Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

EVZ-Goalie Leonardo Genoni: «Noch nie wurde ein Trainer meines Teams entlassen»

Am nächsten Freitag beginnt die Eishockeysaison. Torhüter Leonardo Genoni spricht im Interview über seinen Wechsel vom SC Bern zum EV Zug, seine grössten Erfolge und die Heim-WM.
Etienne Wuillemin und Klaus Zaugg
Leonardo Genoni ist in Zug angekommen. (Bild: Stefan Kaiser, Zug, 5. August 2019)

Leonardo Genoni ist in Zug angekommen. (Bild: Stefan Kaiser, Zug, 5. August 2019)

Welche Fragen können Sie schon bald nicht mehr hören?

Leonardo Genoni: Die Fragerei hält sich in Grenzen, unser Interview ist das zweite oder dritte vor der Saison. Ich werde nicht grantig, wenn ich immer wieder nach den Gründen für den Wechsel zu Zug gefragt werde.

Diese Fragen sind ja logisch: die Erwartungen sind hoch, Sie sind für die Zuger so etwas wie ein «Heilsbringer», der endlich den ersten Titel seit 1998 garantieren soll.

Ich weiss, was es braucht und wie lange es dauert, bis eine Meisterschaft entschieden ist. Und auch, wie viele Stolpersteine auf dem Weg zu einem Titel liegen. Ich war auch nicht jedes Jahr Meister.

Aber als fünffacher Meister wissen Sie, wie die Stolpersteine umgangen werden können.

Ja, sicher. Aber ich bin einer von sechs Spielern auf dem Eis und einer von 22 in der Mannschaft.

Aber Sie bringen etwas Spezielles mit. Was ist das?

Der Wille, immer weiterzumachen, aufzustehen, wenn man hingefallen ist und vorwärts zu schauen.

Aber die Erwartungen in Zug sind höher als die Erwartungen bei Ihrer Ankunft in Bern.

So? Finden Sie?

Ja. Bern war auch ohne Sie schon oft Meister.

Der Wechsel von Davos nach Bern war für mich eine grosse Herausforderung. Ich musste in Bern meine Leistungen bestätigen. Das war nicht einfach und ich bin in Bern als Sportler und Mensch gereift.

Warum wechselten Sie damals eigentlich nach Bern?

Ich hätte in Davos bleiben können. Aber ich suchte eine neue Herausforderung und habe die Option genutzt, um ein Jahr vor Vertragsablauf wechseln zu können. Ich wollte einen Schritt vorwärts machen, ich spürte, dass ich etwas ändern muss.

Haben sie gespürt, dass sich in Davos ein Gewitter zusammenbraut?

Nein, wir sind 2015 Meister geworden und in meiner letzten Saison erreichten wir 2016 den Halbfinal. Die Krise hat sich nicht abgezeichnet.

In Bern haben Sie nun ein Tabu gebrochen. Noch nie hat ein grosser Torhüter den SCB verlassen. Wie war der Abschied?

So wie ich es mir erträumt habe. Wir haben das letzte Spiel gewonnen und alle freuten sich sehr.

Und alle machen gute Miene zu Ihrem Abschied?

Es wäre wohl schwieriger gewesen, wenn wir in den Playoffs früh ausgeschieden wären.

Also «no bad feelings»?

So ist es. Es war ein Abschied im Guten und ich pflege weiterhin gute Kontakte zu einigen Spielern.

Ein Final gegen Bern wäre aber im nächsten Frühjahr schon speziell.

Sie schauen aber weit nach vorne! Aber ich habe tatsächlich noch nie einen Final gegen den SCB gespielt.

Es wäre die ultimative Herausforderung.

Es spielt keine Rolle, wer in einem Final auf der anderen Seite steht.

Viele zerbrechen an hohen Erwartungen. Sie nicht. Wie machen sie das?

Mit ehrlicher, harter Arbeit. Jeden Tag.

Das machen und sagen eigentlich alle Profis.

Ich weiss nicht, ob ich etwas anders mache als andere. Ich helfe einfach meinen Mitspielern, Fehler auszubügeln. Sie überschätzen meinen Anteil. Ich habe noch nie ein Tor erzielt und daher noch nie ein Spiel entschieden. Wie machen Sie ihre Mitspieler besser? Ich versuche ihnen das Gefühl zu geben, dass hinter ihnen noch einer steht und ich versuche herauszufinden, was als nächstes passieren wird. Nur so können meine Mitspieler und ich richtig reagieren. Wir sind nicht fünf, sondern sechs Feldspieler auf dem Eis. Bis wir einander verstehen, dauert es eine Weile und wir stecken noch in diesem Entwicklungsprozess. Deshalb haben wir in der Vorbereitung dumme Tore kassiert.

