Interview

Leichtathletin Sandra Gasser über ihre Verantwortung: «Der Athlet darf nie Werkzeug eines Trainers werden»

Die ehemalige Weltklasse-Mittelstreckenläuferin und verurteilte Dopingsünderin Sandra Gasser und der Berner Sportarzt und Co-Trainer Christoph Kellerhals über die Macht und die Grenzen bei der Betreuung von Sportlern.

Rainer Sommerhalder
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Leichtathletik-Trainerin Sandra Gasser und ihr Co-Trainer Christoph Kellerhals trainieren im Leichtathletikstadion Wankdorf in Bern den Mittelstrecken-Nachwuchs des Stadtturnvereins Bern.

Leichtathletik-Trainerin Sandra Gasser und ihr Co-Trainer Christoph Kellerhals trainieren im Leichtathletikstadion Wankdorf in Bern den Mittelstrecken-Nachwuchs des Stadtturnvereins Bern.

Britta Gut

Ab kommendem Montag findet vor dem Internationalen Sportgerichtshof CAS in Lausanne der Berufungsprozess gegen den amerikanischen Leichtathletik-Startrainer Alberto Salazar statt. Der langjährige Leiter des Nike Oregon Projects wurde im vergangenen Jahr gemeinsam mit dem Arzt Jeffrey Brown in erster Instanz wegen der Anwendung von Dopingpraktiken für vier Jahre gesperrt. Auch in der Schweiz trainieren die ehemalige Weltklasse-Athletin Sandra Gasser und der Berner Sportarzt Christoph Kellerhals gemeinsam hoffnungsvolle junge Mittelstrecken-Athleten. Und im Gegensatz zu Salazar wurde Gasser in ihrer Aktivkarriere sogar wegen Doping verurteilt. Was sagen die beiden zum «Fall Salazar», und wo ziehen sie die ethischen Grenzen bei der Betreuung von Spitzensportlern?

Wie weit haben Sie den Dopingfall um das Nike Oregon Project und dessen Cheftrainer Alberto Salazar verfolgt?

Christoph Kellerhals: Aufgrund der Person und des Themas war ich sehr interessiert und verfolgte die Entwicklung. Man muss wissen, Salazar war bereits als Athlet sehr grenzwertig. Ein Charakterzug, der sich bis heute hinzieht. Er gewann mehrfach grosse Rennen und brach im Ziel zusammen – wegen Überhitzung oder wegen Untertemperatur. Auch für seine Idee des Nike Oregon Projects – weisse Läuferinnen und Läufer so stark zu machen wie die afrikanischen Athleten – musste er Dinge absolut auf die Spitze treiben. Weil es aber zum Beispiel ärztliche Diagnosen für eine Schilddrüsen-Unterfunktionen bei Athleten gab, ist eine effektive Grenzüberschreitung in einigen Punkten nur schwer nachweisbar. Auch bei der Abgabe von L-Carnitin an Olympiasieger Mo Farah, wo übrigens auch Schweizer Personen bei der Beschaffung mitwirkten, war die Dosierung erlaubt, aber die intravenöse Abgabe nicht Standard. Salazar wurde öfters als Hobby-Apotheker verschrien, der Dinge ausprobiert und schaut, wie weit man das aktuelle System ausreizen kann.

Sandra Gasser: Erstaunt war ich nicht wirklich, Salazar war bekannt dafür, dass er ein ‘Tüftler’ ist. Ich kann mir vorstellen, dass jemand der sich ständig damit beschäftigt, die Grenzen auszuloten, diese auch mal überschreitet. Grundsätzlich finde ich es durchaus spannend, kreativ im Training zu sein. Etwa beim Training im Wasser auf Laufbändern oder dergleichen. Salazar hat viele technische Innovationen erarbeitet. Das finde ich bemerkenswert und darf kopiert werden, er hatte auch gute Ideen. Aber die Dinge, die ihm nun vorgeworfen werden, überschreiten die Grenzen. Die Einstellung, dass alles, was nicht nachgewiesen werden kann, in Ordnung geht, ist nicht akzeptabel.

