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Lieber absteigen, als die eigene Identität verraten: Athletic Bilbao vor dem Spiel gegen Barcelona

Am Sonntag empfängt Athletic Bilbao in der Meisterschaft Spitzenreiter Barcelona. Weil dem baskischen Verein Identität wichtiger ist als Erfolg, erlebt dieser eine durchzogene Saison und blickt einer schwierigen Zukunft entgegen – obwohl er im Geld schwimmt.
Philipp Wolf
Momente des Jubels gibt es derzeit bei Bilbao nicht im Übermass. (Bild: Luis Tejido/EPA)

Momente des Jubels gibt es derzeit bei Bilbao nicht im Übermass. (Bild: Luis Tejido/EPA)

Geld allein macht nicht glücklich – auch in der Welt des Fussballs nicht. Das wissen die Verantwortlichen von Athletic Bilbao nur all zu gut. Der Club, von Einheimischen lediglich «Athletic» genannt, schwimmt geradezu im Geld. Die Nordspanier besitzen Reserven von ungefähr 225 Millionen Franken, während sie gleichzeitig eine schwache Saison spielen; zum Jahreswechsel lagen sie auf einem Abstiegsplatz.

Jeder andere Verein würde die Geldreserven in so einer Situation dazu nutzen, sich zu verstärken. Nicht so die Basken. Denn bei Athletic gilt seit jeher ein ungeschriebenes Gesetz: Es werden nur Spieler verpflichtet, die baskische Wurzeln haben. 1898 gegründet, ist Athletic neben Real Madrid und Barcelona der einzige Verein, der seit der Gründung der Primera Division durchwegs erstklassig spielt. Die Clubtradition ist so wichtig, dass sie auch bei einem drohenden Ende der Erstklassigkeit nicht in Frage gestellt wird. Lieber steige man ab, als die Identität des Clubs aufzugeben, so der Tenor.

Stolz auf den eigenen Weg

Josu Urrutia, bis Ende 2018 Präsident von Athletic, sagte der «New York Times» dazu:

«Wir sehen das folgendermassen: Jeder Verein kann gewinnen oder verlieren. Wir wollen auf unsere eigene Art gewinnen oder verlieren.»

Aitor Elizegi, Urrutias Nachfolger, wird von dieser Haltung ebenso wenig abrücken. Der Weg, den Athletic geht, ist romantisch und zugleich hochprofessionalisiert. Die Nachwuchsakademie des Vereins gehört weltweit zu den modernsten – und die Resultate der Förderung sind beachtlich. Zwei Nachwuchsspieler werden pro Saison ins Kader der ersten Mannschaft integriert.

Athletics Talentschmiede anschliessen konnten sich ursprünglich nur Kinder, die im Baskenland (siehe Grafik) geboren wurden. Die Trainings werden oft in Baskisch geleitet; weder Spanisch noch irgendeine andere Sprache ist damit verwandt. Kritiker sahen die Auswahlkriterien als ausschliessend – vor allem in einer Zeit von verstärkter Migration und Multikulturalität. Urrutia erwidert darauf, Athletic habe die Tradition der Gegenwart angepasst. Wichtig sei, dass die Spieler eine baskische Identität besässen.

Transfermarkt als letzte Option

Diese könne auch noch im Alter von 14 oder 15 Jahren geformt werden. So steht heute auch Kindern Zugezogener der Weg in Bilbaos Akademie frei. Bestes Beispiel dafür ist Iñaki Williams. Der Sohn einer Ghanaerin und eines Liberianers wurde in Bilbao geboren und spielt seit bald vier Jahren für den Club.

Kann eine Position einmal nicht mit einem Eigengewächs besetzt werden, so sucht Bilbao bei anderen Clubs nach adäquatem baskischem Ersatz. Jüngstes Beispiel ist Yuri Berchiche. Der 28-jährige Linksverteidiger begann seine Laufbahn in Athletics Organisation, verliess den Verein vor elf Jahren und kehrte im vergangenen Sommer von Paris St-Germain nach Bilbao zurück. Da die Konkurrenz um Athletic limitiertes Spielerreservoir weiss, muss der Club für neue Spieler oft tief in die Tasche greifen.

Die anderen baskischen Profivereine legen ebenfalls Wert auf ihre Wurzeln, tun dies aber nicht so strikt wie Bilbao. San Sebastian beispielsweise verpflichtet immer wieder nicht-Basken und Ausländer – wie den Schweizer Nationalstürmer Haris Seferovic vor gut vier Jahren. Die restlichen Clubs aus der Region – Alaves, Eibar und Osasuna – handeln ähnlich wie San Sebastian. Mit seiner aus der Zeit gefallenen Vereinsphilosophie ist Athletic das Einhorn des Fussballs – und wird immer wieder Opfer des eigenen Erfolgs.

Festgeschriebene Ablösen eine Gefahr

In den vergangenen Jahren beendete der Club die Saison regelmässig im vordersten Drittel der Tabelle, spielte europäisch und erreichte 2012 gar den Europa-League-Final. So verwundert es nicht, dass Grossclubs immer wieder Interesse an Bilbaos Spieler bekunden. Das Verhandeln ist oft simpel für Bilbaos Führungsriege: Sie sagt einfach nein zu jedem noch so lukrativen Angebot und appelliert gegenüber dem Spieler an dessen baskische Identität und hofft auf Loyalität. Urrutia sagt:

«Wir brauchen das Geld nicht wirklich.»

Der Verein lässt sich diese Loyalität auch etwas kosten. Mit über viereinhalb Millionen pro Jahr, verdienen Bilbaos Spieler im Schnitt deutlich mehr als Profis von Teams vergleichbarer Stärke. Da in Spanien jedoch jeder Vertrag eine festgeschriebene Ablösesumme beinhalten muss, sind den Basken immer wieder die Hände gebunden. Schon oft verlor Athletic Schlüsselspieler, weil ein Verein bereit war, die Ausstiegsklausel eines Spielers zu aktivieren.

Im vergangenen Sommer aktivierte Chelsea zum Beispiel Torhüter Kepas Klausel, in dem der Club für den 24- Jährige 95 Millionen Franken an Athletic überwies. Will der Traditionsverein an seiner Philosophie festhalten und erstklassig bleiben, müssten die Ausstiegsklauseln aller Spieler erneuert werden. Nur mit Ablösesummen in Milliardenhöhe wäre Athletic wohl in der Lage, sich zahlungskräftige Spitzenclubs – zumindest in naher Zukunft – vom Leib zu halten. Ansonsten drohen die Basken bald in all ihrem Geld zu ertrinken.

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