Wie funktioniert die Interaktion mit Ihren Vorderleuten?

Durch Zurufe.

In Englisch?

Ich versuche eigentlich, vom Englisch abzukommen.

Um in einer Geheimsprache, die der Gegner nicht versteht, Anweisungen zu geben?

Nein, das nicht gerade.

Haben Sie das schon immer so gemacht?

Nein, lange Zeit habe ich mich auf eingeübte Regeln verlassen. Kommt die Scheibe beispielsweise tief, dann machen wir es so und so. Das funktioniert heute nicht mehr. Der Gegner stellt sich sofort darauf ein. Heute wird die Taktik während des Spiels laufend angepasst und Flexibilität ist gefragt.

Wie hat sich das Hockey in zwölf Jahre verändert?

Sehr erfreulich. Das Spiel ist extrem schnell geworden, wir Goalies müssen viel schneller Situationen einschätzen und reagieren. Die andere Seite sind die Verletzungen, die durch das höhere Tempo schwerer werden.

Machen Sie sich darüber Gedanken?

Nein, im Spiel drin nicht. Aber wenn ein Mitspieler, der neben mir in der Garderobe sitzt für längere Zeit ausfällt, macht man sich schon Gedanken.

Was ist der grösste Unterschied zwischen dem Leonardo Genoni, der einst von Zürich nach Davos wechselte und dem Leonardo Genoni von heute?

Das Alter.

Was bewirkt dieses Alter?

Ich bin gelassener geworden.

Wie wirkt sich das aus?

Ich bin sehr ehrgeizig. Das ist meine Stärke und Schwäche. Ich war früher zu ungeduldig. Inzwischen weiss ich, dass ich zehn Tage brauche, um etwas zu lernen. Und dass es nicht in zwei Tagen erzwungen sein kann.

Ist das Defensivsystem von Bern – der «Jalonen-Riegel» – so gut, dass es auch ohne Leonardo Genoni geht?

Diese Antwort möchte ich gerne von Ihnen hören.

Wir wissen keine Antwort. Aber Sie verstehen unsere Frage? Wenn es in Bern nun einfach gleich weiter geht auch ohne Sie, müssen wir ja Zugs Sportchef fragen, wozu er sich eigentlich so viel Mühe gemacht hat Sie zu holen.

Mir macht es überhaupt nichts aus, wenn sich herausstellen sollte, dass ich nicht die Ursache für Berns gute Saison war. Ich bin stolz darauf, dass ich ein Teil dieser Mannschaft sein durfte und ich profitierte vom Spielsystem. Wir haben uns im Goalieteam drei Ziele gesetzt und alle erreicht.

Welche Ziele waren das?

Das erste war, nicht 100 Tore zuzulassen. Wie viele Tore haben wir letzte Saison bekommen?

99.

Richtig. Es ist am Ende noch knapp geworden. Und die anderen zwei? Die waren persönlicher Natur.

Was war Ihr bisher grösser Sieg?

Lassen Sie mich nachdenken.

Es ist ein gutes Zeichen, wenn man so viele grosse Siege gefeiert hat, dass man erst nachdenken muss, welches der grösste war.

Nein, es ist etwas anderes. Ich muss es nur richtig formulieren. Mein grösser Erfolg ist die Tatsache, dass noch nie ein Trainer einer Mannschaft entlassen worden ist, für die ich gespielt habe.

Sie hatten ja auch erst zwei Trainer – Arno Del Curto und Kari Jalonen.

Aber ich spiele schon 13 Jahre in der Liga.

Dann würde Sie ein Trainerwechsel womöglich aus der Bahn werfen. Was uns zur Frage führt: Kann Genoni Krise?

So weit werden wir es nicht kommen lassen.

Vermissen Sie etwas in Ihrer Karriere. Beispielsweise ein Versuch in der NHL?

Überhaupt nicht. Es hat sich einfach nie ergeben und ich hatte nie ein Angebot aus der NHL. Es gibt genug Herausforderungen in der Schweiz und ich hatte das Glück, dass ich 2007 nach Davos in die höchste Lia wechseln konnte. Das war keineswegs selbstverständlich, ich hatte bis dahin noch keine einzige Partie in der NLA gespielt und ich bin heute noch dankbar dafür, dass ich diese Chance bekommen habe. Es war das Glück, das man braucht.

