LEICHTATHLETIK: Schritt in eine neue Karriere

Neun Medaillen von Schweizer Meisterschaften liegen bei Géraldine Ruckstuhl auf der Kommode in ihrem Zimmer. Und dabei wird die Karriere der 16-jährigen Luzerner Hinterländerin erst Ende Juni in Landquart so richtig lanciert.

Kurt Grüter
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Das 16-jährige Nachwuchstalent Géraldine Ruckstuhl aus Altbüron hat allen Grund, optimistisch in die Zukunft zu blicken. (Bild Kurt Grüter)

Das 16-jährige Nachwuchstalent Géraldine Ruckstuhl aus Altbüron hat allen Grund, optimistisch in die Zukunft zu blicken. (Bild Kurt Grüter)

Das nennt man einen Saisonauftakt nach Mass. In ihrem ersten Wettkampf in diesem Jahr – dem Tell-Meeting in Altdorf – erzielte die junge Altbüronerin Géraldine Ruckstuhl im Speerwerfen mit 54,52 Metern einen neuen Schweizer U-18-Rekord. Sie überbot dabei die bestehende Bestmarke um 6,90 Meter und schleuderte in ihrem ersten Wettkampf mit dem 500 Gramm schweren Speer sogar um einiges weiter als letztes Jahr mit dem 400-grämmigen Sportgerät in der U-16-Kategorie. Und auch im Kugelstossen (3 kg) verbesserte sie ihre letztjährige Bestweite um über einen Meter auf beachtliche 14,05 Meter.

Aufgrund dieser Leistungssteigerung muss man von einem optimalen Wintertraining ausgehen. Das fröhliche Energiebündel aus dem Luzerner Hinterland nickt strahlend. «Das kann man so sagen. Neben viel Arbeit in den Bereichen Schnelligkeit und Koordinationsfähigkeit absolviere ich seit rund einem Jahr auch ein regelmässiges Krafttraining. Meine Fortschritte sind spürbar.» Trotzdem kam dieser Leistungsschub auch für sie überraschend. «Mit rund 45 Metern habe ich gerechnet, aber nie mit der neuen Landesbestweite von über 54 Metern. Bei diesem Wurf hat einfach alles gepasst. Ich bin selber erschrocken, wie weit der Speer gesegelt ist. Gleichzeitig hatte ich aber auch eine Riesenfreude, denn es war die Bestätigung meiner Trainingsleistungen.» Und sie fügt an: «Diesen Erfolg habe ich auch Terry McHugh zu verdanken, bei dem ich seit zwei Jahren ein spezifisches Speertraining absolviere.»

Bei der gross gewachsenen und gertenschlanken Athletin vermutet man – ohne Kenntnisse ihrer bisherigen Erfolge – eher Hochsprung als Paradedisziplin, aber nicht die Wurfdisziplinen wie Speer, Diskus oder Kugel. «Werfen macht mir einfach Spass», erzählt sie, «denn es ist technisch äusserst anspruchsvoll.» Und sie räumt gleich mit der falschen Vorstellung vieler Laien auf. «Beim Werfen ist nicht nur rohe Kraft im Arm gefragt. Viel entscheidender sind Schnelligkeit und Technik.» Bezüglich Kraft ist die Vorstellung für Géraldine Ruckstuhl grauenvoll, sie könnte einmal zu einem Kraftprotz mutieren. «So will ich nie werden», äusserst sie sich unmissverständlich, und für einmal wird die Frohnatur ernst, ja fast energisch. «Sollte ich, um optimale Leistungen erbringen zu können, muskelmässig noch etwas zulegen müssen, werde ich das tun. Jedoch nur in einem gewissen Rahmen.»

Fünf Meistertitel 2013

Géraldine Ruckstuhl ist sportlich vorbelastet. Während ihre Mutter viele Kilometer als begeisterte Hobbyläuferin zurücklegt, absolviert Vater Willy solche Kilometer auf seinem Rennrad. «Die Sportlichkeit habe ich sicher von meinen Eltern mitbekommen», berichtet sie, um dann mit einem Augenzwinkern anzufügen: «Früher haben sie mir Tipps gegeben, worauf ich achten soll. Inzwischen ist es längst umgekehrt.» Während Géraldine zuerst als Geräteturnerin im Einsatz war, wechselte sie mit neun Jahren zur Leichtathletik. «Ich bin ein Naturmensch. Sport an der frischen Luft ist viel interessanter als in einer Halle.»

