LEICHTATHLETIK-WM: Schweiz hat mehrere Trümpfe

Heute beginnt die WM. Die Schweizer Aushängeschilder haben reelle Chancen, im Kampf um die Spitzenplätze dabei zu sein. Auch dank der Heim-EM 2014.

Raya Badraun
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Mujinga Kambundji hat mit der 4x100-Meter-Staffel Chancen auf einen Spitzenplatz.Bild: (Bild: Urs Lindt/Freshfocus)

Mujinga Kambundji hat mit der 4x100-Meter-Staffel Chancen auf einen Spitzenplatz.Bild: (Bild: Urs Lindt/Freshfocus)

Raya Badraun

Auch fünf Jahre nach den Olympischen Spielen in London schwärmen viele von der mitreissenden Stimmung im Olympiastadion. Nicht nur beim Goldlauf von Mo Farah waren die Tribünen ausverkauft. Auch bei den Vorläufen war fast jeder Platz besetzt. An der diesjährigen Leichtathletik-WM wird es kaum anders sein. Doch nicht nur für die Briten gibt es einiges zu sehen. Auch für die Schweizer könnte es ein besonderer Anlass werden. An der WM vor zwei Jahren in Peking und an den Olympischen Spielen 2016 in Rio scheiterten noch viele Aushängeschilder am Versuch, den Final zu erreichen. Nun haben sie gute Chancen, endlich vorne mitzurennen. Doch von wem kann man am ehesten einen Exploit erwarten? Diese und weitere Antworten zur WM, die heute beginnt.

Wie viele Medaillen bringen die Schweizer aus London nach Hause?

Seit 1983 und der ersten WM sicherte sich die Schweiz vier Goldmedaillen und drei bronzene Auszeichnungen. Der letzte Podestplatz liegt bereits zehn Jahre zurück. Damals wurde der Marathonläufer Viktor Röthlin in Osaka Dritter. In den vergangenen Jahren wurden die Chancen auf einen Schweizer Erfolg wieder grösser. An der EM vor einem Jahr holte die Delegation fünf Medaillen. Auch international konnten sich die Schweizer erfolgreich präsentieren. Nach London reist die Schweiz nun mit sechs Athleten sowie einer Staffel an, die Chancen auf eine Finalteilnahme haben. Eine Faustregel besagt, dass es für eine Spitzenplatzierung drei Kandidaten braucht. «Zwei- bis dreimal dürften wir in den Final vorstossen», sagt Peter Haas, Chef Leistungssport von Swiss Athletics.

Welche Schweizer haben die besten Chancen auf einen Triumph?

Die 800-Meter-Spezialistin Selina Büchel, Fabienne Schlumpf über 3000 Meter Steeple sowie Hürdenläufer Kariem Hussein haben gute Chancen auf eine Finalqualifikation. Das Podest zu erreichen, wird jedoch schwierig. Das Gleiche gilt für Mujinga Kambundji und Alex Wilson, die über 200 Meter zu den schnellsten acht gehören könnten. Dafür hat Kambundji in einer anderen Disziplin gute Karten. Die 4×100-Meter-Staffel stellte dieses Jahr an der Athletissima Lausanne einen Schweizer Rekord auf. Damit ist die Equipe auch international vorne dabei. Zudem geht es in dieser Disziplin nicht nur um individuelle Stärke, sondern auch um saubere Wechsel. Oft passieren Fehler – auch den Favoriten. Aussenseiter können so überraschen. Neben der Staffel hat auch Nicole Büchler Chancen auf einen Spitzenplatz. Die Stabhochspringerin wurde an den Olympischen Spielen 2016 Sechste und gewann dieses Jahr einen Wettkampf im Rahmen der Diamond League.

Bereits an der WM vor zwei Jahren in Peking hoffte man auf einen Schweizer Exploit. Damals erreichte jedoch nur Noemi Zbären den Final. Was ist nun anders?

Nach der EM 2014 in Zürich waren die Erwartungen hoch. Doch Europa ist nicht die Welt – vor allem in den Laufdisziplinen nicht. An den internationalen Grossanlässen kommen aus der Karibik, den USA sowie dem afrikanischen Kontinent zahlreiche Athleten dazu, die zu den stärksten überhaupt gehören. Am Ende verpassten unter anderem Kariem Hussein und Selina Büchel den Final – wenn auch sehr knapp. Auch an den Olympischen Sommerspielen vor einem Jahr in Rio de Janeiro reichte es noch nicht ganz. «Wir sind nicht gefeit davor, dass dies einzelnen wieder passiert», sagt Peter Haas. «Doch wir sind nun breiter abgestützt. Die Ausgangslage ist damit so gut wie noch selten.»

19 Schweizer Athleten starten in diesen Tagen an der WM in London. Das sind so viele wie noch nie. Was ist der Grund für diese hohe Zahl?

Das hängt wohl noch immer mit der Heim-EM 2014 in Zürich zusammen. «Sie gab die Initialzündung», sagt Peter Haas. Im Vorfeld wurde nicht nur das Projekt Swiss Starters lanciert, um Athleten stärker zu fördern. Durch die Präsenz der EM kehrte auch eine Leistungssportkultur zurück in die Leichtathletik. Einige setzten vermehrt auf den Sport, reduzierten ihr Pensum oder verlängerten das Studium. Auch die jüngeren Athleten, die noch nicht dabei waren, sahen, was alles möglich ist. Die Dynamik, die damals entstand, konnte auch nach der EM aufrechterhalten werden.

Wie sieht die Prognose für die nähere Zukunft aus?

Die Schweizer Leichtathletik ist auch im Nachwuchsbereich gut aufgestellt. Die jungen Athleten sind den Arrivierten bereits dicht auf den Fersen. Das zeigen die starken Auftritte und zahlreichen Medaillen in den vergangenen Wochen an den internationalen Nachwuchsmeisterschaften. Mit der Hürdenläuferin Yasmin Giger, der Siebenkämpferin Géraldine Ruckstuhl und der Stabhochspringerin Angelica Moser sind in London zudem gleich drei Athletinnen dabei, die ihren 20. Geburtstag noch nicht gefeiert haben. Auch der erst 21-jährige Dany Brand hat die Limite über 400 Meter Hürden unterboten. Er verzichtet jedoch auf einen Start in London. Die Chancen stehen also gut, dass es nicht noch einmal zehn Jahre dauert, bis die Schweiz die nächste Medaille an einer WM holt.