Nun muss das Sportgericht in Lausanne entscheiden, ob Salazar dabei tatsächlich – wie das Dopingtribunal in den USA der Ansicht war – die Grenzen überschritten hat. An Grenzen zu gehen, ist im Spitzensport alltäglich. Muss man sich als Trainer regelmässig ethische Fragen stellen?

Sandra Gasser: In jenem Leistungsbereich, in welchem wir arbeiten, müssen wir uns das nicht fragen, weil wir mit keinen kritischen Grenzen zu tun haben. Ein Beispiel: Wenn unsere Athleten nach St. Moritz ins Trainingslager gehen, macht Christoph zuvor einen Blutcheck, damit die Sportler in der Höhe nicht nach einigen Tagen Probleme bekommen oder an Eisenmangel leiden. Wir funktionieren mit unseren spezifischen Fähigkeiten als Trainerteam zumeist in Bezug auf Prävention zusammen. Das erachten wir als wertvoll in der Ergänzung von Trainer und Arzt. Wir reden mit unseren Athleten nicht einmal über Nahrungsergänzungsmittel.

Sandra Gasser.

Sandra Gasser.

Britta Gut

Christoph Kellerhals: Wir bewegen uns in absolut anderen sportlichen Dimensionen als es Alberto Salazar und Doktor Brown taten. Ihre Athleten repräsentieren Weltklasse, unsere Athleten sind regionale, respektive nationale Spitze. Bevor nicht die allgemein bekannten wissenschaftlichen Trainingsgrundlagen ausgereizt sind, muss man an ethisch grenzwertige Methoden sowieso überhaupt nicht denken.

Bei vielen grossen Dopingfällen der letzten Jahre spielen Ärzte eine Hauptrolle. Offensichtlich sind sie im Spitzensport sehr wichtig. Für was braucht es den Arzt und kann ein Arzt nicht auch eine Gefahr sein?

Sandra Gasser: Es braucht ihn vor allem betreffend Bewegungsapparat. Grössere oder kleinere Verletzungen sind im Spitzensport tägliches Business. Als Trainerin möchte ich eine unmittelbare Beurteilung der Situation. Mit welcher Art von Schmerz haben wir es beim Athleten zu tun? Ist es notwendig, das Training zu unterbrechen? Etwas, das Trainer und Athleten wenn immer möglich vermeiden wollen. Da ist die Beurteilung des Arztes extrem hilfreich.

Christoph Kellerhals: Dem stimme ich absolut zu. Ich bin nicht gefragt für eine pharmazeutische Belieferung der Athleten, sondern ich unterstütze bei der Prävention und beim Umgang mit der eigenen Gesundheit während Training und Wettkampf.

Aber Sie haben vorher erwähnt, dass Sie durchaus das Auge für Optimierungen hätten? Gibt es eine ethische Diskrepanz zwischen Können und Dürfen?

Christoph Kellerhals: Ich nehme ein Beispiel. Ein 5000-m-Läufer mit grossem Potenzial. Er wiegt aber für diese Distanz wohl etwa fünf bis acht Kilogramm zu viel. In einem solchen Fall sehe ich zu viele Gefahren einer negativen Entwicklung mit leistungsmässiger Abwärtsspirale, wenn man das rigoros angeht. Selbst wenn man mit legalen Mitteln beim Gewicht ansetzen würde. So lange ein solcher Läufer trainingsmässig noch so viel Steigerungspotenzial hat, sollte alles andere beiseitegelegt werden. Klar bin ich auch täglich in der Sportmedizin mit dem Einsatz von Medikamenten konfrontiert, zum Beispiel beim Thema der Inhalatoren bei Leistungsasthma. Was kann man machen, um die leistungsmindernde Situation zu verbessern und wie intensiv darf man es bei ausgeprägter Symptomatik machen, um im legalen Rahmen zu bleiben? Hier spielt dann schnell die Frage rein, ab wann es Doping ist.

Sandra Gasser: Es ist die Grundphilosophie von uns beiden, zuerst das Training zu optimieren und alles rundherum erst danach zum Thema zu machen.

Wo ziehen Sie für sich bei der Leistungsoptimierung von Sportlern die Grenze?

