Leichtathletik

Der schnellste Weisse: «Ich bewundere Usain Bolt nicht»

Christophe Lemaitre ist der schnellste Weisse, und sogleich der erste Weisse, der die Strecke von 100 Metern unter 10 Sekunden lief. Der Franzose läuft morgen in Lausanne bei der Athletissima.

Jörg Greb
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Der schnellste Mann Europas: Christophe Lemaitre

Der schnellste Mann Europas: Christophe Lemaitre

Keystone

Wenn Christophe Lemaitre am Donnerstagabend bei der «Ahtletissima» in Lausanne antritt, kommt er schier zu einem Heimspiel. Aus Aix-le-Bains kommt der 21-jährige Franzose, nur gut 100 km von Lausanne entfernt. Auch vom Sportlichen her geniesst er Sonderbeachtung. Lemaitre ist dreifacher Europameister (100 m, 200 m und 4x100 m) des letzten Sommers in Barcelona und Leichtathlet Europas 2010. Und Lemaitre ist vor allem eines: der schnellste Sprinter weisser Hautfarbe.

Mit seinen 9,98 Sekunden vom vergangenen Juli schrieb das «Wunderkind» erstmals Geschichte. Er war der erste Weisse, der die nach wie vor magischen 10 Sekunden unterbot. Dazu sagt der Sohn eines Cern-Physikers und früheren Ringers unbeschwert: «Der erste weisse Athlet unter 10 Sekunden, das bin ich nun einfach, ob ich das will oder nicht.»

Und weiter: «Mit meinen Leistungen bringe ich ein Tabu der Leichtathletik aufs Tapet: weiss gegen schwarz. Ich bringe mich da nicht ein. Ich überlasse diese Diskussion den Medien. Ich will schnell laufen, immer schneller laufen.»

Denn klar ist auch ihm: Was ihm gelungen ist, vollbrachten schon 70 Sprinter – alle schwarz allerdings, mit afrikanischen Wurzeln. Und mit seinen 9,95 Sekunden – zu dieser Marke steigerte er sich in der noch jungen aktuellen Saison – ist er von Weltrekordler Usain Bolt (Jam) um nicht weniger als 37 Hundertstel getrennt. Und in der Jahresweltbestenliste figuriert er nicht einmal unter den ersten zehn.

Für mehr als nur optischen Kontrast sorgt Christophe Lemaitre trotz allem. Der 1,89 m lange und 80 kg schwere Schlaks verfügt über eine auffallende Ausstrahlung, die sich von jener der meisten Kontrahenten unterscheidet.

Lemaitre ist unmittelbar vor seinem Einsatz und auch danach der ruhige, in sich gekehrte Athlet. Grosse Worte und Gesten sind seine Art nicht. In Interviews ist er zurückhaltend, höflich. Keine Frage weist er zurück – auch sehr persönliche nicht. Haben Sie eine Freundin? «Oui». Ist auch sie eine Sportlerin? «Oui». Eine Leichtathletin? «Oui.» Aus Aix? «Oui».

Und dann redet er über die Leichtathletik, über den Sprint und seine Widersacher. Nein, sagt er, er habe keine Rituale. «Ich sitze, warte und dann mache ich mich bereit.» Und Usain Bolt? «Bolt ist Bolt, ich habe keine Probleme mit ihm. Er macht, was er will. Ich bewundere ihn nicht, ich bewundere niemanden, weder im Sport noch im sonstigen Leben.»

Vielfach entwickelt sich kein Gespräch mit Lemaitre. Er mag es nicht, interviewt zu werden. Das Terrain des «Flèche blanc», des weissen Pfeils, ist wahrlich die Bahn. Sein Talent hat sich erst spät herauskristallisiert. Mit 15 blitze es an einem regionalen Sportfest auf, als er die 100 m ohne Training in 11,88 Sekunden lief.

Mit 16 war er bereits bei 10,96 angelangt. Rasant gings Jahr für Jahr weiter, über 10,53 (17), 10,26 (18), 10,04 (19). Und über 200 m wurde er 2008 Junioren-Weltmeister. Die halbe Bahnrunde scheint gar noch besser auf ihn zugeschnitten als die 100 m.

Vom Europarekord ist Lemaitre immer noch ein Stück entfernt. Diesen hält seit den Olympischen Spielen 2004 in Athen der Portugiese Francis Obikwelu mit 9,86 Sekunden. Aber frühere weisse Grössen wie Marian Woronin (10,00/1984), Pietro Mennea (10,01/1979) oder Waleri Borsow, den Olympiasieger von 1972, hat er hinter sich gelassen. Schritt für Schritt will er sich vorwärtstasten.

Die 100 Meter auf der Pontaise gegen den früheren Weltrekordler Asafa Powell (Jam) werden eine weitere Gelegenheit bieten. Die 200 Meter gegen Usain Bolt in Paris Anfang Juli ebenfalls. Und an der WM Anfang September in Daegu (Kor) zählt er über 200 Meter bereits zu den Medaillen-Kandidaten.