Liam Sketcher verlässt Volley Luzern in Richtung Niederlande – wegen der Liebe

Liam Sketcher formte Volley Luzern zu einem Titelanwärter. Nun verlässt er den Klub und zieht zu seiner grossen Liebe.

Stephan Santschi
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Liam Sketcher am Seeufer in Luzern: «Im Herzen bin ich ein Lehrer.»

Liam Sketcher am Seeufer in Luzern: «Im Herzen bin ich ein Lehrer.»

Bild: Patrick Hürlimann (Luzern, 20. März 2020)

Der «cracking moment». Der krachende Moment, der dem Geschehen eine neue Richtung gibt. Er ereignete sich laut Marius Birrer am 11. Dezember 2019. Birrer ist Assistenztrainer des NLA-Teams von Volley Luzern und die Episode, die er erzählt, ereignete sich im Hinspiel des 1/16-Finals im Challenge Cup gegen das hoch dotierte Montpellier. Die Franzosen führten 1:0 nach Sätzen, im zweiten Durchgang stand es aber 25:25-Remis. «Der Gegner war nahe an der Panik. Ich hörte, wie der Trainer einem Spieler eine Lohnreduktion auf 30 Prozent androhte. Es wurde geflucht, gewütet, gewechselt.»

Montpellier gewann den zweiten Satz zwar mit 27:25 und das Spiel letztlich mit 3:0. Für die Akteure von Volley Luzern habe dieser Moment aber Signalwirkung gehabt, ist Birrer überzeugt. «Sie haben erkannt, dass sie jemand sind. Das war faszinierend.» Bis dahin sei die Saison eher holprig verlaufen, auch gegen Trainer Liam Sketcher hätten im Team durchaus gewisse Kräfte gewirkt. «Im Sommer kam es zu einigen personellen Veränderungen. Es war ungewiss, ob wir alle zusammen passen. Mit jedem Sieg merkten die Spieler aber: Läck, das funktioniert ja wirklich!»

Familienplanung mit Anna in den Niederlanden

Im Januar und Februar mischten die Luzerner die nationale Szene regelrecht auf. Sie gewannen 12 von 13 Spielen, schlugen jeden Ligakontrahenten mindestens einmal, zogen in den Cupfinal und die Playoff-Halbfinals der NLA ein. So erfolgreich war im Männer-Volleyball noch nie ein Zentralschweizer Team. «Wir hatten eine gute Chance auf eine, vielleicht sogar auf zwei Trophäen», sagt Trainer Liam Sketcher. Doch dann kam am 13. März der Saisonabbruch wegen des Corona-Virus und so muss der 37-jährige Australier festhalten: «Es fühlt sich an wie ein unerledigtes Geschäft. Das ist sehr unbefriedigend.»

Erst recht, wenn man bedenkt, dass Sketcher den Verein verlassen wird. Nach drei Jahren geht er sozusagen durch die Hintertür, ohne offizielle Verabschiedung. «Ich liebe Volleyball und Luzern. Ich war hier in vielen Bereichen meines Lebens zufrieden. Künftig möchte ich aber näher bei Anna sein», erklärt Sketcher den Entscheid, den er bereits Anfang Jahr schweren Herzens getroffen hatte. Die Niederländerin lernte er vor sieben Jahren in Australien kennen, mittlerweile arbeitet sie in ihrer Heimat im Gesundheitswesen der Regierung. «Ihr Job ist zu gut, um ihn aufzugeben.» In Ede, einem Städtchen zwischen Utrecht und Arnheim, haben sie ein Haus gekauft. «Dort möchten wir dereinst eine Familie gründen.» Wo er seine Karriere fortsetzen wird, weiss Sketcher noch nicht. Er bleibt Assistenztrainer der australischen Nationalmannschaft, zudem steht er in Kontakt mit Klubs aus Belgien und Holland. Grenzen nach oben, hat er sich keine gesetzt. «Ich möchte so weit kommen, wie es geht», sagt er. Vor Luzern war er Chefcoach in Dänemark, wurde Meister und Cupsieger.

Geboren und aufgewachsen ist Sketcher in der Metropole Melbourne. Er studierte Erziehung und Journalismus, arbeitete unter anderem mit einem verhaltensauffälligen Kind. «Im Herzen bin ich ein Lehrer.» Sport war stets ein wichtiger Bestandteil seines Lebens, «ich spielte Basketball, Australian Football, Volleyball». Die Familie nahm jeweils Tennis-Qualifikanten der Australian Open auf, im Gegenzug gab es Tickets fürs Stadion. Auch die Freude an der Musik entdeckte er früh, sein Vater wirkte in vielen Musicals mit. «Ich spiele Piano, Trompete, Gitarre und Schlagzeug. Als Ausgleich komponiere ich Lieder», sagt Sketcher, um mit einem Lächeln anzufügen: «Das tue ich für mich. Es ist nichts, was andere geniessen könnten.»

Mit Selbstvertrauen und Harmonie zum Erfolg

Bescheidenheit ist ein wesentlicher Bestandteil seines Charakters, ein anderer ist die Ruhe, auch in den kritischsten Momenten. «Liam kann sehr laut werden», verrät Assistent Birrer. «Doch seine Anweisungen sind präzis, er ist absolut fokussiert. Er würde nie jemanden klein machen.» Diese Harmonie war spürbar, auch in den Time-outs. «Dann schauten die Spieler nicht zum Gegner, nicht ins Publikum, sondern sich gegenseitig in die Augen», erzählt Birrer.

Besonders bemerkenswert: das unbändige Selbstvertrauen. Immer wieder machten die Luzerner Rückstände wett, von acht Tiebreaks gewannen sie sechs. Sketcher legte bei den Spielern grossen Wert auf Eigenverantwortung. «Und sie sollen etwas riskieren. Dann leben wir auch mit den Konsequenzen – sprich, mit Fehlern», erklärt Sketcher. Kein Zweifel, sie werden ihn vermissen in Luzern. «Wir sind sehr traurig, dass er geht», sagt Teamchef Josef Wicki. «Wie er den Spielern Vertrauen vermittelte, war schon fast magisch.»