Ist es boshaft, wenn wir sagen, der Ausgleich im WM-Viertelfinal gegen Kanada 0,4 Sekunden vor Schluss sei haltbar gewesen?

Diese Frage kann ich nicht beantworten. Ich habe die TV-Bilder dieses Tores noch nie richtig angeschaut.

Das glauben wir Ihnen nicht.

Es ist aber so. Ich habe nur Bilder aus einer seitlichen Perspektive gesehen und darauf ist nicht genau zu erkennen, was passiert ist und ob der Puck noch abgelenkt worden ist. Aber ich habe natürlich in allen Variationen diese 0,4 Sekunden gesehen. Man sagt schon jedem Junior, dass das Spiel erst nach 60 Minuten zu Ende ist und das musste ich nun erfahren. Als die Kanadier in Puckbesitz kamen, habe ich auf der Uhr gesehen, dass es noch 7 Sekunden dauert und da wusste ich, dass noch viel passieren kann. Ich dachte dann, es sei noch knapper als 0,4 Sekunden gewesen. Tom Lüthi hat mir später gesagt, 0,4 Sekunden sei nicht knapp, sondern sehr viel. Wenn er 0,4 Sekunden verliere, stehe er gleich drei oder vier Reihen weiter hinten. Oder wenn wir an die Skifahrer denken… Fragen Sie mal einen Slalomfahrer, wie «knapp» er einen Rückstand von 0,4 Sekunden empfinde!

Aber es war wohl der Gegentreffer mit den dramatischsten Auswirkungen.

Die Enttäuschung nach der Niederlage war gross. Wir hätten ja in der Verlängerung noch eine Chance gehabt und ich war eigentlich zuversichtlich, dass wir es noch schaffen. Aber im Rückblick betrachte ich die Sache ganz nüchtern: Eigentlich gibt es nach jedem Gegentreffer einen Grund zur Kritik und man kann an jedem Tor lange herumstudieren. Aber am Ende ist es so, dass wir an der WM vier Spiele gewonnen und vier verloren. Ist das gut oder schlecht?

Das ist gut.

Gut? Vier von acht Spielen gewinnen ergibt eine Quote von 50 Prozent. In der Meisterschaft wird es schwierig, mit diesen 50 Prozent überhaupt die Playoffs zu erreichen. Wir waren einfach zu wenig gut.

Aber Sie haben gegen die Gegner, gegen die Sie gewinnen mussten, gewonnen.

Ja, das ist der grösste Fortschritt. In den letzten drei Jahren haben wir diese Partien gewonnen.

Nun wartet mit der Heim-WM im nächsten Frühjahr die ganz grosse Herausforderung.

Bei dieser WM will ich unbedingt dabei sein und ich setzte alles daran, ein Teil dieser Mannschaft zu sein.

Bedeutet eine Heim-WM auch einen Heim-Nachteil wie es Ralph Krueger einmal formuliert hat?

Ich war bei der letzten Heim-WM 2009 nicht dabei. Ich sehe mehr den Heimvorteil. Die Chance die Euphorie mitzunehmen. Ich spüre die Vorfreude und wir die Spieler sind greifbar, nahe an den Leuten. Ich denke, das wird geschätzt und wir müssen diese Chance unbedingt packen.

Möchten Sie, dass Ihre Kinder auch Hockeyprofi werden?

Ich möchte, dass meine Kinder etwas machen, woran sie Spass haben. Ich sage jeden Tag, dass ich zum Spielen gehen darf und nicht zur Arbeit muss.

Eishockey ist sozusagen Ihr Hobby?

Der Ausdruck kann missverstanden werden, weil man ja ein Hobby auch die leichte Schulter nehmen kann. Eishockey ist meine Leidenschaft und ich liebe es, im Tor zu stehen. Nur wenn man an etwas Freude hat, kann man es richtig machen. Eher ist es so, dass ich mein Hobby zum Beruf gemacht habe.

Dann war eher das Studium Ihr Hobby?

Ja, eher.

Wie steht es damit?

Ich haben den Master of Science in Betriebswirtschaft gemacht.

Das ist der erste Schritt, um nach Ihrer Karriere der neue Marc Lüthi zu werden.

Aber jetzt habe ich noch Freude am Hockeyspielen.

Hilft ein Studium, also etwas, das vom Hockey ablenkt?

Mir hat es extrem geholfen. In Davos habe ich mir ein Jahr Zeit als Profi gegeben. Dann habe ich mit dem Studium angefangen. Aber jeder muss selber herausfinden, was richtig ist.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.