Sandra Gasser: Ich mit meiner Vergangenheit weiss, was es heisst, wegen Doping angeklagt zu werden. In diesem Bereich trage ich meinen Athleten gegenüber eine besonders grosse Verantwortung. Der Athlet darf auch nie das Werkzeug eines Trainers werden.

Sportarzt Christoph Kellerhals.

Sportarzt Christoph Kellerhals.

Britta Gut

Christoph Kellerhals: Unsere Grenzen sind durch die klaren Antidoping-Richtlinien fix gegeben. Ich persönlich würde nie etwas machen, das meine Existenz als Arzt gefährden könnte. Ich habe auch nicht das Bedürfnis, mich als «Wundertrainer» zu profilieren. Ich will hinter dem stehen, was ich tue. Selbstverständlich muss man nicht das aktuelle Wissen der Trainingslehre und der Sportmedizin wegschieben und alles so machen wie vor 50 Jahren. Aber auf eine Weise, dass man bei den Erklärungen stets bei der Wahrheit bleiben kann.

Ein Zitat von Alberto Salazars Athletin Mary Cain, die als Zeugin gegen ihren Trainer aussagte: „Ich war in einem System gefangen, das von Männern für Männer konzipiert wurde. Es zerstört die Körper junger Frauen“. Kommt eine Frau in der Trainerrolle gar nie in die Situation, eine Athletin zu „missbrauchen“?

Sandra Gasser: Ich kann als Frau nicht beurteilen, wie sich die Zusammenarbeit mit jungen Athletinnen für einen Mann anfühlt. Ich glaube auch nicht, dass ein Mann grundsätzlich Athletinnen nicht versteht. Es ist mehr eine Frage der Fähigkeit zur Empathie als eine des Geschlechts. Ich selber war als Athletin auch mit Themen wie dem optimalen Gewicht konfrontiert. Diese Gewichtsvorgabe habe ich mir selber auferlegt. Aber es gab auch Jahre, wo ich einen persönlichen Kampf damit hatte. Ich bin sicher eine Person, die für ihre Athletinnen schaut und mit Fragen wie dem Gewicht sehr feinfühlig umgeht. Aber das erwarte ich auch von einem männlichen Trainer.

Christoph Kellerhals: Mary Cain kam als Wunderkind mit 17 Jahren zum Startrainer Salazar. In diesem vulnerablen Alter kann eine Athletin zweifellos viel schneller abhängig gemacht werden. Umso grösser wäre hier die Verantwortung des Trainers. Dieses Verhalten gegenüber der Athletin passt ins das Gesamtbild von Salazar.

Sandra Gasser: Diese Auswüchse unterstreichen, wie wichtig ihm der Erfolg ist. Auch Nike betrachtete das Oregon Project in erster Linie als eine Erfolgsmaschinerie. Der Mensch steht bei Salazar anscheinend nicht im Mittelpunkt.

Bei der Gewichtsoptimierung kann man auch Grenzen überschreiten, ohne gegen Dopingstatuten zu verstossen?

Sandra Gasser. Absolut! Man darf Athleten nie in eine Abhängigkeitssituation führen. Ich bin ein Begleiter und Unterstützer. Ich bin nicht der Chef des Athleten. Ich wurde während meiner Karriere von meinem Mann trainiert. Wer unser Training verfolgt hat, der nannte ihn bisweilen «Sklaventreiber». In meinem Selbstverständnis hat aber immer er für mich und nicht ich für ihn gearbeitet. Wenn ein Athlet das Gefühl entwickelt, abhängig von seinem Trainer zu sein, dann läuft etwas schief.

Bedeutet der «Fall Salazar» auch einen Imageschaden für euch als Trainer?

Sandra Gasser: Mir tut jeder Dopingfall weh. Es gibt jenen Leuten Recht, die von der Annahme ausgehen, Topleistungen seien nur mit Doping möglich. Diese Auswüchse sind ein Schlag gegen unsere Sportart. Ich kenne Eltern von jungen Athleten, die deshalb negativ gegenüber Leistungssport eingestellt sind. Man nimmt erst später wahr, wie junge Menschen durch den Sport in ihrer Persönlichkeit aufblühen können.

