«Les Bleues» glauben an ihren Traum

Am Freitag beginnt in Paris mit der Partie zwischen Frankreich und Südkorea (21 Uhr) die Weltmeisterschaft der Frauen. Die Französinnen wollen den Exploit der männlichen Kollegen vor einem Jahr wiederholen.

Stefan Brändle, Paris
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Amandine Henry (links), hier im Duell mit Japans Yui Hasegawa, ist der Star des französischen Nationalteams. (Bild: Francois Mori/AP (Auxerre, 4. April 2019))

Amandine Henry (links), hier im Duell mit Japans Yui Hasegawa, ist der Star des französischen Nationalteams. (Bild: Francois Mori/AP (Auxerre, 4. April 2019))

Frankreich ist keine Fussballnation wie Deutschland oder England: Die nationale Meisterschaft vermag die Massen selten zu packen. Doch wehe, wenn die Leidenschaft erwacht. So war es 1998, als die Zidane-Truppe die Nation in den siebten Himmel spielte. Und so war es im vergangenen Juli, als die Mannschaft von Didier Deschamps einen zweiten WM-Stern an ihr blaues Hemd heftete. Auf diesen Effekt setzt am Freitag auch die französische Frauen-Nationalelf, wenn sie vor ihrem eigenen Publikum die WM in Angriff nimmt. Frauenfussball in Frankreich fristet etwa das gleiche Los wie Männer-Eishockey: Die Spiele werden von einem kleinen Kreis von Eingeweihten verfolgt; dass trotzdem eine starke Nationalmannschaft daraus resultiert, hat vor allem mit der Weite des Landes und der Anzahl der Vereine zu tun. Deshalb können die «Bleues», also die weiblichen Nationalspielerinnen, aus dem Vollen schöpfen: Von der Bretagne bis Nizza, von Montpellier bis in den hohen Norden gibt es zahlreiche Profiklubs. Die beiden stärksten sind Paris Saint-Germain und Olympique Lyonnais. OL hat schon mehrfach die Champions-League gewonnen.

Immigration sorgt für viele Nationalspielerinnen

Dass das Reservoir an Spielerinnen so gross ist, verdankt sich nicht zuletzt – wie bei den Männern – der Immigration. Die so genannten Banlieue-Viertel stellen gut die Hälfte der 23 Spielerinnen der nationale Auswahl, die heute das Eröffnungsspiel gegen Südkorea bestreiten wird. Kadidiatou Diani ist eine von ihnen. Die 24-jährige Stürmerin ist zum Fussball gekommen, wie man das in ihrem Herkunftsland Mali, aber auch in den französischen Vorstädten tut: Sie spielte mit ihrem Bruder auf der Strasse. Ab neun trat sie in lokale Klubs ein – Vitry, Ivry, Juivisy, alles Namen, die für Franzosen nach Banlieue-Ghettos klingen. Diani ist Torjägerin, machte sich aber auch einen Namen für ihr Passspiel. Mit 16 erhielt sie ein Angebot, wovon Hunderttausende Immigrantenkinder im Grossraum Paris träumen: Sie wurde in die erste Mannschaft von PSG berufen. In der Nationalmannschaft gilt sie als Matchwinnerin. Wie ihr Vorbild Zidane. «Ich habe die Videos der WM 98 geschaut», sagt sie. «Als unsere Mannschaft die Trophäe hochhob, sagte ich mir: Warum nicht wir?»

Ein anderes Beispiel ist Amel Majri. Die 25-jährige Franko-Tunesierin ist die Stütze der französischen Verteidigung. Die französische Sportpresse nennt sie «couteau suisse» (Schweizer Taschenmesser), weil sie sehr vielseitig ist und mit ihren Positionswechseln gegnerische Teams destabilisiert. Majri, in Tunesien auf die Welt und mit einem Jahr in die Lyoner Vorstadt Vénissieux gekommen, begann ebenfalls auf der Strasse Fussball zu spielen; bei Olympique Lyonnais musste sie sich zuerst in einer gemischten Mannschaft behaupten. Danach durchlief sie den typischen Werdegang vieler französischer Banlieue-Sportler: Sie spielte zuerst in tunesischen Nationalteams, weil sie auch den tunesischen Pass besitzt. Als sie aber den sportlichen Durchbruch schaffte, musste sie sich auf Drängen des französischen Fussballverbandes entscheiden; und wie die meisten Männer entschied sie sich für Frankreich – sei es wegen ihres nationalen Zugehörigkeitsgefühls oder wegen der sportlichen Perspektiven. Im Nationalteam trägt Majri die mythische Nummer 10, die bei den Männern schon Platini oder Zidane trugen.

Als Prämie gibt es zehn Mal weniger als bei den Männern

Der Star der «Bleues» ist Amandine Henry. Sie stammt nicht aus einer Immigrantensiedlung am Rand einer Grossstadt, sondern einem sozial nicht viel besser gestellten Vorort von Lille. Die 29-jährige Spielmacherin spielte ebenfalls bis 13 in einer gemischten Teams.

Ihre erste Berufung in die Nationalmannschaft erlebte Henry schon vor zehn Jahren, in einem Freundschaftsspiel gegen die Schweiz. Mit ihrem Spitzenklub OL gewann der Star zehnmal die nationale Meisterschaft und fünfmal die Champions League. Zum WM-Beginn hat Henry eine Art Tagebuch ihres Aufstiegs herausgegeben. Das Buch richtet sich an Mädchen, die es aus ihren anonymen Vororten oder Banlieue-Vierteln ins Rampenlicht geschafft haben, und heisst «croire en ses rêves» – «an seine Träume glauben». Es könnte die inoffizielle WM-Losung der «Bleues» sein.

Kleines Detail: Wenn sie den WM-Titel gewinnen sollten, winkt den «Bleues» eine Prämie von 40 000 Euro. Das ist fast zehnmal weniger als die Männerkollegen, die bei ihrem WM-Sieg 2018 je 370 000 Euro eingestrichen hatten.