LEICHTATHLETIK: «WM? Was für eine WM?»

Mit grossem Aufwand bereitet sich Peking auf den Beginn der WM am Samstag vor. Doch anders als bei Olympia 2008 ist das Interesse gering.

Felix Lee, Peking
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In Peking wird die Eröffnungsfeier der Leichtathletik-WM geprobt. (Bild: epa)

In Peking wird die Eröffnungsfeier der Leichtathletik-WM geprobt. (Bild: epa)

Felix Lee, Peking

An sämtlichen Brückenpfeilern und Laternenmasten weisen riesige Plakate oder Banner auf das bevorstehende sportliche Grossereignis hin. Zudem hat die Pekinger Stadtverwaltung überall Kübel mit frisch gepflanzten Blumen aufgestellt. Zumindest nach aussen hin haben die Organisatoren sämtliche Register gezogen, um für die zehntägige Leichtathletik-WM zu werben. Doch fragt man auf der Strasse die Bevölkerung, ist das Interesse eher gering.

Fahrverbot wegen WM

«WM? Was für eine WM?», entgegnet völlig überrascht ein Passant in Pekings beliebtem Vergnügungsviertel Sanlitun auf die Frage, ob er Vorfreude empfinde. Er habe gar nicht gewusst, dass Peking der Austragungsort sei. «Leichtathletik ist doch langweilig», antwortet ein 19-jähriger Student. Er hätte es lieber gehabt, dass in Peking mehr Fussballspiele von internationaler Bedeutung stattfinden. Das sei spannender. Eine junge Frau beklagt sich indes über das verhängte Fahrverbot. Denn um Pekings hohe Smogwerte zu senken, dürfen die Pekinger an den zehn WM-Tagen nur jeden zweiten Tag fahren.

Für viele ist die WM daher bislang mehr ein Ärgernis als etwas, worauf sie sich freuen. Und das hat auch seinen sportlichen Grund. «Uns fehlt ein Liu Xiang», kommentiert ein Blogger auf Weibo, dem chinesischen Twitter-Pendant. Als erster chinesischer Leichtathlet hatte Liu Xiang 2004 bei den Olympischen Spielen in Athen über 110 Meter Hürden für die Volksrepublik Gold geholt – und das in Weltrekordzeit. Zwei Jahre später in Lausanne verbesserte er ihn, 2007 wurde er Weltmeister. Kein anderer chinesischer Sportler brachte es zum Weltmeister, Olympiasieger und Weltrekordler zugleich. Doch ausgerechnet bei Olympia 2008 in Peking musste er im Vorlauf wegen einer Achillessehnenentzündung kurz nach dem Startschuss abbrechen. Am nächsten Tag bei einer Presse­konferenz brach er in Tränen aus. Eine ganze Nation weinte mit.

Kein nationaler Star, kaum Interesse

Wegen anhaltender Verletzungen gelang es ihm in den Folgejahren nicht, an seine Erfolge anzuknüpfen. Im April diesen Jahres erklärte er das Ende seiner Karriere. Seitdem fehlt Chinas Team ein Star. Immerhin stellt sich Liu Xiang nun als Werbeträger für die WM zur Verfügung. Und dank der Hammerwerferinnen Wenxiu Zhang und Zheng Wang haben die Gastgeber Chancen, dass während der WM ein oder zwei neue Idole für die Chinesen entstehen.

Eine Begeisterungswelle, die auch nur annähernd vergleichbar ist mit der bei den Olympischen Spielen 2008, konnte das alles aber nicht auslösen. Noch vor einem Monat äusserte der scheidende IAAF-Präsident Lamine Diack die Sorge, dass Pekings Olympiastadion, das berühmte Vogelnest, mit seinen rund 90 000 Sitzplätzen bei der WM nicht ausreichend gefüllt sein könnte. Denn für die Abendveranstaltungen waren bis vor vier Wochen nur die Hälfte der Plätze vergeben gewesen. Und so rief Diack die Organisatoren dazu auf, noch kräftiger die Werbetrommel zu rühren.

Massenweise Tickets verschenkt

Die chinesische Seite zeigte sich gelassen. Inzwischen hat sie offiziell erklärt, dass alle Tickets für die Abende weg seien. Die staatlich kontrollierten Medien berichteten allerdings nicht, auf welche Weise. Es gilt inzwischen als gesichert, dass zahlreiche Behörden, Universitäten und Staatsunternehmen kostenlos Tickets verteilt haben. Um den Glanzfaktor zu erhöhen, haben auch zahlreiche Promis Tickets erhalten. Für viel Aufsehen hat dabei ein Weibo-Eintrag des chinesischen Supermodels Zhang Zixin gesorgt: Sie wollte ihr Ticket verschenken, weil sie sich gar nicht für Leichtathletik interessiere. Dafür erhielt sie innerhalb weniger Minuten mehr als 2000 «likes».