LEICHTATHLETIK: Unser TV-Mann in Peking

Patrick Schmid kommentiert in Peking bereits seine vierte WM. Im Interview spricht er über seine Vorbereitung – und eine spezielle Begegnung mit Superstar Usain Bolt.

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Patrick Schmid steht während der Leichtathletik-WM neun Tage am Stück für das Schweizer Fernsehen im Einsatz. (Bild: SRF / Christian Wyss)

Patrick Schmid steht während der Leichtathletik-WM neun Tage am Stück für das Schweizer Fernsehen im Einsatz. (Bild: SRF / Christian Wyss)

Interview Claudio Zanini

Wenn heute Samstag die Leichtath­letik-WM in Peking beginnt, wird er das Geschehen für die Schweizer Stuben kommentieren: der 33-jährige Zürcher Patrick Schmid. Bereits am Mittwoch reiste er als Teil einer Vierergruppe des SRF nach China. Schmid wird neun Tage am Stück im Einsatz stehen, denn im Gegensatz zu früheren Ausgaben gibt es an den diesjährigen Titelkämpfen kei­nen Ruhetag. Im Interview äussert sich der frühere Leichtathlet über die Schwierigkeiten seines Berufs, eine Nudel­suppen-Kur in Südkorea und die Chancen der Schweizer.

Patrick Schmid, Sie kommentieren nebst Leichtathletik auch Fussball. Was machen Sie lieber?

Schmid*: Das ist schwierig zu beantworten. Für Leichtathletik benötige ich viel mehr Vorbereitungszeit. So sind in Peking knapp 2000 Athleten im Einsatz. Dafür ist es abwechslungsreicher zu kommentieren als ein Fussballspiel.

In der Leichtathletik finden Wett­kämpfe oftmals parallel statt. Wie behält man den Überblick?

Schmid: Das ist tatsächlich die grösste Herausforderung. Mein Kommentatorenkollege Mario Gehrer und ich teilen uns die Disziplinen auf. Schwierig wird es aber auch, weil der Regisseur beispielsweise einen Sprung über 1,92 Meter einblendet, während die Athleten im Stadion bereits bei 1,95 sind. Da muss man sich enorm konzentrieren. Und braucht manchmal eine zweite oder dritte Tasse Kaffee.

Bei dieser WM gibt es keinen Ruhetag. Wird das nicht anstrengend?

Schmid: Die Anstrengung ist gross, das ist so. Für die Morning Session sind wir spätestens ab 9 Uhr im Stadion. Nach dem Mittag ziehen wir uns ins Hotel zurück und bereiten uns auf die Evening Session vor. Wichtig ist, konzentriert zu bleiben, da wir mehrere Stunden live auf Sendung sind.

Und wann sind Sie selbst das letzte Mal über 100 Meter gesprintet?

Schmid: Ich war früher tatsächlich selbst Leichtathlet, aber auf bescheidenem Niveau, wohlgemerkt. Zuerst übte ich alle Disziplinen im lokalen Turnverein aus – als ich grösser wurde, vor allem Sprint und Weitsprung. Danach habe ich mich aber aufs Gymnasium konzentriert. Einmal im Jahr nehme ich noch mit Freunden an einem Plausch-Wettkampf teil.

Was trauen Sie Hürdenläufer Kariem Hussein in Peking zu?

Schmid: Ich traue ihm durchaus einen Podestplatz zu. Er ist ein absoluter Wettkampftyp und hat sich sensationell vorbereitet. In Zug lief er schneller als jemals zuvor. Auch Selina Büchel ist eine Kandidatin fürs Podest.

Sie kommentieren zum vierten Mal eine Leichtathletik-WM. Welches Erlebnis ist am meisten in Erinnerung geblieben?

Schmid: Sportlich gesehen die WM in Berlin 2009, als ich den Weltrekord über 200 Meter von Usain Bolt im Olympiastadion miterlebte, das war das Highlight meiner damals noch jungen Kommentatorenlaufbahn. In Daegu (Südkorea, Anm. d. Red.) wurde Bolt 2011 im 100-Meter-Final wegen eines Fehlstarts disquali­fiziert, das vergesse ich auch nicht mehr. Speziell an dieser WM war zudem, dass das Einkaufszentrum nicht rechtzeitig fertiggestellt wurde und wir uns in der ersten Woche praktisch nur von Nudelsuppe ernähren mussten.

Und wie ist es, plötzlich neben Usain Bolt zu stehen?

Schmid: In Paris, am Diamond-League-Meeting, waren wir Journalisten im selben Hotel wie die Athleten einquartiert. Als ich im Lift war, stieg die kroatische Hochspringerin Blanka Vlasic ein. Mit 1,93 Metern ist sie 13 Zentimeter grösser als ich. Einen Stock weiter oben kam Usain Bolt dazu, der 1,96 Meter misst. Ich kam mir so richtig klein vor. (schmunzelt)

Sie kennen das Stadion in Peking bereits von den Paralympics. Wie ist die Stimmung im «Vogelnest»?

Schmid: Das Stadion ist extrem eindrücklich. Ich kann mich gut erinnern, als ich zum ersten Mal drin stand – 80 000 Zuschauer und eine wahnsinnige Stimmung. Eigentlich kaum in Worte zu fassen.

Sehen Sie von Ihrem Kommentatorenplatz etwas, oder brauchen Sie einen Feldstecher?

Schmid: Den Feldstecher habe ich sicher dabei. Wir von SRF als kleiner Sender haben im Vergleich zu den grossen Fernsehstationen natürlich nicht die besten Plätze, aber wir sehen die Wettkämpfe gut und sitzen auf Höhe der Ziellinie.

Berichten zufolge sollen 800 Profi-Leichtathleten zwischen 2001 und 2012 gedopt haben. Glauben Sie an einen sauberen Sport?

Schmid: Ich weiss nicht, ob es träumerisch ist, aber ich hoffe zumindest, dass der Grossteil der Athleten sauber ist. Und das muss auch der Anspruch des Internationalen Leichtathletik-Verbandes und seines neuen Präsidenten sein. Natürlich sind die Kontrollen in der Praxis schwer durchsetzbar. Hierfür sind die Voraussetzungen im kenianischen Hochland ganz anders als etwa in Zürich. Komplett ausmerzen wird man es wohl nie können.

* Der Zürcher Patrick Schmid (33) wohnt in Horgen ZH und ist ledig. Nach der Matura und einem Praktikum bei Hitradio Z war er Redaktor bei Radio Energy Zürich. Gleichzeitig absolvierte er die Journalistenschule MAZ in Luzern. Seit 2006 arbeitet er beim Schweizer Fernsehen. Im Sommer 2009 wurde er zum Live-Kommentator Leichtathletik. Ein Jahr später kommentierte er in Südafrika seine erste Fussball-WM.