LEICHTATHLETIK: Kambundji läuft von Rekord zu Rekord

Mujinga Kambundji (23) verbessert ihren Schweizer Rekord an der WM in Peking von 11,17 auf 11,07 Sekunden. Dennoch scheidet die Bernerin aus.

Reinhard Sogl, Peking
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Die Bernerin Mujinga Kambundji (Mitte) läuft im Halbfinal auf den fünften Rang (rechts Kelly-Ann Baptiste aus Trinidad-Tobago, links die Japanerin Chisato Fukushima). (Bild: Freshfocus/Florian Grossniklaus)

Die Bernerin Mujinga Kambundji (Mitte) läuft im Halbfinal auf den fünften Rang (rechts Kelly-Ann Baptiste aus Trinidad-Tobago, links die Japanerin Chisato Fukushima). (Bild: Freshfocus/Florian Grossniklaus)

Reinhard Sogl, Peking

Kaum dass Mujinga Kambundji nach ihrem Halbfinal über 100 Meter gestoppt hatte, drehte sich die Sprinterin aus Bern im Zielraum des «Vogelnests» von Peking um und blickte gebannt auf die grosse Videowand gegenüber der Startkurve. In chinesischen Schriftzeichen waren auf der elektronischen Tafel die Namen der Läuferinnen aufgelistet, dahinter in lateinischen Buchstaben aber auch die Nationalitätenkürzel. Was sie da lesen konnte neben der Angabe SUI, verschlug ihr dann beinahe den Atem: 11,07 und NR für nationaler Rekord. Als Fünfte ihres Rennens verpasste sie dennoch den Final, was sie zunächst leicht enttäuscht realisierte. «Die Zeit ist unglaublich, da will ich mich nicht beklagen», sagte sie ein wenig später.

Kambundji hatte schon am Sonntag nach dem Vorlauf angekündigt, eine neue Bestzeit in den Beinen zu haben. Bei der ersten Prüfung hatte sie trotz technischer Mängel ihren Landesrekord von 11,17 Sekunden egalisiert. Dass sie die gar noch nicht so alte Marke aber bei einem Rückenwind von 0,9 m/s förmlich pulverisieren würde, hatte sie dann doch nicht erwartet. Zumal sie hinterher das Gefühl hatte, keinen optimalen Start erwischt zu haben.

Die zweitbeste Europäerin

Mujinga Kambundji kam insgesamt mit der zwölftbesten Zeit ins Ziel und war zweitbeste Europäerin. Einen nationalen Rekord stellte auch Europameisterin Dafne Schippers aus Holland auf, die im Endlauf 10,81 Sekunden erreichte und sich nur um fünf Hundertstel der Titelverteidigerin Shelly-Ann Fraser-Pryce aus Jamaika geschlagen geben musste (10,76).

Um in den Final einzuziehen, hätte Mujinga Kambundji 10,97 Sekunden laufen müssen. Eine Zeit unter der magischen 11-er-Marke scheint sie für sich in der Zukunft nicht auszuschliessen, denn sie machte noch einiges Verbesserungspotenzial aus. Vor dem bislang grössten Rennen ihres Lebens habe sie ihr Trainer per WhatsApp noch auf «ein paar kleine technische Sachen» hingewiesen, erzählte sie gut gelaunt.

Morgen Mittwoch über 200 m

Es wird nicht das letzte Ausrufezeichen der Bernerin in Peking gewesen sein, so waren jedenfalls ihre Aussagen zu verstehen, die sie mit Blick auf die 200 Meter machte. Ihr Rekord von 22,80 Sekunden, gelaufen in diesem Jahr bei den Schweizer Meisterschaften in Zug, sei nicht das letzte Wort gewesen: «Es war mein erstes gutes Rennen über 200 Meter in dieser Saison. Aber ich kann viel schneller laufen. Wie viel schneller, kann ich nicht sagen.» Am Mittwoch um 13.15 Uhr wird sie nach ihrem Vorlauf über 200 Meter beim Blick auf die chinesischen Schriftzeichen mit dem Kürzel SUI dahinter mehr wissen.