Christoph Kellerhals: Primär Nein, weil das Thema in der Schweiz nicht einem sehr breiten Publikum bekannt ist. Wenn es in der Schweiz ein System wie bei Alberto Salazar oder früher bei Radprofi Lance Armstrong geben würde – ich habe so meine Befürchtungen, dass es auch bei uns Sportfunktionäre gäbe, die so etwas stillschweigen würden. Dann wäre es ein starker Imageschaden für die gesamte Trainergilde in der Schweiz. Ich bewundere die unerschütterliche Konsequenz von Dopingjäger Travis Tygart in den USA, welcher trotz aller Drohungen von Seiten fehlbarer Personen nicht von seinem Weg abzubringen ist.

Wie muss ein Trainer sein, damit er seine Rolle gegenüber Spitzensportlern richtig wahrnimmt?

Sandra Gasser: Das Fachwissen ist eine zentrale Voraussetzung. Ganz wichtig finde ich auch Empathie. Vielleicht gewichte ich diese Fähigkeit so hoch, weil ich eine Frau bin. Mein Mann würde mir in diesem Punkt ein wenig widersprechen. Er sagt, es brauche eine gewisse Distanz zwischen Trainer und Athlet. Ich finde, der Athlet sollte einem Trainer wichtig sein. Im Nachwuchsbereich noch mehr als vielleicht bei den absoluten Topsportlern. Ich habe gerne eine gewisse Bindung zum Athleten. Diese darf aber nie so gross sein, dass sie zu einer Abhängigkeit führt.

Christoph Kellerhals: Fachliche Kompetenz vorausgesetzt, ist die zwischenmenschliche Komponente Athlet – Trainer zentral. Öfters überstrahlt diese das fachliche Wissen des Trainers bei weitem.

Vor 33 Jahren gab es in der Schweiz den Dopingfall Gasser. Müssen Sie sich heute – etwa gegenüber Eltern – noch immer erklären?

Sandra Gasser: Ich glaube, diesen Eindruck teile ich mit jedem, der einmal wegen Doping angeklagt war: Direkt wendet sich niemand mit diesem Thema an dich. Ich wurde nie von jemandem persönlich mit dieser Geschichte konfrontiert – weder von Athleten, noch von Eltern oder von anderen Trainern. Ich habe aber subjektiv den Eindruck, dass viele Leute mir geglaubt haben, unschuldig zu sein. Ich denke, Eltern würden mir keine Kinder anvertrauen, wenn sie mich für eine Betrügerin hielten.

Der Dopingfall Gasser

Bei der WM 1987 in Rom wurde in einer Urinprobe der Schweizer Mittelstreckenläuferin Sandra Gasser (3. Platz über 1500 m) ein synthetisches Anabolikum nachgewiesen. Es war zugleich der einzige Dopingfall dieser Titelkämpfe. Die heute 57-jährige Bernerin wehrte sich gegen die nachfolgende zweijährige Sperre. Das brachte ihr zwar keinen persönlichen Erfolg, verhalf jedoch zu mehr Athletenrechten und besserer Laborqualität. Zu diesem Schluss kommt der ehemalige Chef von Antidoping Schweiz, Matthias Kamber. Er widmet dem Fall Gasser in seinem am 24. April erscheinenden Buch „Der vergiftete Sport“. Kamber sagt, der Fall Gasser habe Doping ins Bewusstsein der Schweizer Öffentlichkeit gebracht.

Zwar ist auch heute nicht geklärt, ob Gasser damals Täterin oder Opfer war. Hingegen stehen eklatante Verfahrensfehler in einer Zeit, in welcher die Dopingbekämpfung noch in den Kinderschuhen steckte, fest. Gasser war nur 20 Tage nach dem positiven Befund und auch wieder 10 Tage danach jeweils negativ getestet worden. Im Verlauf des Prozesses kam ans Licht, dass das Antidoping-Labor in Rom gravierende Fehler beging. Es gab beträchtliche Abweichungen der B-Probe zur A-Probe. Das Römer Labor verlor ein Jahr später seine Akkreditierung durch das Internationale Olympische Komitee. Ein Zusammenhang mit dem Fall Gasser wurde dabei aber verneint.

