines meiner Ziele.» Und über 1500 m möchte sie die Marke von 4:17 anpeilen. Mit diesen Zeiten wäre eines ihrer ganz grossen Ziele zum Greifen nahe, die Teilnahme an der Universiade 2017 in Taipeh. Und nach Berlin möchte sie auch. Genauer gesagt im Jahr 2018, wenn dort die EM zur Austragung gelangt. «Es wäre ein Traum, dabei zu sein», sagt sie. «Aber eben, da muss ich meine Zeiten noch stark verbessern.»

Gute Zeiten in Berlin

Berlin hat es ihr angetan, wo sie vom Oktober 2014 bis Februar 2015 ein Semester an der Freien Universität verbrachte. Sportlich blieb sie nicht untätig, suchte sich einen Verein, um nicht in Rückstand zu geraten – und konnte viel profitieren. «Da war zum Beispiel eine Läuferin, die trotz Verletzung zweimal täglich trainierte. Da habe ich gesehen, was alles möglich ist, wenn man etwas konsequent verfolgt. Das war für mich schon motivierend.» Auch von der Arbeit an der Freien Universität zeigt sie sich begeistert. Da sie in Bern unter anderen das Nebenfach Kommunikation belegt, in Deutschland nennt sich das Publizistik, war sie besonders gespannt, was Berlin zu bieten hat. Einen Doku-Film hätten sie gedreht, von Anfang bis Ende alles selber verfasst und dabei eine Frau begleitet, welche den Obdachlosen hilft. Obwohl sie diese Arbeit als cool beschreibt – «das Thema hat mich auch nachdenklich gestimmt».

Bevor sie sich für dieses Austauschsemester entschied, stand sie vor der Frage, ob sie zu Gunsten von Berlin den Sport aufgeben soll. Sie blieb aber bei der Leichtathletik – und ist heute froh darüber. «Nun habe ich mir aber bewiesen, dass ich schnell laufen kann und bin bereit, noch mehr in den Sport zu investieren.» Und fügt noch an: «Ich bin meiner Familie dankbar für ihre Unterstützung. Sie hat immer an mich geglaubt, auch wenn es sportlich nicht gut lief.»

Stefanie Barmet ist nicht nur Sportlerin und Studentin, sondern auch freie Mitarbeiterin beim «Willisauer Boten», bei den Lesern auch als «Böttu» bekannt. Hier verfasst sie Texte, logisch, über Sportlerinnen und Sportler – querbeet durch verschiedene Sportarten: Rollstuhlsport, Hornussen, Armbrustschiessen. Eine Tätigkeit, die ihr sehr zusagt, und die sie sich durchaus in Zukunft als Beruf vorstellen könnte, in einem Teilzeitpensum. Einen Mix aus Journalismus und Unterricht schwebt ihr vor, denn nach dem Master möchte sie gerne die Pädagogische Hochschule besuchen, um dort das höhere Lehramt zu erlangen.

Wieder zurück zu ihrem Sport. Zurzeit gehen in Peking die Weltmeisterschaften über die Bühne. Da will man von einer Fachfrau wissen, wie viel Edelmetall denn die Schweiz holt. «Eine Medaille liegt im Bereich des Möglichen», sagt sie, «ich würde mich sehr für Selina Büchel freuen, wenn ihr dies gelingen würde, allerdings ist die Konkurrenz an einer WM natürlich sehr gross.»

Noch ein Thema füllt zurzeit die Zeitungsspalten: Doping. «Ich habe einst geweint, als die amerikanische Sprinterin Marion Jones wegen Doping angeklagt wurde», so Stefanie Barmet. Jones trat 2007 zurück, nachdem sie eingeräumt hatte, jahrelang wissentlich gedopt zu haben. «Für all die jungen Athletinnen und Athleten zerstört jeder Dopingfall die Träume», sagt Stefanie Barmet. «Doping ganz aus dem Sport zu verbannen, wird kaum möglich sein, denn da steckt immer ein Machtsystem dahinter. Wenn die Athleten nicht mitmachen, rücken andere nach. Das ist in Ländern, die über ein grosses Talentreservoir verfügen, leider Alltag.»

Das spezielle Geburtsdatum

Nun stellt sich noch die Frage, wie man Geburtstag feiert, wenn das Datum der 29. Februar ist? «Als Kind haben wir immer vor- oder nachgefeiert.» Wenn dann wieder einmal ein Schaltjahr ist, wird dieser Tag in einem etwas grösseren Rahmen zelebriert. «Erstaunlich», sagt Stefanie Barmet, «wie viele Leute mein Geburtsdatum kennen und mir per SMS gratulieren.»

Fast so, wie bei einem Sieg, dann leuchten sie auch auf, die SMS auf dem Display.