LEICHTATHLETIK: Mitteleuropäer benachteiligt

Der Leiter von Antidoping Schweiz, Matthias Kamber, hält einige Teilnehmer an der am Samstag beginnenden WM für Doper. Die Gründe dafür sieht er im ungerechten Kontrollsystem.

Drucken
Teilen
Getrübte Vorfreude auf den Start der WM in Peking vom Samstag, 
bei der nicht alles mit sauberen Mitteln ablaufen wird. (Bild: Keystone/Teo Lannie)

Getrübte Vorfreude auf den Start der WM in Peking vom Samstag, bei der nicht alles mit sauberen Mitteln ablaufen wird. (Bild: Keystone/Teo Lannie)

Stefan Klinger

Es ist noch gar nicht lange her, da erzählte Matthias Kamber, Direktor von Antidoping Schweiz, im Interview mit dem «Tages-Anzeiger», dass er sich die Tour de France nicht mehr anschaut. «Weil ich nicht glaube, dass die Spitze eine solche dreiwöchige Tortur bewältigen kann, ohne zu betrügen», sagte der 61-Jährige, «der Radsport hat viele Fortschritte gemacht, aber ausreichend transparent geht er für mich im Antidopingkampf noch nicht vor.»

Da stellt sich nun die Frage: Wie geht der oberste Schweizer Dopingbekämpfer mit der an diesem Samstag in Peking beginnenden Leichtathletik-WM um? «Ich werde die WM schon anschauen», sagt Kamber, «aber ich sehe sie sehr kritisch, weil man weiss, dass bei verschiedenen Ländern eine hohe Anzahl an Dopern am Start sein wird, und ich weiss, dass der Weltverband IAAF seine Verantwortung zu wenig wahrgenommen hat.» Eine eindeutige Aussage und eine, mit der der Dopingexperte die zwei gravierenden Probleme des internationalen Sports auf den Punkt bringt: Es fehlt im Kampf gegen Betrüger der globale Wille (siehe Box rechts) – nationale Interessen stehen über den Interessen des Weltsports. Zudem scheuen sich die Welt-Verbände der verschiedenen Sportarten oft vor einem zu intensiven Antidopingkampf. Denn wer steht, wenn sich die positiven Dopingfälle häufen, schon gerne für immer derart am Pranger wie der Radsport?

Kamber kritisiert die Wada-Struktur

Kamber konkretisiert diesen Missstand anhand des Beispiels des Schweizer Meldesystems für Spitzensportler. «Schweizer Athleten müssen täglich genau angeben, wo sie sich aufhalten, damit wir sie für unangekündigte Kontrollen finden», verdeutlicht er. «Sind sie aber im Testpool ihres internationalen Verbandes, reichen teilweise minimale Angaben, mit denen man die Sportler kaum findet. Dies scheint Verbänden und der Welt-Antidopingagentur (Wada) egal zu sein.»

Und auch sonst stellt Kamber der Wada, in der viele Präsidenten von Sport-Weltverbänden eine gewichtige Position einnehmen, während nationale Agenturen wie Antidoping Schweiz nicht eingebunden sind, kein allzu gutes Zeugnis aus. So gibt es aktuell weltweit 35 akkreditierte Wada-Labors, in Europa sind es über 20. Hört sich nach guten Rahmenbedingungen im Kampf gegen Doping an, die Zahlen vernebeln aber in Wirklichkeit den Blick für die Realität. Denn laut Kamber sind viele dieser Labors zu klein und finanziell zu schwach, als dass sie auf allen Ebenen professionell arbeiten können.

«Es wäre besser, fünf, sechs überstaatliche Labors zu haben, um so Kräfte, Wissen und Geld zu bündeln. Diese könnten sich dann umgehend auf die neuesten Erkenntnisse fokussieren», sagt Kamber, «heute kann nicht einmal jedes Labor die gleiche Leistung garantieren. Lasse ich meine Proben im Labor A untersuchen, findet es unter Umständen mehr oder weniger heraus als Labor B.» Ein untragbarer Zustand.

Es lohnt sich, bei Matthias Kambers Ausführungen ganz genau hinzuhören. Nicht umsonst betont er das Wort «überstaatlich». Immerhin baut Weissrussland zurzeit genau so ein Wada-Labor auf dieses gilt aber als alles andere als unabhängig. Es geht die Sorge um, dass dieses Labor weniger der Dopingbekämpfung dient als vielmehr dazu, einheimische Athleten vor deren Abreise zu internationalen Wettkämpfen zu testen, ob sie unter den Grenzwerten liegen und im Ausland daher nicht positiv getestet werden können.

Nachkontrollen wurden verschleppt

Zugleich spielt Kamber mit seiner Kritik an der Wada-Struktur auch auf die jüngsten Erkenntnisse in der Leichtathletik an. So wurde kürzlich bekannt, dass bei Nachkontrollen von WM-Proben aus den Jahren 2005 und 2007 gleich 28 Athleten verdächtig waren. «Wahrscheinlich handelt es sich um Betrug mit Anabolika-Metaboliten, aber die hätte man schon vor drei, vier Jahren in Nachkontrollen analysieren können», sagt Kamber. Zwar begrüsse er Nachkontrollen, aber sie sollten nicht immer wieder verschleppt werden. Den sauberen Athleten, die um ihren Erfolg gebracht wurden, würden sie nach vielen vergangenen Jahren kaum mehr helfen.

Bei einer anderen, erschreckenden Studie, die dieser Tage in der Leichtathletik für Aufsehen sorgt, hält sich Kamber mit einer klaren Deutung zurück. Denn bislang ist nur wenig über die anonyme Umfrage unter rund 2000 Athleten bekannt, die ergab, dass ein Drittel also 650 bis 700 Sportler! – zugegeben haben, im Jahr vor der Leichtathletik-WM 2011 gedopt zu haben. «Diese Studie möchte ich gerne sehen, aber sie wird leider zurückgehalten», sagt Kamber, «ich kann dazu erst etwas sagen, wenn ich weiss, was genau gefragt wurde, wer befragt wurde, welchen Grad der Anonymität sie hatte und wie sie ausgewertet wurde.»

An der WM in Peking ist vor allem bei den Leistungen der Athleten aus dem Ostblock und aus Afrika laut Matthias Kamber eine gewisse Skepsis nicht fehl am Platz dafür ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass die Leistungen der Sportler aus Nord- und Mitteleuropa mit rechten Dingen erreicht werden.