LEICHTATHLETIK-WM: Hussein will das nächste Level erreichen

Der Thurgauer Kariem Hussein konnte an den internationalen Grossanlässen bisher nicht überzeugen. In London hat der 28-jährige Hürdenläufer nun die nächste Chance. «Er ist nun reifer», sagt sein Trainer.

Raya Badraun, London
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Der Schweizer 400-m-Hürdenläufer Kariem Hussein (links) und sein Hergiswiler Trainer Flavio Zberg in den Strassen von London. (Bild: Freshfocus (London, 5. August 2017))

Der Schweizer 400-m-Hürdenläufer Kariem Hussein (links) und sein Hergiswiler Trainer Flavio Zberg in den Strassen von London. (Bild: Freshfocus (London, 5. August 2017))

Raya Badraun, London

2014 wurde Kariem Hussein im Zürcher Letzigrund Europameister. Auch dank dieses Erfolgs erlebte die Schweizer Leichtathletik danach einen Aufschwung, der bis heute anhält. Für den Thurgauer hingegen blieb die Goldmedaille sein bisher bestes Ergebnis im Palmarès. Dabei hatte man sich damals die schönsten Geschichten ausgemalt. Vor allem als er kurz danach in Marrakesch seine persönliche Bestzeit über 400 m Hürden auf 48,47 Sekunden senkte. Damit war er nicht nur der schnellste Europäer 2014, sondern auch der viertschnellste Hürdenläufer der Welt. Alles war plötzlich möglich. Doch das nächste Level konnte Hussein in den vergangenen Jahren nicht erreichen: einen Exploit an einem Grossanlass, an dem alle Stars dabei sind.

An den Olympischen Spielen in London und Rio de Janeiro hatte er mit Verletzungspech zu kämpfen. Vor fünf Jahren verzichtete er nach einem letzten Training auf den Start, im vergangenen Jahr schied er nach dem Vorlauf aus. An der WM 2015 scheiterte er als Neunter trotz starker 48,59 Sekunden knapp an der Finalqualifikation. Sein Trainer Flavio Zberg ist überzeugt, dass Hussein nun einen Schritt weiter ist. «Kariem ist reifer und stabiler geworden und hat auch mehr Erfahrung», sagt der Hergiswiler Zberg.

Zberg: «Ich weiss, was Kariem kann»

Die persönliche Bestzeit des Medizinstudenten Hussein hat sich hingegen nicht verändert. Seit jenem Sommer, als er im Vorfeld der WM an der Schweizer Meisterschaft in Zug mit 48,45 Sekunden die Ziellinie überquerte, war er nie mehr schneller gewesen. In diesem Jahr lief er nur einmal eine Zeit unter 49 Sekunden. Das war an der Athletissima in Lausanne. Zu Beginn der Saison hatte sich Hussein mehr erhofft. Die Vorbereitung lief so gut wie seit Jahren nicht mehr. Keine Verletzung, keine Probleme. Und dann war da dieser Lauf über 300 m Hürden, bei dem er gleich eine persönliche Bestzeit aufstellte. Damals hoffte er, dass es im gleichen Stil weitergeht. Als er in seine Paradedisziplin jedoch nicht nachlegen konnte und hinter seinen Erwartungen blieb, war er im ersten Moment genervt. Hussein ist schliesslich ein ungeduldiger Mensch. «Das ist jedoch die falsche Einstellung», sagte der 28-Jährige später. Auch sein Trainer lässt sich davon nicht beunruhigen. «Ich weiss, was er kann», sagte Zberg.

In dieser Saison stand die Zeit für einmal weniger im Fokus. Klar, Hussein hatte die WM-Limite zu unterbieten. Doch anders als andere Athleten muss er nicht an internen Ausscheidungsrennen um seinen Startplatz kämpfen. «So konnten wir uns ganz auf die Vorbereitung konzentrieren», sagt Zberg. Dazu gehörten auch mehr Auftritte als in den Jahren zuvor. Denn die Vergangenheit zeigte, dass Hussein viele Rennen braucht, um seinen Rhythmus zu finden.

Bereits im Vorlauf geht es um alles

Am Sonntag wird es nun ernst. Es geht nicht mehr nur um Erfahrungen, und ein schwaches Rennen kann nicht mehr einfach so abgehakt werden. Bereits im Vorlauf trifft Hussein unter anderem auf den in Kuba geborenen Türken Yasmani Copello, der ihm 2016 den Europameistertitel weggeschnappt hatte. Und um den Final zu erreichen, muss der Ostschweizer in der nächsten Runde wohl eine Bestzeit aufstellen. «Bisher hatte ich keinen Exploit», sagte Hussein wenige Stunden vor dem Vorlauf. «Nun darf er kommen.» Nur so kann er endlich das nächste Level erreichen.