Verheissungsvoll verlief auch der Start in die Leichtathletik. 2007 gewann sie in Reussbühl in ihrer Kategorie den Kantonalfinal des Erdgas-Cups, bestehend aus Ballwerfen, Sprint und Hochsprung. Viele weitere Erfolge kamen in der Folge dazu. Auf die Frage, wie viele Medaillen sie an Schweizer Nachwuchsmeisterschaften schon gewonnen habe, dreht sie kurz den Kopf, um die hinter ihr auf einer Kommode fein säuberlich hingelegten Auszeichnungen zu zählen. «Neun sind es inzwischen», verkündet sie dann bescheiden. Als Highlight bezeichnet sie die goldene Auszeichnung der Mehrkampf-Meisterschaft im letzten Jahr. Nur so nebenbei: 2013 stand sie an Landesmeisterschaften bei den U 16 fünfmal zuoberst auf dem Podest. Neben dem Mehrkampf gab es auch Gold in den Disziplinen Speerwerfen, Kugelstossen, Hochsprung, und sie gewann den Schweizer Final im UBS-Kids-Cup. Dazu kam eine Silbermedaille im Diskuswerfen. «Die Medaillen mit dem Diskus und im Hochsprung habe ich nicht erwartet. In den anderen Disziplinen wusste ich um meine Siegchancen.» Neben der Mehrkampf-Lieblingsmedaille hat sie hinter sich auf der Kommode auch eine Medaille, mit der sie sich nur bedingt anfreunden kann. «Über die vor zwei Jahren in Genf gewonnene Silbermedaille im Speerwerfen bin ich nicht sehr glücklich. Ich verfehlte Gold nur um zehn Zentimeter.»

Debüt beim Siebenkampf

In dieser Saison schlägt die junge Altbüronerin nun eine neue Seite in ihrem Karrierebuch auf. Ihre bisherige Lieblingsdisziplin Speerwerfen ist jetzt Teil des Siebenkampfes, den sie bei den U 18 endlich bestreiten kann. Am 24./25. Juni ist in Landquart der erste von insgesamt vier Mehrkämpfen in diesem Jahr geplant. Im deutschen Bernhausen wird sie auch ihr erstes internationales Meeting bestreiten. «Meine Erwartungen sind nicht sehr hoch. Ich muss zuerst Erfahrungen sammeln, wie ich diese Wettkämpfe über zwei Tagen verdauen werde.» Zuversicht gibt ihr aber die Tatsache, dass sie sich im Ausdauerbereich ebenfalls weiterentwickeln konnte. «Früher liefen mir alle um die Ohren. Inzwischen halte ich über 800 Meter schon ganz ordentlich mit.»

Das ist auch ein grosses Verdienst ihres Trainers Rolf Bättig, der sie seit sieben Jahren betreut. «Ich könnte mir keinen besseren Trainer vorstellen», schwärmt Géraldine Ruckstuhl. «Zudem behagt mir die fast familiäre Atmosphäre beim STV Altbüron, einem kleinen Landverein. Ich weiss nicht, ob ich mich in einem grossen Stadtverein ähnlich wohl fühlen würde und ähnlich gute Leistungen erbringen könnte.»

Fernziel WM in Kolumbien

Während in der angelaufenen Saison die Landesrekorde in den Wurfdisziplinen in keinem nationalen U-18-Wettkampf vor ihr sicher sein dürften, macht sie sich im Siebenkampf also buchstäblich auf Lehr- und Wanderjahre. Dass sie dabei die U-18-Weltmeisterschaften 2015 im fernen Kolumbien im Visier hat, sei nur am Rande erwähnt.

Wetten, dass die Rekordnachricht vor einer Woche aus Altdorf in dieser Saison noch lange nicht die letzte Erfolgsmeldung der 16-jährigen Géraldine Ruckstuhl gewesen ist ...