LEICHTATHLETIK: «Ich wollte Autorennfahrer werden»

100-Meter-Weltrekordler einen Einblick in seine Jugend und sein Privatleben – bevor sein Manager bei der Frage zum aktuellen Dopingfall ihm den Mund verbietet.

Interview Stefan Klinger
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Das Muskelpaket Asafa Powell posiert auf der Luzerner Seebrücke für den Fotografen. (Bild: Keystone/Urs Flüeler)

Das Muskelpaket Asafa Powell posiert auf der Luzerner Seebrücke für den Fotografen. (Bild: Keystone/Urs Flüeler)

Asafa Powell, alle sprechen zurzeit über den WM-Final im Fussball. Haben Sie sich den Match am Sonntagabend auch angeschaut?

Asafa Powell: Ja, klar. Ich dachte allerdings, dass es einfacher wird für Deutschland. Deutschland hat in den Matches zuvor deutlich besser gespielt als Argentinien. Aber so war es wenigstens ein sehr spannender und toller Match.

Es heisst, als Teenager wollten Sie lieber Fussballer als Leichtathlet sein.

Powell: Bis zu meinem letzten Jahr in der High School, damals war ich 18 Jahre alt, habe ich nie ein Leichtathletiktraining absolviert, sondern war in der Fussballmannschaft. Doch dann habe ich mich mal im Training kurz vor dem Saisonende so sehr am Zeh verletzt, dass es keinen Sinn mehr gemacht hat, weiter Fussball zu spielen. Also habe ich mir einfach die nächstbeste Sportart ausgesucht – und mit Leichtathletik angefangen. Ich habe ja gewusst, dass ich ein schneller Sprinter bin. Als ich dann ein paar Wochen später gleich jamaikanischer High-School-Meister über 100 Meter geworden bin, was ein sehr angesehener Titel ist, war klar, dass ich in der Leichtathletik bleibe.

Und dass Sie Fussball nur noch hin und wieder zum Aufwärmen oder mit Freunden zum Plausch spielen.

Powell: Schon lange nicht mehr. Weder zum Aufwärmen vor dem Sprinttraining, noch wenn ich mal mit Kumpels unterwegs bin. Mir ist das Verletzungsrisiko einfach zu gross. Denn beim Fussball ist so schnell mal was an den Beinen oder den Füssen passiert.

Bei was können Sie dann am besten vom Sprinteralltag abschalten?

Powell: Beim Rumschrauben an meinen Autos. Ich bin ein Autoliebhaber. Ich glaube, das habe ich von meinem Vater. Seit ich mich an etwas in meinem Leben erinnern kann, haben mich Autos immer fasziniert. Schon als kleiner Junge habe ich nach der Schule immer mit meinem Vater irgendwas am Auto rumgeschraubt. Ich dachte damals, dass ich mal Rennfahrer werde oder meine eigene Autowerkstatt besitze. Heute habe ich elf Autos daheim. Ich fahre nicht mit allen, die meisten sind viel zu schnell für die Verhältnisse in Jamaika. Aber ich schraube so etwa einmal pro Woche an ihnen herum. Das macht wirklich Spass.

Sie sind am Sonntag aus Texas, wo Sie zurzeit Ihre Trainingsbasis haben, in Luzern angekommen. Nach einem Meeting am Samstag in Belgien gehts zurück. Ende Juli starten Sie an den Commonwealth Games in Glasgow. Wie belastend ist auch nach all den Jahren noch der ständige Wechsel der Zeitzonen?

Powell: Grundsätzlich fällt mir das noch immer ein bisschen schwer. Aber im Laufe der Jahre habe ich gelernt, damit umzugehen und mir ein paar Tricks angeeignet. Zum Beispiel, dass ich – egal wie müde ich mich auch fühle – so lange durchhalte, bis es an dem Ort, an dem ich die nächsten Tage verbringe, Abend wird. So gewöhnt sich der Körper am schnellsten an die neue Zeitzone. Aber ich denke nicht, dass sich der aktuelle Zeitzonenwechsel am Dienstagabend noch auf meine 100-Meter-Leistung auswirkt. Die 100 Meter sind so eine kurze Distanz, da musst du so kurz Höchstleistung bringen, dass das keine Rolle spielt.

Also steht einem gelungenen Comeback nichts mehr im Weg. Warum haben Sie sich ausgerechnet Luzern, wo es nicht dir grossen Gagen gibt, für Ihre Rückkehr ausgesucht?

Powell: Die Sache ist die: Obwohl ich schon so viele Jahre gesprintet bin, fühle ich mich nach einem Jahr ohne Wettkampf nun auf der Bahn wieder wie eine Jungfrau. Es fühlt sich bei diesem Wettkampf alles ganz neu an. Ich wollte daher nicht sofort wieder gleich bei den grossen Diamond League Meetings antreten, sondern erst bei einem etwas kleineren Rennen, um all die Abläufe bei einem Wettkampf wieder zu verinnerlichen sowie meine Technik und meine Zeit zu verbessern.

Dann war es sicher auch eine grosse Erleichterung für Sie, dass Ihre Dopingsperre ausgesetzt wurde und Sie schon jetzt wieder startberechtigt sind.

Powell: Sehen Sie: Die Sprintrennen sind mein Job, meine Passion. Und wenn du ein Jahr lang nicht arbeiten darfst, dann brennst du umso mehr darauf, dass du endlich wieder antreten darfst. Denn die Wettkämpfe, das ist genau das, was ich liebe. Daher wird das am Dienstagabend auch sehr aufregend für mich.

Sie sagen, die Leichtathletik ist Ihre Passion, Sie lieben es, an Sprintrennen zu starten. Blicken wir ein Jahr zurück: Da war für Sie bestimmt eine Welt untergegangen, als Sie – da Sie damals überzeugt waren, nichts falsch zu machen – die Nachricht erhielten, dass Sie positiv getestet worden sind.

Powell: Ja, das ... (Piotrek Buciarski, Powells Manager, fällt ihm ins Wort und sagt: «Wir sollten nicht über den Dopingfall sprechen.»)

Wir sprechen ja nicht direkt über den Fall. Es geht darum, wie Herr Powell jenen Tag erlebt hat.

Buciarski: Nein, keine Fragen zu irgendetwas, das mit diesem Thema zusammenhängt. Ich kann verstehen, dass es Sie interessiert, aber er wird absolut gar nichts zu diesem Thema sagen, bis der Fall endgültig abgeschlossen ist.

Falls das nicht auch zu heikel ist: Herr Powell, wie hat sich die Sprintszene in den letzten Jahren verändert?

Powell: Es gibt nun mehr Konkurrenten. Am Anfang gab es mich und Justin Gatlin. Dann mich und Tyson Gay. Dann Gay, Usain Bolt und mich. Nun auch noch Yohan Blake und wieder Gatlin. Aber vor allem sind die 100 Meter noch populärer geworden.

Dank Bolt. Aber ärgert es Sie nicht, dass sich alles um ihn dreht?

Powell: Nein. Er hat so viel für den Sport getan und uns mehr Aufmerksamkeit gebracht, davon profitieren alle. Es ist doch fast überall im Sport so: Man denkt auch der argentinische Fussball besteht nur aus Lionel Messi. Ich war auch mal derjenige, ich weiss, wie sich das anfühlt. Nun ist bei mir der meiste Druck weg, jetzt kann ich es mehr geniessen.