LEICHTATHLETIK: Schweizer noch nicht ganz Weltklasse

Die Schweizer Athleten haben in Peking das Verbandsziel von drei Top-8-Plätzen verpasst. Dennoch kann von einer erfolgreichen WM gesprochen werden. Eine Bilanz.

Sascha Fey (si), Peking Sascha Fey (si), Peking
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Eine typische Szene fürs Schweizer Team an der WM in Peking: Die Schweizer – hier Selina Büchel (rechts), die als Dritte im Halbfinal über 800 Meter den Finaleinzug um Haaresbreite verpasst – sind nah dran am Erfolg, aber am Ende reicht es nicht ganz. (Bild: EQ/Daniel Mitchell)

Eine typische Szene fürs Schweizer Team an der WM in Peking: Die Schweizer – hier Selina Büchel (rechts), die als Dritte im Halbfinal über 800 Meter den Finaleinzug um Haaresbreite verpasst – sind nah dran am Erfolg, aber am Ende reicht es nicht ganz. (Bild: EQ/Daniel Mitchell)

Sascha Fey (Si)

Das Einzige, das aus Schweizer Sicht an der WM fehlte, war ein richtiger Exploit. Klar ist der sechste Rang von 100-Meter-Hürdensprinterin Noemi Zbären ein hervorragendes Resultat und war so nicht erwartet worden. Die erst 21-Jährige musste dafür allerdings keine Glanzleistung abrufen. Im Halbfinal genügten ihr 12,81 Sekunden zum Weiterkommen – eine Zeit, die eine Zehntelsekunde über ihrer Bestzeit liegt. Im Final lief sie dann 12,95 Sekunden, wogegen mit der Deutschen Cindy Roleder (2./12,59) und der Weissrussin Alina Talay (3./12,66) zwei Läuferinnen eine Medaille holten, die von den Fähigkeiten her im Bereich von Zbären sind.

Kariem Hussein (9.), Europameister über 400 Meter Hürden, und 800-Meter-Läuferin Selina Büchel (10.) fehlte hingegen auch ein bisschen das Wettkampfglück und taktische Geschick. Hussein verpasste den Final um fünf Hundertstel, Büchel um sechs. Gerade das Beispiel von Hussein zeigt, wie nahe Erfolg und Misserfolg beieinander liegen. Hätte er im Halbfinal nach der letzten Hürden den Schwung besser mitnehmen können, hätte er das Ziel wohl vor dem unmittelbar vor ihm klassierten Kenianer Nicholas Bett erreicht und diesen rausgeworfen. Bett wurde zwei Tage später souverän Weltmeister. «Ich bin sicher, auch Kariem hätte im Final noch zugelegt», sagte Peter Haas, der Chef Leistungssport von Swiss Athletics.

Büchel und Hussein zahlen Lehrgeld

Und auch für Büchel wäre im Final ein Podestplatz nicht unmöglich gewesen, lief sie doch im Halbfinal mit 1:58,63 Minuten ohne Unterstützung die zweitbeste Zeit ihrer Karriere. Damit deutete sie an, dass sie eine tiefe 1:57er-Zeit in den Beinen hat, was ihr gerade auch im Hinblick auf die Olympischen Spiele 2016 in Rio de Janeiro weiteren Auftrieb geben dürfte. Schliesslich bestritt die 24-jährige Toggenburgerin – wie auch Hussein – ihre erste Freiluft-WM. Insofern bezahlten die beiden grössten Hoffnungsträger im Schweizer Team auch etwas Lehrgeld. Dies umso mehr, als es in den Halbfinals, in denen das Feld von 24 auf acht Athleten reduziert wird, äusserst anspruchsvoll ist, sich zu behaupten. Da braucht es schon absolute Topleistungen.

Mit Mujinga Kambundji als Zehnte über 200 Meter schaffte eine vierte Schweizerin den Sprung in die Top 10. Die 23-jährige Bernerin mit der hauptsächlichen Trainingsbasis in Mannheim stellte zudem drei nationale Rekorde auf. Ihre Bestzeit über 100 Meter, wo sie Zwölfte wurde, verbesserte sie um einen Zehntel, jene über die halbe Bahnrunde um 16 Hundertstel. Der Formaufbau stimmte also – und auch die Umsetzung auf die Bahn.

Mehr als vier Top-Ten-Klassierungen sind dem Schweizer Team an einer WM noch nie gelungen – letztmals schafften 1991 in Tokio vier Athletinnen und Athleten den Sprung unter die ersten zehn. Zudem wurde in Peking nicht weniger als sieben Mal eine Top-13-Platzierung erreicht. Die Breite ist also vorhanden und zeigt, welche Fortschritte die Schweizer Leichtathletik erzielt hat. An den letzten drei Weltmeisterschaften gab es insgesamt vier Top-13-Klassierungen. Das beste Ergebnis war 2011 in Daegu der neunte Platz von Hürdensprinterin Lisa Urech.

Büchler mental erneut nicht parat

«Ich bin grundsätzlich sehr zufrieden mit diesem Team, obwohl wir meine drei prognostizierten Top-8-Platzierungen nicht erreicht haben», sagte Haas. Das Ziel sei bewusst hoch gesteckt worden. «Die Zuversicht, die wir ausgestrahlt haben, hatte auch den Grund, dass wir die Jungen motivieren wollten.»

Die grösste Enttäuschung bei den Schweizern war Stabhochspringerin Nicole Büchler, die zum achten Mal an einem Grossanlass im Freien in der Qualifikation scheiterte. Die 31-Jährige präsentierte sich einmal mehr mental nicht auf der Höhe. So oder so kann Swiss Athletics mit grossen Erwartungen der Saison 2016 mit der EM in Amsterdam und den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro entgegenblicken. Die Perspektiven sind vielversprechend.