Durch den Fall Gasser wurden einerseits die Anforderungen an die Arbeit von Antidoping-Labors erhöht, andererseits ergaben sich im Schweizer Dopingstatut konkrete Bestimmungen zu den Athletenrechten während des Ablaufs einer Dopingkontrolle. Unter anderem erhielten Sportler das Anrecht auf eine Anhörung. Sandra Gasser war während ihrer Einsprache nie persönlich angehört worden. Die Berner Mittelstreckenläuferin, die während 28 Jahren den Schweizer Rekord über 800 m inne hatte, erholte sich sportlich von der Sperre. Sie gewann 1990 EM-Bronze und drei Jahre später ebenfalls Bronze an der Hallen-WM.

Wie nahmen Sie denn das Thema Doping während Ihrer Karriere wahr?

Sandra Gasser: In den Achtzigerjahren fing es extrem damit an, dass man unter Athletinnen gewisse Konkurrentinnen verdächtigt hat, nicht sauber zu sein. Man hat geschaut, ob Läuferinnen Barthaare wuchsen, wie tief ihre Stimme war, oder ob das Gesicht voller Bibeli war. Ich habe mir gesagt, dass ich auf der Startlinie nie daran denken darf, welche Gegnerin vielleicht nachgeholfen hat. Wenn man das Gefühl erhält, jemand gehe gedopt ins Rennen, ist es mental enorm schwierig, ihn zu bezwingen.

Wie weit hat sich der Blick auf das Thema Doping im Verlauf der Zeit verändert?

Christoph Kellerhals: Das Staatsdoping der DDR im 20. Jahrhundert ist geschichtlich aufgearbeitet. Dass viele Athleten aus dem damaligen Ostblock und auch aus dem Westen nicht sauber waren, weiss man dank der lückenlosen Aufarbeitung während Jahrzehnten heute sehr genau. Ich denke, dass es heute – mit Ausnahme von Russland – kein solches staatlich gelenktes Doping im grossen Umfang mehr gibt. Es ist alles viel subtiler und individueller geworden. Auch die Operation Aderlass hat gezeigt, dass es letztlich eine überschaubare Gruppe von gedopten Sportlern war. Die Zeiten, in denen einige Ärzte eine Dopingstrategie für ein ganzes Land oder eine ganze Sportart umsetzen, sind vorbei. Das liegt auch an der stark verbesserten Arbeit der Antidoping-Organisationen.

Sandra Gasser: Wobei ich mich sehr daran störe, dass diese Antidoping-Arbeit nicht überall gleich stark ist. Ich würde mir wünschen, dass in allen Ländern ein solch striktes System wäre, wie wir in der Schweiz haben.

Aber einen Arzt braucht es zum Dopen immer noch?

Christoph Kellerhals: Er braucht aber ziemlich viel spezifisches Fachwissen. Es ist ein totaler Irrglaube, dass ein Sportarzt per se einfach so weiss, wie er einen Athleten dopen müsste. In der sportmedizinischen Ausbildung in der Schweiz ist das richtigerweise kein Thema. Das Wissen des Arztes ist ein ganz anderes als das, was zum Dopen tatsächlich verlangt wird.

Sandra Gasser: Mich dünkt, es braucht wahnsinnig viel Mut, diese Grenzen zu überschreiten. Man muss doch immer damit rechnen, dass eine angewandte Methode eines Tages nachgewiesen werden kann. Man kann das ganze Ansehen und seine finanzielle Basis verlieren. Diese permanente Furcht, das alleine müsste Abschreckung genug sein,

Christoph Kellerhals: Ich erkenne bei vielen Dopern ein gewisses schizophrenes Verhalten. Um den ständigen Druck, aufzufliegen überhaupt auszuhalten, verdrängen sie ihr Tun vollständig. Darin sehe ich auch den Grund für die zum Teil skuril anmutenden Erklärungen nach einem Dopingfall.