Frauen. 100 m (GW 0,3 m/s): 1. Fraser-Pryce (Jam) 10,76. 2. Schippers (Ho) 10,81. 3. Bowie (USA) 10,86. 4. Campbell-Brown (Jam) 10,91. 5. Ahye (Tri) 10,98. 6. Baptiste (Tri) 11,01. 7. Morrison (Jam) 11,02. 8. Okagbare (Nig) 11,02.

Halbfinal. 1. Serie (RW 0,5 m/s): 1. Fraser-Pryce 10,82. 2. Okagbare 10,87. – 2. Serie (RW 0,9 m/s): 1. Bowie 10,87. 2. Baptiste 10,90. 3. Morrison 10,96. 4. Santos (Br) 11,07. 5. Kambundji (Sz) 11,07 (SR, bisher Kambundji 11,17, am 21. Juli 2015 in Bellinzona). – 3. Serie (GW 0,2 m/s): 1. Schippers 10,83. 2. Campbell-Brown 10,89. 3. Ahye 10,97. 4. Ahouré (Elf) 10,98. – Kambundji Gesamtzwölfte.

Das macht Hoffnung

Die ersten drei Tage der WM von Peking sind rum – und die Schweizer Athleten haben noch keinen Final erreicht. Eine Enttäuschung? Keineswegs. Denn die gezeigten Leistungen spiegeln – nüchtern betrachtet – genau das Niveau wider, auf dem sich die angetretenen Sportler aktuell befinden. Eine WM ist in der Leichtathletik eben etwas ganz anderes als eine EM.

Bis auf Stabhochspringerin Nicole Büchler ist noch kein Schweizer unter seinen Möglichkeiten geblieben. Kariem Hussein (400 m Hürden) lief die drittschnellste Zeit seiner Karriere. Ihm gelang zwar kein Exploit, aber er war an seiner ersten WM in Topform und verpasste den Finaleinzug nur hauchdünn. Mujinga Kambundji pulverisierte über 100 Meter ihren Schweizer Rekord um zehn Hundertstel und war am Ende zweitbeste Europäerin. Das ist das, was zählt – für den Moment. Nicht der verpasste Finaleinzug, für den sie ihre Bestleistung um 20 Hundertstel (!) hätte steigern müssen.

In den nächsten Tagen haben Kambundji (200 m), Noemi Zbären (100 m Hü.) und die Frauenstaffel (4 x 100 m) angesichts ihrer Leistungen in diesem Jahr im Kampf um Finalplätze Aussenseiterchancen. Aussenseiterchancen!

Selina Büchel, 2015 mehrfache Siegerin und Drittschnellste aller WM-Teilnehmerinnen, ist zwar die einzige Schweizerin, von der ein Finalplatz gefordert werden darf. Auf eine Medaille hat die 800-Meter-Läuferin aber auch nur Aussenseiterchancen. Denn die WM ist auch etwas ganz anderes als ein internationales Meeting, wo nie alle Stars einer Disziplin am Start sind. Zudem ist Büchels Bestzeit diesmal wenig aussagekräftig. An den Titelkämpfen kommt es vor allem auf die Fähigkeit an, sich im Gerangel durchzusetzen und taktisch clever zu laufen. Ob sie da schon routiniert genug ist, wird sich zeigen.

Die WM von Peking kommt im Grunde für die Schweizer ein, zwei Jahre zu früh. 2015 sind sie europäische Spitzenklasse – aber erst auf dem Sprung zur Weltklasse. Doch Hussein ist 26 Jahre alt, Büchel 24, Kambundji 23 und Zbären 21. Das macht Hoffnung auf glanzvolle Wettkämpfe bei Olympia 2016, künftigen Weltmeisterschaften – und bei der EM 2016 sowieso.

Stefan Klinger