Gastkommentar

Leichtathlet Alex Wilson zum 1. August: «Ich habe so viele gute Menschen kennen gelernt, die mir auf meinem Weg zum schnellsten Schweizer geholfen haben»

Die Gedanken des Schweizer Leichtathlets mit jamaikanischen Wurzeln zum Nationalfeiertag.

Alex Wilson
Drucken
Teilen

Keystone

Liebe Schweizerinnen und Schweizer,

Nach einem Sprintrennen kann ich kaum mehr Schnurre, so fescht bin ich am Schnuufe. Aber jetzt ist es ja anders. Ich darf und kann und soll bei dieser 1.-August-Rede ausgiebig drauflos plaudern – über das, was ich will. Sonst sind es ja die Reporter, die mir die Stichwörter liefern, wenn sie mir das Mikrofon vor die Nase halten.

Zwar wurde mir für diesen Text vorgeschlagen, vielleicht irgendetwas zu «Black Lives Matter» einzubauen. Aber ich weiss nicht so recht. Ich bin bekannt dafür, dass ich kein Blatt vor den Mund nehme und die Dinge so sage, wie sie sind. Trotzdem habe ich einen Riesenrespekt davor, über dieses Thema zu sprechen. Die Gefahr ist gross, falsch verstanden zu werden – und schon bist du in einem Shitstorm drin. Darauf habe ich ganz ehrlich keinen Bock, auch wenn das Thema wichtig ist.

Und dann kommt noch was Anderes dazu: Wenn es um Widerstand gegen Rassismus geht, dann kommen mir immer Muhammad Ali und Martin Luther King in den Sinn. Die beiden haben so viel Intelligentes gesagt zum Thema – und wie sie es gesagt haben! So charismatisch, so unglaublich überzeugend.

Ich wurde ja schon als grössenwahnsinnig bezeichnet, weil ich scherzeshalber gesagt habe, jetzt sei die Zeit von Olympiasieger Usain Bolt vorbei – «jetzt chunnt de Alex!» Aber wenn ich nun plötzlich auf Muhammad Ali oder Martin Luther King machen würde, dann hätte ich wirklich den Grössenwahn. Also lasse ich es bleiben.

Was schliesslich auch noch eine Rolle spielt: Es ist jetzt nicht so, dass ich in der Schweiz jeden Tag Rassismus begegne. Wenn überhaupt, dann handelt es sich eher um einen niederschwelligen Rassismus. Natürlich nervt das.

Trotzdem möchte ich mich nicht zu lange damit aufhalten. Lieber sehe ich das Positive. Ich freue mich darüber, dass mir die meisten Menschen in der Schweiz, denen ich begegne, wohlgesinnt sind. Ich erhalte viel Zuspruch auf der Strasse, die Leute freuen sich sichtbar, wenn sie mich sehen.

Bis 13 hatte ich in meiner ersten Heimat Jamaika noch keine eigenen Schuhe besessen. Das Leben war einfach, aber okay. Als ich dann mit 15 meiner Mutter in die Schweiz folgte, war es zuerst einmal kalt und düster. Aber die Herzen meiner Mitmenschen waren es nicht. Ich habe so viele gute Menschen kennen gelernt, die mir auf meinem Weg zum schnellsten Schweizer geholfen haben.

Ich möchte jetzt keine Namen nennen, sonst wird es zu lang. Wir sind ja nicht an einer Oscar-Verleihung, wo stundenlang gedankt wird, sondern es geht hier immer noch um eine 1.-August-Rede. Und die soll gutschweizerisch knapp und präzis wie ein Uhrwerk sein.

Auf jeden Fall bin ich all jenen in diesem Land dankbar, die bereit sind, so viel zu geben. Auch wenn ich gerade verletzt bin (die Leiste!) – ich möchte mich für euren Goodwill unbedingt revanchieren und spätestens nächste Saison wieder schneller als andere durch die Welt rennen. Alles Gute zum 1. August, liebe Mitschweizerinnen und Mitschweizer, und bleibt gesund!

Euer Alex Wilson